Kunst

03. Januar 2013

Kunst in Katar: Imagepflege am Golf

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Zeigen, was man hat – und sich leisten kann: Auf einer künstlichen Insel vor Doha steht das spektakuläre, von Ieoh Ming Pei entworfene Museum für Islamische Kunst. Foto: dpa

Spektakuläre Museen, teure Kunst: Reich ist das Emirat Katar schon, jetzt will es auch als Ort der Kultur wahrgenommen werden – und zwar weltweit.

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DOHA –  

Sie ist nicht so, wie man sich eine bahrainische Prinzessin vorstellt. Hala Al Khalifa sitzt in blauer Bluse und Jeans auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. An der Wand hängen Bilder von ihren beiden Kindern, und auf dem Tisch in der Essecke schwimmt ein einsamer Goldfisch in seinem Aquarium. Während die 37-Jährige mit den kurz geschnittenen Haaren erzählt, wühlen ihre nackten Zehen im Langhaarteppich.

Natürlich liegt es in erster Linie an den eigenen Klischees im Kopf, dass Hala Al Khalifa nicht dem Bild der verwöhnten Golfprinzessin im goldenen Käfig entspricht. Sie ist aber in der Tat eine ungewöhnliche Prinzessin. Sie ist Künstlerin und Museumskuratorin, sie hat mit ihrer königlichen Verwandtschaft nur noch wenig zu tun, und sie lebt jetzt in Doha in Katar – was einiges aussagt über die Unabhängigkeit dieser jungen Frau, aber auch über das kleine wohlhabende Emirat.

Katar: Attraktiv für Frauen

Katar ist als Wohnort attraktiv geworden für moderne Frauen wie Hala Al Khalifa. Und für Künstler. Das Land, in dem 1,8 Millionen Menschen leben, von denen wiederum achtzig Prozent Gastarbeiter sind, will als Förderer von Kunst und Kultur Bedeutung bekommen – von moderner und traditioneller, islamischer. Dass das durchaus zueinander passen kann, zeigt sich an Hala Al Khalifa selbst. Sie ist Kuratorin des spektakulären Museums für Islamische Kunst, und sie ist die Schöpferin von großformatigen Gemälden und von Installationen, die vor Kurzem in einer der feinen neuen Galerien der Hauptstadt Doha ausgestellt wurden. Al Khalifa blättert durch den Katalog, der vor ihr auf dem Glastisch liegt. Auf einem Bild ist ein großes rotes Plüschsofa. „Es steht für das Leben, aus dem ich komme“, sagt sie.
Im nächsten Raum war ein Tisch mit zwei harten Holzstühlen aufgebaut. Darauf lagen eine Pistole, eine Patrone und eine ausgedrückte Zigarettenkippe. „Russisch Roulette“ heißt das Objekt. Es steht für eine Entscheidung, die Hala Al Khalifa traf, kurz nachdem sie nach London gegangen war um zu studieren. Was den Bruch mit ihrer Familie und ihrem Land brachte, will sie nicht veröffentlicht wissen: „Wir haben unsere Traditionen, unsere Sitten, und das Private ist privat“, erklärt sie. Es ist jedoch nicht schwer zu erraten, dass es etwas mit dem Mann zu tun hat, in den sie sich verliebte. Aus der Sicht ihrer Familie war er der Falsche.

In Szene gesetzt: Exponate des Museums.  Foto: afp/KARIM JAAFAR

Im nächsten Raum ist eine Installation aus vier Koffern zu sehen: Sie stehen für Al Khalifas Familie, ihren Mann und die beiden Kinder. Die Koffer stehen nicht fest auf dem Boden, sondern hängen an feinen Schnüren von der Decke und werden vom Wind eines Ventilators durcheinandergepustet. „Diese dritte Installation steht für meinen Zustand nach der Entscheidung: Mit meiner Kleinfamilie werde ich durch die Welt geblasen“, sagt sie.

