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Kunst

17. Februar 2016

Hieronymus Bosch: Dieses Ding zwischen Insekt und Gelehrtem

 Von Alexandra Wach
Das vierteilige Werk „Paradies und Hölle“ (auch „Visionen über das Jenseits“), um 1505 - 1515 entstanden, kam aus Venedigs Museo di Palazzo Grimani in die Schau.  Foto: Rik Klein Gotink/Robert G. Erdmann/Bosch Reserach

Eine große Ausstellung in ’s-Hertogenbosch zeigt, wieso uns die bizarre Bildwelt des Hieronymus Bosch auch noch 500 Jahre nach seinem Tod nahe geht.

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Selten, aber gewaltig. Auf diese Kurzformel kann man die Offerte bringen, das überschaubare Werk von Hieronymus Bosch beinahe vollständig zu sehen. Nur 45 Werke sind bekannt, jetzt sollte man die Gunst der Stunde nutzen, weil die große Jubiläumsausstellung, die ihm seine Heimatstadt ausrichtet, allein 17 Gemälde sowie 19 Zeichnungen zeigt. Dazu Bilder von Nachahmern, die den Grenzgänger zwischen Spätmittelalter und Renaissance, der eigentlich Iheronimus van Aken hieß, bewunderten oder einfach kopierten.

Was den Rotterdamern 2001 zur letzten großen Bosch-Schau nicht gelang, holt „Iheronimus Bosch – Visionen eines Genies“ in einer triumphal ausgeleuchteten Ausstellungsarchitektur nach. Der Prado in Madrid ließ das „Heuwagen-Triptychon“ diesmal in die Stadt ziehen, in der sein Urheber das Traditionskorsett mit eigenwilligen Einfällen sprengte und sich so eine Sonderstellung als Botschafter fantastischer Welten sicherte. Ironie der Geschichte: keines der gezeigten Werke befindet sich heute im Besitz des 140.000-Einwohner-Orts.

Entstanden ist das Triptychon wenige Jahre vor Boschs Tod im August 1516. Da war er Mitte sechzig, verheiratet mit einer Patriziertochter und fest etabliert in den besten Kreisen von ’s-Hertogenbosch. Nicht nur, dass er ein Haus am Marktplatz besaß und der exklusiven Liebfrauenbruderschaft angehörte. Mächtige Adlige wie Philipp der Schöne von Burgund bestellten bei ihm Bilder. Es kann also keine Rede sein von einem Kauz mit erfrischend entgleisender Vorstellungskraft, oder gar einem Häretiker und Freigeist, wie es die frühere Forschung gerne zur Diskussion stellte. Bosch war ein Kind seiner Zeit und doch auch ein wenig mehr. Er fand seine Inspirationen zwar in Tierkundebüchern, illuminierten Handschriften und an den heimischen Kirchenfassaden, die mit Ungeheuern und Mischwesen nicht geizten, ließ sie aber mit einem Trichter auf dem Kopf oder entblößtem Hinterteil in Situationen stolpern, die in ihrer grotesken Aberwitzigkeit bis heute schmunzeln lassen.

Für die geschlossenen Heuwagen-Flügel wählte Bosch das Motiv eines profanen Landstreichers. Hinter dessen Rücken wird gerade ein Reisender ausgeraubt, während ein Hirtenpaar in der anderen Ecke der lieblichen Landschaft zur Musik tanzt. Lebensfreude, bei der damals immer ein Hauch von sündhaftem Treiben mitschwang, und grausames Missgeschick sind auch auf dem geöffneten Triptychon anzutreffen. Um einen Heuwagen in der Mitte versammelt sich eine wild gestikulierende Menschenmenge aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten. Alle wollen etwas von dem wertlosen Heu abbekommen. Zur Not mit Gewalt. Auf der Jagd nach irdischem Besitz steuern sie direkt auf die Hölle im rechten Flügel zu, blind für die Anwesenheit unheimlicher Chimären und Teufel, die im Dienste des Bösen die Richtung ins Verderben vorgeben.

Hieronymus Bosch lebte von 1450 und 1516. Das posthume Porträt soll um 1550 entstanden sein und wird Jacques Le Boucq zugeschrieben.  Foto: Scala

Überzeugt, ihren Schatz herzugeben, hat die Spanier wohl das Angebot von Restaurierungen, die das vor neun Jahren aktiv gewordene Bosch Research and Conservation Project neben neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen als Lockmittel einzusetzen wusste. Immerhin konnten die internationalen Fachleute den Leihgebern zwei Entdeckungen vorweisen. Dank Infrarot-Durchleuchtung und digitaler Makrofotografie gelang es, das Gemälde „Die Versuchung des heiligen Antonius“ aus dem Depot des Nelson-Atkins-Museums in Kansas City und die Zeichnung einer „Höllenlandschaft“ aus einer belgischen Privatsammlung Boschs eigenhändigem Œuvre zuzuordnen. Auch der Louvre und die Sammlung der Yale University sprangen über ihren Schatten und sorgten nach gut 200 Jahren für ein Wiedersehen von „Narrenschiff“ und „Völlerei und Lust“, die einst Teil des „Landstreicher-Triptychons“ waren. Die Galleria dell’ Accademia in Venedig nahm die Herausforderung ebenfalls an und schickte die berühmten „Visionen vom Jenseits“ nach Norden.

