Erinnern Sie sich noch, mit welchen wenig schmeichelhaften Ausdrücken Sie im Lauf der Zeit von Jörg Haiders FPÖ in Kärnten, von der übrigen Rechten und anderen Populisten bedacht worden sind?
In erster Linie war es die Wortfindung "Fäkalkünstler". Ich habe mich damals bei der FPÖ gleich revanchiert und gesagt, dass ich aufgrund ihrer Fixierung auf das Fäkale glaube, dass FPÖ eine Abkürzung für "Fäkal-Partei Österreichs" ist. Aber ich wurde auch "Nestbeschmutzer" oder "Pornelius Kotig" genannt, und es hieß, ich gehöre psychiatriert. Allerdings nicht unbedingt von Seiten der rechten Szene. Es gab immer Leute, die Ferndiagnosen über meine Kunst gestellt haben, ohne sich jemals damit befasst zu haben.
Cornelius Kolig, Jahrgang 1942, ist Objekt- und Videokünstler, Maler und Fotograf. Er studierte an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Herbert Boeckl und Max Weiler. Seit 1979 arbeitet er in seinem Geburtsort Vorderberg im Kärntner Gailtail an seinem "Paradies", einem 6000 Quadratmeter großen Gesamtkunstwerk aus Gebäuden, Höfen, Gärten und Kunstobjekten.
Mit seinen Tabubrüchen und den Hauptthemen seiner künstlerischen Arbeit - Sexualität, Stoffwechsel, Tod - ist Kolig dem österreichischen Boulevard und der rechtskonservativen Szene ein Dorn im Auge. Als er 1998 den nach seinem Großvater, dem Kärntner Maler Anton Kolig, benannten Saal im Kärntner Landhaus in Klagenfurt neu gestaltete, blies Jörg Haiders FPÖ mit der Kronen-Zeitung zu einer Kampagne gegen den international hoch angesehenen Kolig, der als "Fäkalkünstler" diffamiert wurde.
Als ihm 2006 der Große Kulturpreis des Landes Kärnten ausgerechnet durch Landeshauptmann Haider überreicht wurde, nahm der Künstler den Preis mit einer eigens konstruierten Greifzange entgegen. Im Essl-Museum in Klosterneuburg bei Wien ist bis zum 11. Oktober eine große Kolig-Einzelausstellung zu sehen, die eine Auswahl seiner im "Paradies" versammelten Arbeiten - vor allem Installationen, Fotos, Videos - präsentiert.
Was für Leute?
Solche, die ein Ventil brauchen und sich auch sonst gerne aufregen. Ich habe oft den Eindruck gehabt, ich wäre ein Katalysator für die psychische Hygiene der Kärntner Seele.
Cornelius Kolig - ein Nachfolger Erwin Ringels!
Ja, sozusagen (lacht).
Haben Sie sich gefreut, als Jörg Haider im Vorjahr verunglückt ist?
Nein, gefreut habe ich mich überhaupt nicht. Aber ich habe es nicht ungerührt zur Kenntnis genommen, weil da doch jemand, mit dem ich ständig Reibungsflächen hatte, ums Leben gekommen ist.
Hat sich durch Haiders Tod für Künstler wie Sie in Kärnten etwas geändert?
Nein. Ich dachte, dass sich vielleicht etwas ändern wird und dass es irgendwie mit seiner Person zusammenhängt, aber ich glaube, es hängt eher mit der Bevölkerung zusammen. Die Kärntner haben starke Minderwertigkeitsgefühle und sie versuchen das durchs Nationale zu kompensieren und dadurch, dass Sie vor alle Begriffe den Zusatz "Kärntner" setzen: "Kärntner Seen", "Kärntner Wetter", "Kärntner Anzug" Ich glaube, darin erleben die Kärntner eine Erweiterung und eine Steigerung ihres Selbstwertgefühls.
Warum sind Sie in Kärnten geblieben?
Das hatte einfache ökonomische Gründe. Dort stand der große Grund für mein "Paradies" zur Verfügung. Ich hätte mir das sonst nicht leisten können.