Ihr vorläufiger Landeplatz ist Doha in Katar. Hier wohnt sie in einem Doppelhaus am Stadtrand und arbeitet als Kuratorin und Leiterin der Museumspädagogik im Museum für Islamische Kunst.
„Ich bin sehr zufrieden mit meinem derzeitigen Leben“ sagt sie. Ihre Hände hat sie eng um die Teetasse gelegt, als wollte sie sich aufwärmen. Die Klimaanlage surrt. Es gehört zum Lebensstil am Golf, dass es immer ein bisschen mehr gibt als notwendig, und so ist es trotz glühender 37 Grad draußen in den Häusern immer ein bisschen zu kalt. „In Katar fühle ich mich zu Hause. Zudem habe ich einen prima Job. Das Museum für Islamische Kunst ist ein Traum“, sagt Hala Al Khalifa.

Museum wie aus einem Traum

Wie ein Traum sieht es auch aus. Das vieleckige Gebäude liegt auf einer künstlichen Insel vor der Küste von Doha. Über eine Brücke gelangt der Besucher in das von Stararchitekt Ieoh Ming Pei entworfene Museum. Drinnen herrscht Stille. Beim Betreten der riesigen, lichtdurchfluteten Eingangshalle wird der Blick automatisch nach oben gezogen. Wie in einer Moschee ist die Decke verziert.
Das Museum wurde im Jahr 2008 eröffnet. Aus aller Welt trug man die wertvollsten Schätze der islamischen Kulturgeschichte zusammen, die besten Experten wurden unter Vertrag genommen, und so ist das Museum nun eine der ersten Adressen, was islamische Kunstgeschichte angeht. Aber es ist noch mehr. Es geht hier auch um Identitätsstiftung: „Unsere Länder sind sehr schnell sehr reich und sehr modern geworden, aber für viele Menschen ist dabei ein Stück ihrer Seele auf der Strecke geblieben. Deswegen ist es wichtig, das Wissen über die Vergangenheit zu bewahren, und unsere Kunstgeschichte ist etwas, worauf wir wirklich stolz sein können“, sagt Al Khalifa. Sie sehe das an ihren eigenen Kindern: „Die gehen auf die besten Schulen, und diese folgen dem britischen Lehrplan, und der Unterricht ist fast ausschließlich auf Englisch. Das ist bei uns so. Wenn ich die frage, ob sie französische Maler kennen, können sie mir auf Anhieb fünf nennen, wenn ich nach arabischen Künstlern frage, müssen sie lange überlegen. Sehr lange“, erklärt sie.
So ist das Museum für Islamische Kunst nicht nur eine Schatzkiste und eine Forschungseinrichtung, die in der Welt ihresgleichen sucht, es geht auch darum, den Menschen der Region ihre eigene Geschichte und ihre Identität nahe zu bringen. Es geht darum, dass sie stolz sein sollen, aus diesem Teil der Erde zu kommen. Und es geht darum, den Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, der entsteht durch das ständige Messen am Westen.

Katar will die Führungsrolle

Es gibt auch einen profaneren Grund: den Ehrgeiz Katars, die Führungsrolle unter den arabischen Staaten zu übernehmen. Auch deswegen steht hier das schönste und prächtigste Museum Islamischer Kunst.
Sieht man genauer hin, stellt man allerdings fest, dass die meisten Objekte nicht vom Golf stammen, sondern aus Ägypten, Syrien, dem Irak. „Das sind die eigentlichen Kulturnationen. Die Leute hier am Golf, die haben doch keine Kulturgeschichte. Das waren Beduinen, bis sie das Öl fanden und plötzlich reich wurden“, sagt Iman Mahmoud, eine Besucherin des Museums.

Die Lehrerin stammt aus Ägypten und arbeitet seit vielen Jahren in Katar. Die Verachtung, die in ihrer Bemerkung mitklingt, ist nicht zu überhören: Es ist die Arroganz der Araber vom Mittelmeer gegenüber den neureichen Golfbewohnern.