Unter den lichtempfindlichen Zeichnungen, dessen nachgewiesene Anzahl sich im Zuge des Forschungsprojekts verdoppelt hat, findet sich auch manch eine Kuriosität. Etwa das Konzert in einer Eierschale oder die Sommerlandschaft mit einem abgestorbenen Baumstumpf in der Mitte, von der sich heute ein Edward Snowden angesprochen fühlen könnte. Sie beunruhigt mit dem Auftritt seltsam deplatzierter Körperteile. Übergroße Ohren horchen den Betrachter aus dem Dickicht heraus ab. Der Boden ist mit Augen angereichert, die das Gegenüber neugierig anstarren.

Überhaupt regt der mit Animationen und Detailvergrößerungen aufgelockerte Parcours zu erstaunlichen Aktualisierungen an. In den angenehm dezent inszenierten Räumen des Noordbrabants Museum überraschen selbst die Heiligen-Bilder mit einem Echo in die Gegenwart. Bosch befriedigte die große Nachfrage nach tugendhaften Vitas einerseits, schleuste aber auch immer wieder entzaubernde Irritationen ein. Etwa ein Insekt mit menschlichen Händen und dem bebrillten Gesicht eines Gelehrten. Das Mischwesen hat sich auf „Johannes auf Patmos“ neben den Apostel gehockt und lauscht dem Gespräch mit Jungfrau Maria.

Die erhabene Idylle täuscht. Einen Schritt weiter pferchen höhnisch grinsende Höllenvertreter ihre Opfer in Tonnen ein, funktionieren ihre Körper zu Klöppeln um und denken sich allerlei Folterpraktiken aus, während sich der Schöpfer damit begnügt, das infernalische Schreckensgeschehen aus der Distanz des Himmels zu beobachten. Manche ergreifen die Flucht über Wasser in überdimensionalen Hausschuhen und entkommen doch nicht den Fratzen derjenigen, die ihre Not mitleidslos genießen.

Boschs "Tragen des Kreuzes" entstand ca. 1490-1510.  Foto: Bosch Research and Conservation Project

Nachahmer dieser Lektionen in menschlicher Niedertracht fanden sich offenbar en masse, zumal Bosch wahrscheinlich in einer Werkstatt gearbeitet hatte. Nach seinem Tod sind Weltuntergänge regelrecht in Mode gekommen, jedenfalls in der Darstellung, was viele seiner Adepten dazu verleitete, die Unterschrift des Meisters zu kopieren. Das Gruppenbild „Der Gaukler“ aus der Hand eines Nachfolgers, das eine variierte Form des „Antanzens“ zum Besten gibt, erscheint da geradezu harmlos. Während ein Betrüger vor einer Menschenmenge einen Trick vorführt, lenkt ein Junge das Opfer ab und ein zweiter Komplize greift zeitgleich hinter dessen Rücken nach der Geldbörse.

Für die immer gleichen Rätsel der Nachtseite des Daseins hatte Bosch natürlich auch eine hellere, hedonistische Antwort parat. In seinem „Garten der Lüste“, der nur in einer zeitgenössischen Kopie zu besichtigen ist, weil er dem Prado wohl doch zu sehr ans Herz gewachsen ist, geben sich die Menschen kooperativ. Was aber als Altarbild daherkommt, erfüllte kaum den Zweck der Andacht. Zwischen den ausgelassen feiernden Nackten lassen sich bereits dunkelhäutige Einwanderer ausmachen. Man treibt Sport, frönt den Verlockungen des Sexus in einer durchsichtigen Blase und lässt sich von Vögeln mit exotischen Früchten füttern. Und das, obwohl das Böse anwesend ist. Ein Löwe schnappt nach einem Reh. Irgendwo vernascht eine Raubkatze auch ein Reptil – Eros und Thanatos aus der Sicht eines Künstlers, der sich lustvoll an seinen moralisierenden Erzählungen delektierte.

Dass er Zeitgenosse von Leonardo, Dürer, Raffael oder Bellini war, mag man da kaum glauben. In dieser unstabilen Welt überschäumender Bestiarien wirken die Italiener geradezu temperiert. Ob Kopffüßler oder Menschen fressende Maschinen, aus dem nordbrabantischen Spektakel kommt man elektrisiert hinaus. Dafür lohnt die Reise in die Provinz. Denn schließlich kannte auch Bosch ein Leben lang nur einen Ort für seine Abnormitäten: ’s-Hertogenbosch.

Noordbrabants Museum, ’s-Hertogenbosch: bis 8. Mai.www.hetnoordbrabantsmuseum.nl

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