Geisterstunde in der Lichtenberger Normannenstraße 19. Bei dieser Adresse stellen sich einem die Nackenhaare auf. Hier war bis Herbst 1989 die Machtzentrale des MfS, Ministerium für Staatssicherheit, im Volksmund auch "Firma", "VEB Kalte Hand" oder "Horch und Guck" genannt. Draußen zerrt der Wind an einer Fassaden-Bild-Plane, die den Spuk angekündigt. Selbst im Treppenhaus hängen mit Holzschnitten bedruckte Gaze-Bahnen, mit verwirrend willkürlichen Szenen aus der deutsch-deutschen Geschichte, Abbildern einer unzusammenhängenden und doch verstrickten Szenerie.
Aber nein, sie spielen nicht Tamara Danz mit "Halloween in Ostberlin. Da schwofen die Gespenster". So gut der aggressive Song von der Band Silly passen würde zu dem, was Thomas Kilpper im Auftrag des Neuen Berliner Kunstvereins (NBK) hier angerichtet hat. Der schwarze Linoleum-Fußboden der einstigen Stasi-Kantine ist ein Holzschnittfeld. Darüber zu hören ist Volksgemurmel. Die Leute halten, wie beim Orientierungslauf, einen Bilder-Plan in den Händen; sie ordnen halblaut und konzentriert zu, was sie da, in den Boden geschnitten und an etlichen Stellen schwefelgelbgrün eingefärbt, zu sehen bekommen: Namen der Gesichter und Gestalten, einzeln und in Gruppen, dazu Aufmarschplätze, Autos, Panzer, Schreibtische, Gewehre.
Wer durch die Kantinentür tritt, latscht unweigerlich auf Ulbricht, Honecker, Mielke, das makabre Triumvirat beim Sektempfang. Es aber bei solch schlichter Genugtuung zu belassen, wäre für Kilpper, Maler und Bildhauer aus Stuttgart und Wahlberliner, zu billig gewesen. Der 52-Jährige, von dem wir wissen, dass er seit 2008 engagiert an einem "Leuchtturm für Lampedusa" arbeitet, jene italienische Insel, auf der jährlich 200 000 Schwarzafrikaner stranden und zu Hunderten kurz vor dem Ziel Europa sterben, holte mit dem Holzschnittmesser aus. Er ging mit dieser altmodischen Künstler-Tatwaffe und dem ganzen Einsatz seiner physischen Kräfte auf deutsche Vergangenheit los. Und er schnitt die Konturen von Tat-Orten der Geschichte tief ein.
Kilpper hat für seine Zentrale der Angst und Kontrolle keinen Erklärer oder Ordner vorgesehen, der Ursache und Wirkung zusammenfügt und alles deutet: Weimarer Republik und Nationalsozialismus, Opportunismus und Widerstand, deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte mit Marshallplan auf der einen, Stalinismus auf der anderen Seite, mit Wiederaufrüstung in beiden Staaten, mit Konsumismus hier und Mangelwirtschaft da, mit Studentenrevolte, RAF-Terror und Stasiherrschaft. Und abermals mit Opportunismus und Widerstand.
Da es keine Chronologie der Ereignisse gibt in dieser martialischen Schau "State of Control", muss der Besucher sich um Zusammenhänge selber mühen: Schauen. Lesen. Kombinieren. Vor allem sein eigenes Wissen abfragen - oder sein Unwissen beseitigen. Über Naziverbrecher wie Reinhard Heydrich und Erich Ehrlinger. Über Theo Saevecke, SS-Hauptsturmführer und später für das CIA tätig. Über Hans Globke, Adenauers Staatssekretär, der die NS-Rassengesetze mitverfasst hatte. Und über Hannah Noack, ermordete Antifaschistin aus Lichtenberg.
Zum ersten Mal seit dem Sturm der Massen auf die Ostberliner Stasi-Zentrale 1989 ist der Un-Ort öffentlich zugänglich. Die Räume gehören der Deutschen Bahn, die neuen Besitzer haben nichts verändert. Darin durfte Kilpper sich in Agitprop-Ästhetik auf 16.000 Quadratmetern austoben gegen die Sucht der Systeme, alles zu beherrschen, alles zu kontrollieren. Der Künstler nennt sein Tun "Intervention gegen ideologische Konzepte von Überwachung und Repression, von Angst und Anpassung". Grobgeschnitzt ins Linoleum finden sich Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Hans und Sophie Scholl, Rudi Dutschke und der Hitler-Attentäter Georg Elser.
Dann blickt man hinunter auf Hitler und Speer am Modell "Germania". Schließlich auf das Attentat der RAF auf Buback. Ein paar Schritte weiter sind der Hochsicherheitstrakt Stammheim zu erkennen und ein Hofgang im Stasigefängnis Hohenschönhausen. DDR-Spion Günter Guillaume flüstert Willy Brandt ins Ohr. Man tritt auf den Fingerabdruck von Innenminister Wolfgang Schäuble.
Schuld, Verstrickung, Sühne, Widerstand und Opfergeist ziehen sich über den Kantinenboden unterm Festsaal, wo General Erich Mielke einst mit Gattin tanzte. Kilpper schnitt seine Bilder nicht als klar archivierte Dokumentationsware. Er erzählt mit expressiver, grober Geste Geschichte als Tragödie und Farce, er wühlt auf, er schickt sein Publikum über chaotische Ereignisse und nahtlose Übergänge. Und über die Schnittstellen von Opfer-Täter-Biografien.
Es ist die Art von Kunst, die Kilpper schon mehrfach in und an historischen, auch übel beleumdeten Orten machte. Am liebsten solche Gebäude bilden sein künstlerisches Material. Oben, im einstigen Festsaal der Stasi, hängen sämtliche von den Boden-Schnitten abgezogenen Drucke. Die herabbaumelnden Akteure der Geschichte bewegen sich als transparente "Erinnerungsbilder". An solcher Kunst ist nichts schön, sie ist grob. Doch kann Holzschnittartiges zum Differenzieren zwingen.
MfS-Zentrale, Berlin-Lichtenberg:
bis 26. Juli, Katalog 19,80 Euro.
Weitere Kilpper-Arbeiten bis 18. Juli in der Galerie Stüber, Max-Beer-Str. 25.