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Kunst

25. Januar 2016

Historisches Museum: Grandiose Bilder des Über-Lebens

 Von Ingeborg Ruthe
„Der Flüchtling“ von Felix Nussbaum aus dem Jahr 1939.  Foto: epd

Kunst aus dem Jerusalemer Yad Vashem in Berlin: Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt Bilder aus der Opferperspektive. Es sind Zeugnisse des Todes - aber auch des Überlebens.

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Wenn es, in der Bilderflut unserer Tage, noch etwas gibt, das einem, wie es im Jüdischen heißt, „den Bast von der Seele zieht“, dann sind es solche Bilder: 100 hat die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem nach Berlin geschickt. Das Deutsche Historische Museum breitet diese Zeugnisse des Todes, aber auch des Überlebens, diese Farb- und Form gewordene Ästhetik des Widerstandes aus.

Zehntausend solcher Kunstwerke, darunter von bekannten jüdischen, in Lagern ermordeten Malern wie Felix Nussbaum, ebenso unbekannter Zeichner gehören dem weltbedeutendsten Holocaust-Museum, erbaut auf den Hügeln vor Jerusalem. Die Auswahl für die Schau im Berliner Deutschen Historischen Museum ist dennoch die bislang größte ihrer Art in Europa. Zu kostbar sind die Papierarbeiten, als dass man ihnen große Reisen erlaubt. Sie enthalten etwas, dass man das unvorstellbarste Grauen nennen muss und zugleich das Elementarste und Berührendste an Erinnerung und an Hoffnung.

Die meisten der Motive entstanden unter Lebensgefahr in Konzentrationslagern, Ghettos, auf Transporten. Ausgedrückt sind die Schecken, Ängste, die Lebenshoffnung, die Fantasie, die Schönheit von Landschaften, die die Künstler nur aus der Ferne sehen durften.Vierhändig haben haben sich 1941 Karl Robert Bodek (ermordet in Auschwitz) und Kurt Conrad Löw (er konnte in die Schweiz fliehen) hinausgeträumt aus der Internierungslager-Hölle im südfranzösischen Gurs: „Ein Frühling“ lässt nicht die Lagerbaracken dominieren, sondern überm Stacheldraht den dem schrillen Gelb des Judenstern-Stigmas nachempfundenen Schmetterling. Der fliegt in die Freiheit, hoch in die Wolken, weg aus der brutalen Wirklichkeit. Und das bisschen Himmel und die schneebedeckte Bergsilhouette im Hintergrund vertiefen und unendliche Sehnsucht der Häftlinge.

„Pfad zwischen den Baracken“ von Leo Breuer.  Foto: epd

Leo Haas, der einzige überlebende Maler aus der Künstlergruppe des Ghettos Theresienstadt, hatte der Judenrat vor dem Transport nach Auschwitz bewahrt, indem man ihn als „unabkömmlichen“ Bauzeichner beauftragte. Er zeichnete mit Tusche die Ankunft eines Transportes: Der Menschenzug so namen- wie trostlos, die Bäume im zugeschneiten Gelände schwarz und kahl, als bedrohliches, unheilvolles Spalier am Wegrand. Die Deportierten sind, vor, neben, hinter den Bäumen, als Todgeweihte Spiralform wahrzunehmen, ein Zeichen im Schnee über dem schon die Rabenvögel kreisen. Am linken unteren Bildrand aber sieht man deutlich ein „V“ – als deutliche Chiffre für Widerstand.

Ja, es sind der Widerstand, der Überlebenswille, die geistige Stärke und die Trotz-Alledem-Fantasie, die aus diesen künstlerisch starken Bildern sprechen, rufen, ja, schreien. Kunst stemmte sich gegen die Entmenschlichung: Ihr könnt uns demütigen, ihr könnt uns bestialisch vernichten. Aber eins könnt ihr nicht haben: Unsere Seele!

Diese Seele der Gemarterten – sie steckt als gelber Schmetterling, als geblümtes Sommerkleid, als sonnenüberstrahlte Bergkuppe oder als Globus auf dem Holztisch eines Kerkers – in den Bildern, die das Kuratoren-Duo Eliad Moreh-Rosenberg aus dem Yad Vashem und Walter Smerling von der Stiftung für Kunst und Kultur in drei Kapiteln auf grauer Wandfarbe und in schlichten Holzrahmen arrangiert hat: Das erste ist überschrieben mit: Wirklichkeit. In jedem Motiv ist der Tod gegenwärtig, direkt oder metaphorisch. Die Täter, die Büttel sieht man nicht, dafür Lager-Szenen, klägliche Reste von Zivilisation: die vollgestopften Baracken, die obszöne Not zerstörter Privatsphäre.

„Ankunft eines Transports“ von Leo (Lev) Haas, 1942.  Foto: epd

Bezwingend sind die Porträts: Gesichter auf der Schwelle zum Tod, Züge, die sich dem Letzten widersetzen – dem Raub der Identität. Ein feines Selbstporträt der Berlinerin Charlotte Salomon von 1941, ermordet 1943 in Auschwitz-Birkenau, offenbart ein Mischung aus Lebenswille und Resignation.

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Wegen der „Aussöhnung“ mit den Deutschen hatte Bild-Zeitungs-Chef Kai Diekmann schon 2012, nach einem Yad Vashem-Besuch, diese Berliner Ausstellung angeregt. Unter den Gästen zur Vernissage war auch die greise Malerin Nelly Toll, angereist aus den USA. Sie überlebte im Ghetto Lemberg, in einem Versteck. Von dort heraus hatte sie, fast wie Anne Frank in Amsterdam, die verbotene, weil tödliche Außenwelt beobachtet. Sie war acht Jahre alt, als sie die zwei „Mädchen im Feld“ in ihren Blumenkleidern malte. Ein grandioses, ein wunderschönes Bild des Über-Lebens.

„Eine Straße im Ghetto von Lodz“ von Josef Kowner, 1941.  Foto: epd

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