Für Ihre große Einzelausstellung, die das Essl-Museum bei Wien jetzt zeigt, wurde Ihr "Paradies" aus dem Kärntner Vorderberg transponiert?
Teile davon. Eine Eins-zu-Eins-Übertragung hätte nicht funktioniert. Ich habe versucht, mit Dias und Luftbildaufnahmen einen Überblick über das 6000 Quadratmeter große Areal des "Paradieses" zu geben und daraus Sachen in die Ausstellung zu bringen, die mit dem vorhandenen Raum kompatibel sind.
Was ist das "Paradies" genau?
Es ist ein Lebens- und Gesamtkunstwerk. Auch wenn ich immer wieder Dinge verkauft habe und verkaufen musste. Ich wollte ein Umfeld, in dem meine Arbeiten einen optimalen, ihnen angestammten Raum haben. Wo Werkstatt, Lager, Produktion, Dokumentation, Archiv und Vermittlung in einem sind. Bis zu einem gewissen Grad ist das im "Paradies" so gelungen.
Wieso heißt es "Paradies"?
Weil es mir als Paradies erschien, wirklich alles an einem Ort zu machen. Ursprünglich wollte ich es "Hram" nennen. Das ist das slowenische mundartliche Wort für Speicher, weil ich mir am Anfang eine Art Kunstspeicher vorgestellt habe. Daraus ist jetzt ein Konglomerat aus Gebäudeteilen, Gartenteilen, Objekten im Freien und solchen, die drinnen stehen, geworden. Der Paradies-Begriff, wie er von anderen verstanden wird, trifft nicht auf dieses mein Paradies zu. Mein Paradies ist sozusagen die Kunstform des Lebens in verstärkter Form. Ich will die sinnlichen Elemente des Lebens isolieren und verstärken.
Wieso spielen Geschlechtsorgane und Ausscheidungen dabei eine so wesentliche Rolle?
Das hat einen ganz einfachen Grund. Fragen Sie einen Wissenschaftler, wie er Leben und Organisches definieren würde. Es gibt da einerseits die Stoffwechselvorgänge und dann die Reproduktion, das heißt Liebe, Sexualität und Weitergabe der Form. Damit verbunden ist auch der Tod. Ich dachte mir, wenn ich mich auf diese drei Dinge konzentriere, ist das ein Fundament, auf dem Petrus seine Kirche errichten könnte. Das sind Dinge, die Bestand haben und immer verstanden werden.
Oder falsch verstanden werden: Verletzt es Sie, wenn man Sie als pornographischen Künstler bezeichnet?
Es tut mir nicht weh, aber ich finde es einfach völlig falsch. Die Leute kommen zu solchen Bezeichnungen, weil sie mit vielen Dingen nicht bewusst umgehen.
Was ist für Sie der Unterschied zwischen Pornographischem und dem, was Sie machen?
Die Grenze ist nicht wirklich zu definieren. Ich würde sagen, Pornographie ist der Moment, in dem man die sexuellen Gefühle von Menschen verwendet, um in erster Linie Geld damit zu verdienen und wo auch das Formale nicht bewältigt ist. Es ist schon auch die Form, die etwas zu Kunst macht.
Finden Sie den Anblick von Geschlechtsteilen schön?
Schön ist in der Sexualität das, was sexuell anziehend ist. Und anziehend ist wahrscheinlich immer das, was vital ist. In dem Moment, in dem es Vergänglichkeitsspuren zeigt, in Richtung Tod weist, findet man es nicht mehr so attraktiv.
Hat sich Ihre Kunst aufgrund der Thematik immer schlecht verkauft?
Nicht nur des Inhalts, sondern auch der Form wegen. Ich würde es auch als unangenehm empfinden, wenn eine meiner Installationen bei jemandem im Wohnzimmer stehen würde. Diese Arbeiten brauchen einen völlig neutralen Raum, der nicht schon durch andere Funktionen okkupiert ist. Das braucht den sakralen Raum des white cube, aus dem alles andere ausgeblendet ist.