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Kunst

16. September 2015

Hanne Darboven in Bonn: Das Leben als Hausaufgabe

 Von 
Hanne Darboven im Atelier, Hamburg 1987, fotografiert von Hermann Dornhege.  Foto: Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn, 2015

Hanne Darboven schrieb mit der Zeit um die Wette. Jetzt wird die Außenseiterin in der Bundeskunsthalle Bonn gefeiert.

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Ich habe ein reines Gewissen; ich habe meine tausend Seiten geschrieben.“ Man sieht Hanne Darboven beinahe vor sich, wie sie nach einem langen Tag in ihrem Hexenhäuschen erleichtert die Ärmelschoner abstreift und wieder ein Stück Lebens- und Weltzeit zu den Akten legt.

In den 60er Jahren begann der Spross einer Hamburger Handelsfamilie, sich mit einer Gründlichkeit, die gleichermaßen grandios, einschüchternd und furchterregend ist, zur menschlichen Registriermaschine zu degradieren. Tagtäglich führte sie Buch, indem sie schier endlose Zahlenkolonnen aneinanderreihte, nichts als Wellenlinien übers Papier zog oder wie beim Diktat Texte übertrug. Jahrzehntelang ging das so, bis sie 2009 im Alter von 67 Jahren starb. Geradezu erleichtert nimmt man zur Kenntnis, dass Darboven zwei professionelle Schreiberinnen beschäftigte. Wobei sich sogleich die Frage stellt: Was bedeutet diese Hilfe für Darbovens Gewissen?

In der Bonner Bundeskunsthalle quillt jetzt ein kleiner Teil des Darboven’schen Werks aus der Schublade – rund 11 800 Exponate hat Intendant Rein Wolfs gezählt. Die Mehrzahl davon sind handbeschriebene Seiten aus Kalendern, Heften oder Notizbüchern, jeweils sauber hinter Glas gerahmt; allein die Urfassung der „Schreibzeit“ (1975-81) hat 2584 Blätter und bedeckt, in Reih und Glied gehängt, mehrere turmhohe Wände der Bundeshalle. Als Mediziner würde man davor vielleicht auf Zwangsneurose tippen, als Kunsthistoriker weiß man, dass gerade das Manisch-Automatenhafte ihrer Kunst Darboven heute zur großen alten Dame der Nachkriegsmoderne macht.

Bonn
München
Katalog

Die Ausstellung „Hanne Darboven – Zeitgeschichten“ ist bis zum 17. Januar in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen. www.bundeskunsthalle.de

Die Bonner Schau gehört zu einer Retrospektive in zwei Teilen. Der zweite Teil wird am 17. September im Münchner Haus der Kunst eröffnet und ist dort bis zum 14. Februar zu sehen. Der Münchner Ausstellungsteil steht unter dem Motto „Aufklärung“.

Der Katalog zur Ausstellung, der beide Teile zusammenfasst, erscheint voraussichtlich Mitte Oktober im Prestel Verlag und kostet 49,95 Euro.

Als Darboven 1966 aus Hamburg nach New York zog, hatte sie noch beinahe klassische Naturstudien im Gepäck. Bald erlag sie dem Geist des Minimalismus und zeichnete auf hausgemachter Mathematik basierende geometrische Geflechte auf Millimeterpapier.

Es war eine Zeit, in der nur Kunst, die nicht mehr als solche zu erkennen war, als etwas galt; mit dem nächsten Schritt stellte Darboven dann alles in den Schatten, was die Konkurrenz an Selbstaufgabe zu bieten hatte. Selbst On Kawara, der damit berühmt wurde, das Datum eines jeden Tages zu malen (so er denn bis Mitternacht damit fertig wurde), wirkt neben der fleißigen Biene Darboven wie eine Drohne.

Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg stellte sich Hanne Darboven heroisch in den Dienst einer aussichtslosen Sache: Sie entwickelte eine „mathematische Prosa“, um damit Quersummen aus den Daten von Tagen, Monaten und Jahren zu ziehen, kopierte Klassiker der Weltliteratur ebenso wie Passagen aus dem Großen Brockhaus und unternahm 1979 mit der auch als Buch erschienenen literarischen Montage „Bismarckzeit“ einen rührenden Versuch, so etwas wie Sinn zu produzieren. Aber das Einzige, was von dieser in Bonn die Wand hoch tapezierten Schreibarbeit im Gedächtnis bleibt, ist ein Kalauer: „Einer spinnt immer, wenn 2 spinnen, wird’s schlimmer.“

Schreibzeit-Schreibtisch.  Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / M. Geuter

Offenbar steckte in Hanne Darboven auch ein kleiner Sigmar-Polke-Teufel oder zumindest die Ahnung, dass nur Arbeit und kein bisschen Spiel schnurstracks in die Gummizelle führt. Schon deswegen wirkt es etwas angestrengt, wenn die Kuratoren Darbovens Schreibserien nach konkreten Botschaften abklopfen: Zwar gibt es bei ihr immer wieder Querbeziehungen zur Zeithistorie, etwa zur Kanzlerwahl oder dem Ost-West-Konflikt.

Aber als Kommentatorin des Zeitgeschehens ist Darboven, nimmt man das Prinzip ihrer Kunst beim Wort, zwangsläufig eine Null. Ihr ging es nicht darum, Gedanken und Inhalte zu bewahren, sie wollte dem Strom vergänglicher Ereignisse allein mit der Geste des Schreibens begegnen.

Darboven glich einem Beamtenheer, das alles, was der Fall ist, zu Papier bringt – oder Gott. Während wir anderen im Individuellen gefangen sind, ließ sie den Bewusstseinsstrom der Welt durch ihre Hände fließen. Bedenkt man, wie viele Menschen gedankenverloren vor sich hin kritzeln, zum Zeitvertreib oder um die Nerven zu beruhigen, geht einem der besondere Reiz von Darbovens Notizen auf. Aus der surrealistischen „écriture automatique“ hat sie eine „écriture systematique“ gemacht.

Weltansichten 00-99, 1975-80.  Foto: Bundeskunsthalle Bonn / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / Maximilian Geuter

In der Bundeskunsthalle gibt es auch eher unbekannte Seiten der Künstlerin zu sehen – und zu hören. Spielzeuge und Puppen sind in großer Zahl aus Darbovens Atelierhaus nach Bonn gereist (sie lieferten die Vorlage zu „Kinder dieser Welt“), dazu werden ein digitalisierter 16mm-Film vom Rummelplatz und überhaupt erstaunlich viele Bilder (als Teil der Kalenderarbeiten) gezeigt. Eine Entdeckung sind aber vor allem ihre zahlenmagisch aufgeladenen Kompositionen, neben denen Schönbergs Zwölftonmusik wie Wagner (und Kraftwerk wie Schönberg) klingen.

Aber letztlich geht es bei Hanne Darboven doch um das Schreiben um des Schreibens willen: Das Leben ist eine von Stundenplänen geregelte Hausaufgabe, abends macht man ein Häkchen dran. Dass sie dabei die grafischen Qualitäten von Postkartenrückseiten, Notizheften und Schlangenlinien entdeckte, sorgt für einen zusätzlichen, wenn auch nur in monumentaler Inszenierung sichtbaren Reiz – und versüßt uns eine bittere Erkenntnis: Wer schreibt, versucht sich etwas zu vergegenwärtigen, was nicht mehr ist, und während er noch schreibt, zeigt ihm die leblose Schrift, dass er das, was er sucht, verloren hat.

Hanne Darboven schrieb mit der Zeit um die Wette. Und da man bei ihr zwischen Schreibzeit und Lebenszeit nicht unterscheiden kann, rückt ihr Werk in einen Horizont, in dem die Gegenwart auf einzigartige und bewegende Weise immer schon vergangen ist.

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