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Kunst im öffentlichen Raum: Die Zeit der Städte

Zeit bewirkt den Verfall der Dinge - deshalb wird sie aus der Wahrnehmung ausgeschlossen. Das hat Künstler Olafur Eliasson bei den "Berliner Lektionen" einleuchtend dargelegt. Von Aureliana Sorrento

Eine Beschreibung einer Reflexion, oder aber eine angenehme Übung zu deren Eigenschaften" ist ein Titel, unter dem man sich alles hätte vorstellen können - nur nicht den so angekündigten Vortrag Olafur Eliassons, der jetzt die diesjährige Reihe der Berliner Lektionen abschloss. Als wolle er den Titel der Matinee auf die Schippe nehmen, sprach der dänische Kunststar aus Island, dafür bekannt, Kunst mit Physik, Philosophie, Mathematik, Architektur und Neurowissenschaft zu konjugieren, so einleuchtend, kurzweilig und unprätentiös aus dem Stegreif, dass man sich wünschte, an den Universitäten würden nur solche Dozenten zugelassen.

Seit 1994 lebt Eliasson in Berlin. In einer ehemaligen Schokoladenfabrik auf dem Pfefferberg hat er sein Studio, in dem 40 bis 50 Mitarbeiter an der Realisierung seiner weltweit gefragten Kunstprojekte mitwirken. Seit 2006 hat er eine Professur an der Berliner Universität der Künste inne - wobei er den Unterricht in einem Teil seines Studios, dem "Institut für Raumexperimente" hält, um, wie er sagt, die Studenten "raus aus den akademischen Räumen in die Wirklichkeit zu versetzen."

Im April hat er eine Einzelschau im Martin-Gropius-Bau. Was ihn, nach so vielen Ausstellungen in so vielen Museen, vor das Problem stellte: "Was können wir in Berlin anders machen?"

Eine Begegnung mit dem Galeristen Neugerriemschneider in Köln führte dazu, dass er in dessen Berliner Galerie ausstellte. Danach entschied sich Eliasson für den Umzug. Aus der Vielschichtigkeit der Stadt ergab sich, so Eliasson, die Auflösung des Kunstbegriffs. Da habe er die Möglichkeit erkannt, das Ephemere in das Kunstwerk einzuführen: die Zeit-Dimension, die für sein Kunst-Schaffen und -Denken kennzeichnend ist.

Anhand einer Videoaufnahme, die er bei einem Auftrag machte, einen Berliner Park zu gestalten, verdeutlichte Eliasson seinen Zeit-Raum-Begriff. Man sieht ihn durch den Park gehen, eine Frau läuft an ihm vorbei, überholt ihn. "Gehe ich zu langsam, oder geht sie zu schnell?" Es ist kein Witz. Für Eliasson vielmehr die Offenbarung, dass Dauer das bislang nicht berücksichtigte Element ist, vom dem die Wahrnehmung des Raumes "Park" nicht weniger abhängt als die darin vorhandenen Objekte.

Nichts Neues zwar, nur dass unsere Gesellschaft die Dimension "Zeit" als "kritisches Element" ausschließe, weil Zeit den Verfall der Dinge bewirkt, auf diesen Verfall hinweist, die Dinge somit unverkäuflich macht. Andererseits habe die Zeit den Vorteil, dass sie die Veränderbarkeit der Dinge und des Raumes, das Vielfältige und Unvorhersehbare zulasse. Der traditionellen Vorstellung von Stadt als dreidimensionalem, statischem Bild, das gegeben und zeitlos ist, stellt Eliasson die Idee eines öffentlichen Raums entgegen, der die Menschen, die "Zeit-Träger", die sich darin bewegen, mit berücksichtigt.

"Wie schaffen wir einen öffentlichen, freien, nicht normativen Raum?" lautet die Frage, um die Eliassons Arbeit kreist. Man mag sie als Antworten annehmen oder nicht - die Interventionen im öffentlichen Raum, die er in seiner Berliner Lektion präsentierte, hatten offenbar alle den Zweck, die konventionelle Wahrnehmung des Stadtraums zu irritieren.

Ob es sich um die vier spektakulären Wasserfälle handelte, die er in New York City von Gerüsten herabstürzen ließ, um die fünf Tonnen isländischer Baumstämme, die er wie Treibgut durch Berlin verteilte, oder um die Eisfläche in São Paulo, die an den Stellen dahin schmolz, auf denen sich die mit Eis nicht vertrauten Besucher setzten - immer wieder stand die Sicht der Betrachter auf den künstlerischen Fremdkörper und ihr Umgang damit im Fokus seines Interesses.

Für die Ausstellung "Innen Stadt Außen" im Martin-Gropius-Bau hat Eliasson einen Film produziert. Er soll aus Aufnahmen bestehen, die ein seitlich an einem Wagen angebrachter Spiegel beim Fahren durch die Stadt eingefangen hat. "Durch Spiegel", meint Eliasson, "lässt sich alles besser sehen".

Autor:  Aureliana Sorrento
Datum:  17 | 3 | 2010
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