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Kunst

17. September 2009

Impressionismus-Schau in Wien: Schweinfurter Grün

 Von Arno Widmann
Träume von Wirklichkeit. Paul Gaugins "Bretonischer Junge" (1889). in der Albertina in Wien.Foto: Joe Klamar/afp

Die Impressionisten gingen hinaus in die Natur, um zu malen. Doch dazu verwendeten sie moderne Chemiefarben. Die Ausstellung in der Albertina stellt den Zusammenhang her. Von Arno Widmann

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Die große - 125 Gemälde und 56 Objekte - Impressionismus-Ausstellung in der Wiener Albertina hat den Untertitel "Wie das Licht auf die Leinwand kam". Das ist ja einer der Allgemeinplätze über den Impressionismus.

Die Ausstellung zeigt Bilder von Monet, Renoir, Degas, die den Glanz der besonnten Welt feiern. Sie zeigt auch, wie die Maler die Ateliers verließen - möglicherweise wurden hier für die jungen Künstler unbezahlbare Mieten in ein ästhetisches Programm umformuliert - und ihre Staffeleien auf Wiesen und in Gärten stellten. Die Gärten könnten ein eigenes Thema sein. Zola hatte schon früh bemerkt, dass Monets Natur immer schon die von Menschen gestaltete Natur ist. Der Impressionist will hinaus, aber keineswegs in die Wildnis - er ist kein Zivilisationsflüchtling -, sondern auf die Veranda, in den Garten. Was da im Sonnenlicht leuchtet, ist eine verklärte bürgerliche Welt. Es sind die Häuser, die Gärten und Parks der Sammler und Sponsoren. Diese selbst und immer wieder mit zierlichen Sonnenschirmen und wohlbehütet deren Gattinnen und Kinder.

Die Ausstellung zeigt dem Besucher auch, wie das Licht auf die Leinwand gebracht werden konnte. Ihm wird klar gemacht, welche Rolle Chemie und Technologie für den Impressionismus spielten. Die Entwicklung der synthetischen Farben erst brachte jene Töne auf die Paletteder Künstler, die sie dann auf die Leinwand bringen konnten. Die Farben mussten nicht mehr selbst hergestellt werden, sondern konnten in Farbgeschäften in handlichen Tuben fertig gekauft werden.

Das ging natürlich nur, weil es einen Massenmarkt für diese Produkte gab. Malen war Mode geworden. In Paris gab es um 1850 276 Farbenhändler. Der Impressionismus kam nicht aus der Akademie. Er ist das Produkt einer neuen Schicht von Produzenten und Konsumenten. Aber es ist nicht nur die neue soziale Rolle der Malerei, die den Impressionismus hervorbringt, es sind auch ganz einfach die neuen Farben. Die impressionistische Gartenpracht ist nicht denkbar ohne die Erfindung des Schweinfurter Grüns im Jahre 1822, der Glanz von Kleidern und Wolken nicht ohne die des Zinkweiß. Für diese Abhängigkeiten der neuen Schönheit von der neuen Technik den Blick zu schärfen, macht einen ganz erheblichen Reiz der Ausstellung aus.

Impressionismus-Ausstellungen leben alle von dem Strahlen dieser Bilder, von ihrem Optimismus, von dem Lächeln, mit dem sie auf die Welt blicken. Diese Ausstellung zeigt einem, wer diesen Glanz wollte und wie er hergestellt wurde. Dazu werden die Bilder nicht nur ausgestellt, sondern auch analysiert. Wir staunen nicht nur. Man zeigt uns, wie sie entstanden. So kommt heraus, dass einige der Bilder, die wir sehen, nicht die Bilder sind, die die Maler malten. Die Farben sind nachgedunkelt. So sieht man am sonst vom Rahmenfalz verdeckten Bildrand noch, wie kräftig das Rot war auf Vincent van Goghs Der Garten des Saint-Paul Hospitals in Saint-Rémy. Auf dem Gemälde ist der Lack ausgeblichen.

Aber nicht nur die Zeit manipuliert die Bilder. Auch Zeitgenossen und Nachfahren. Da ist zum Beispiel Camille Pissarros Bauernhof in Bazincourt aus dem Jahre 1884. Pissarro hatte an vielen Stellen die weiße Grundierung stehen lassen. Das gab dem Bild eine gewisse Rotzigkeit, eine Schärfe. Pissarro zerstörte dadurch eben die Illusion, die er so bezaubernd beschwor. Diese Ambivalenz wurde in den 40ern zerstört. Der damalige Besitzer ließ die "unfertigen" Stellen übermalen. Er wollte Illusion pur. Und bekam sie. Strahlenuntersuchungen im infraroten und ultravioletten Spektrum machen die Veränderungen sichtbar. Sie werden in der Ausstellung gezeigt. Rezeptionsgeschichte ist nicht nur die wandelnde Interpretation der Werke. Das Eingreifen in diese selbst, in ihren Körper, gehört dazu.

Vor Pissarros L´Hermitage bei Pontoise stehe ich staunend. Es ist ein Traumbild. Dabei ganz und gar real. Da erträumt einer die Wirklichkeit. Ein Märchen. Ich gehe zurück zu diesem Bild, nachdem ich vor der UV-Fluoreszenz-Aufnahme von Pissarros Bauernhof in Bazincourt stand, und versucht die dort gelernte Kälte des Blicks anzuwenden. Es gelingt nicht. Ich brauche die Wissenschaft um zu verstehen, wie das Bild gemacht wurde. Ohne sie erliege ich seinem Zauber.

Die Ausstellung in der Albertina macht die Schönheit sichtbar und sie zeigt, wie sie zustande kommt. Das ist mehr, viel mehr als sonst in Ausstellungen zu sehen ist. Die Analyse zerstört die Schönheit nicht. Sie nimmt ihr den Schein des Wunders. Hier wird nicht nur gezeigt, dass das Licht auf die Leinwand kommt, sondern auch wie. Aufklärung nennt man das. Dass sie hier am Hellen und Klaren, am scheinbar Offensichtlichen geschieht, gibt ihr einen zusätzlichen Reiz. Diese Ausstellung - das ist das Schöne an ihr - bietet den Glanz der Bilder, Orgien in Grün wie die auf dem Katalog abgebildete Wiese im Park von Calais von Albert Besnard und zugleich Information. Man kann hier vom einen zum anderen fliehen. Wer sich für Monets Sonnenbrille nicht interessiert, wem Helmholtz´ Optik-Lehrbuch ein Graus ist, der berauscht sich an Degas, Renoir und Cézanne, an den Postimpressionisten Paul Signac und an Henri-Edmond Cross oder kehrt zurück zum pubertären Urbild seiner Liebe zum Impressionismus, zu Monets Seerosen. Wer von diesen weg will, wer wachgerüttelt, herausgerissen werden möchte aus der Traumschönheit dieser Bilder, dessen Auge wird unterrichtet, dessen Blick wird geschärft.

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