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Kunst

07. Januar 2016

Karl Schmidt-Rottluff in Chemnitz: Das steht unter Spannung

 Von Ingeborg Ruthe
Karl Schmidt-Rottluff: "Mädchen mit Blume", Öl auf Leinwand, 1924.  Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2015

In Chemnitz sieht und erfährt man in einer Ausstellung alles von und über den Brücke-Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff.

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Wer so malte, tat das auch als Bekenntnis: Zum expressiven Stil, einst im Jahre 1905 die Avantgarde-Bewegung, zum Rhythmus und Rauschen der Farben, zur exzessiven, wilden Form. Und zur Künstlergemeinschaft namens „Die Brücke“, deren Gründungsmitglied der Abiturient und anschließende Architekturstudent in Dresden, Karl Schmidt aus Rottluff, war, zusammen mit den Kommilitonen Erich Heckel, Fritz Bleyl, Ernst-Ludwig Kirchner. Die Malerei Vincent van Goghs und Edvard Munchs war den Vieren „Anreger“, wie es Schmidt-Rottluff im Alter bestätigte.

Das Bekennen schloss den Ort der Herkunft ein: Rottluff, den Namen eines Stadtteils der rußigen Textilfabriken-Stadt Chemnitz, hängte sich der junge Maler Schmidt kurzerhand hinter einen Bindestrich. Was als exaltiert ausgelegt werden konnte, war eher bodenständig. Chemnitz sollte damals als ein Hauptort der modernen Avantgarde in Deutschland begriffen werden, ein Ort, der sich neben Dresden, München und Berlin durchaus behaupten konnte.

Auch davon erzählt jetzt eine Ausstellung der Kunstsammlungen Chemnitz. Mit rund 500 Werken ihres berühmten Sohnes – etlichen eigenen und vielen Dauerleihgaben – zeigt das Kunstmuseum in dessen Heimatstadt das bislang wohl größte Aufgebot eines vielseitigen Œuvres: von der Schülerzeichnung bis zum finalen Selbstbildnis, von den noch impressiven Naturmotiven zu den heftigen, nervösen, rotglühenden, grün-gelb-schwarz-konturigen Landschaften, Holzschnitten und Stillleben, den wilden Mädchen-Akten und kubistischen Experimenten bis zu den sich mit der Endlichkeit alles Irdischen still-heiter abfindenden „Hamameliszweigen“, diesem Spätwerk-Lyrismus der 60er Jahre. Das alles strahlt und steht unter Spannung. Es ist nicht zu übersehen: Karl Schmidt-Rottluff, Weggefährten zufolge als eher nachdenkliches Naturell beschrieben, hat den Begriff der Expression als programmlose, betont anti-akademische Kunstform maßgeblich mitgeprägt. Die Revolte gegen alles Konventionelle hatte ihre Keimzelle im Chemnitzer Debattierklub „Vulkan“. Dort lasen die Studienfreunde Schmidt und Heckel viel von Dostojewski, Kierkegaard und Nietzsche, nährten ihren Geist gegen alles Scheinromantische und die Sehnsucht nach dem Animalisch-Ursprünglichen, nach „reinstem Ausdruck“, wie es der Jüngste der Brücke-Maler wollte – was wiederum die passionierteste und damit nachhaltigste Brücke-Sammlerin und -Förderin, Rosa Schapira aus Hamburg, begeisterte.

Gemälde für Gemälde, Blatt für Blatt, Skulptur für Skulptur, kunsthandwerkliches Objekt für Objekt – die drastische Vereinfachung der Form, die kühnen Konturen, die dramatische Steigerung der Farben, diese expressive Ästhetik demonstrierte eine geistige Haltung. Bisweilen scheinen sich die Dinge, Formationen und Gestalten zu verflüssigen, fluten Rot oder Grün, Gelb und Lila die Bildflächen. Gegenstände werfen blaue Schatten. Feuerzungen scheinen alles verschlingen zu wollen und fressen sich selbst in den Himmel. Landschaft ist durch flüchtige Linien akzentuiert. Kontraste stehen im Widerstreit. Horizontale und Vertikale kämpfen; alles scheint über seine Grenzen hinaus ins Kosmische sich entmaterialisieren zu wollen. Schmidt-Rottluff, der 1911 Wahlberliner wurde, bediente sich damals auch kubistischer Elemente.

Und noch etwas hat diese Schau zu bieten, mit der der Museumsdirektorin Ingrid Mössinger abermals ein außergewöhnlicher Auftritt mit teils noch nie öffentlich gezeigten Leihgaben aus aller Welt gelang: Dieser wandelbare Expressionist hatte eine bis heute eher überraschende und nur wenig bekannte zweite künstlerische Seite – er war auch ein bemerkenswerter Kunsthandwerker und Schmuckgestalter. Das belegt die Leipziger Kollektion Victor und Hedda Peters, die seinerzeit von Schmidt-Rottluff kauften und die in Chemnitz als große und komplexe Leihgabe zu sehen ist.

Als Schmidt-Rottluff 1959 erstmals wieder seine Heimatstadt Chemnitz besuchte, damals in Karl-Marx-Stadt umbenannt – er eröffnete eine unter den politischen Umständen gar seltene Ausstellung seiner Werke – sprach der greise Maler von der Hoffnung, der Expressionismus werde nun endlich auch in der DDR anerkannt. Der Mauerbau zerstörte diese Utopie. Schmidt-Rottluff starb, die Chemnitzer Kunstsammlungen schafften es immerhin, einige jener rund 105 Gemälde und Druckgrafiken des Malers zurückzukaufen, die vor 1937 der Sammlung gehörten, die aber durch die NS-Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und verhökert worden waren. Einige der Gemälde hatten Museumsleute weitsichtig an Freunde des Künstlers verkauft. Und es waren ebenjene Freunde, die damals, 1959, die Ausstellung ermöglichten. Bis heute fehlen den Chemnitzer Kunstsammlungen etwa neunzig Werken allein dieses Expressionisten. Die meisten gelten als verschollen.

Der alt gewordene Expressionist, den die Nazis verfemt und aus der Preußischen Akademie getrieben hatten, kehrte nach der „inneren Emigration“ in Ostpommern 1947 zurück in die Wahlheimat, lehrte an der West-Berliner Hochschule der Bildenden Künste. Sein künstlerischer Nachlass ging in die „Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung“ im Dahlemer Brücke-Museum ein; er wurde 1967 noch dessen Gründungsvater. Die „Brücke“ in die alte Heimat Chemnitz würde ihm wohl gefallen.

Kunstsammlungen Chemnitz: bis 10. April. www.kunstsammlungen-chemnitz.de

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