2008 eröffnet: Die Halle des Museums für Islamische Kunst.  Foto: afp/KARIM JAAFAR

Den Kataris macht diese Überheblichkeit durchaus zu schaffen – ihnen ihre eigene Geschichte näher zu bringen, ist Ziel eines neuen Ausstellungsprojekts, an dem Hala Al Khalifa zuletzt gearbeitet hat. Neben dem Museum für islamische Kunst steht eine große, bunt bemalte Halle, von außen könnte man sie für ein neues Shopping-Center halten. Auch wegen der vielen großen Autos auf dem Parkplatz. Familien – an den traditionellen Gewändern deutlich als Einheimische zu erkennen – steigen aus Geländewagen, strömen zum Eingang.

Doch dahinter geht es nicht in einen weiteren Konsumtempel, sondern es beginnt eine Reise in die Vergangenheit Katars. „Wir haben einen Aufruf gestartet, dass Sammler aus Katar bei uns ihre Schätze präsentieren sollen“, sagt Hala Al Khalifa. Der Zuspruch war riesig, und nun ist in der Halle eine bunte Mischung zu sehen. Es gibt Vitrinen mit Goldschwertern und Gebetsketten aus Bernstein und Elfenbein. In anderen Räumen sind hölzerne Kamelsattel und Fotos vom Leben in Katar, wie es einmal war. Kamelreiter, Lehmhütten, Falkenjäger.

Die Fotos sehen aus wie aus einer anderen Zeit, sind aber in den Sechzigerjahren aufgenommen worden.

Zwischen Moderne und Tradition

Die Ausstellung macht auch deutlich, dass der Lebensstil der Menschen am Golf sich zwar extrem schnell modernisiert hat, Smartphones, modernste Universitäten, teure Autos gehören fest dazu. Doch die Traditionen leben weiter. Nicht nur haben bis heute viele junge Männer einen Falken als Haustier und Jagdwaffe. Auch viele traditionelle Objekte sind weiter im Gebrauch: So gleichen die bunten Emailleteller, die ausgestellt sind, denen, die in Haushaltswarengeschäften angeboten werden. „Das hat mich zunächst auch gewundert. Da bringen Leute Teller und sagen, dass sie besonders und alt sind, aber in Wirklichkeit sind sie genau wie die, von denen sie bis heute essen“, sagt Al Khalifa. „Allerdings wurde ich eines Besseren belehrt: Die Teller sehen sich nur ähnlich, wer genau hinschaut, sieht die Unterschiede“.
„Mal Awal“, so heißt die Ausstellung, zeigt nicht nur das alte Katar, in einem zweiten Teil geht es um die moderne Kultur: 86 Künstler präsentieren ihre Werke. Es beginnt mit den in der Region bekannten Namen und Werken.

Salman al Malik zeigt Bilder von katarischen Frauen – schwarze Silhouetten in Acryl. Bei genauerer Betrachtung sieht man unter den Gewändern bunte Blumenkleider hervorblitzen. Das Motiv zieht sich durch: Die Gesellschaft am Golf ist anders, als man auf den ersten Blick denkt. Nicht schwarz und weiß, sondern schattiert; extrem modern und zugleich extrem traditionell. „Das zeigt sich auch bei den Werken der ganz jungen Künstler“, sagt Hala Al Khalifa.
Kurz vor dem Ausgang hängt ein Pappmaschee-Bullenkopf an der Wand, von den Hörnern baumeln kleine verschleierte Figuren. „Das sind die Hexen, von denen unsere Großmütter uns Kindern erzählt haben. Sie wollten uns davon abhalten, in der glühenden Mittagshitze auf die Straße zu gehen und haben deswegen gesagt, dass draußen böse Frauen lauern“, berichtet sie. Natürlich erzähle sie ihren Kindern nicht mehr diese Schauermärchen. Bei manchen Traditionen sei es gut, wenn sie aussterben.

Die Regierung habe erkannt, dass Kunst und Kultur wichtig sind, um die Gesellschaft zusammenzuhalten, sagt Al Khalifa. Außerdem seien einige Mitglieder der Emir-Familie selbst Sammler moderner Kunst. Deshalb werde in Katar seit Jahren in den Kulturbereich investiert. Es gibt zahlreiche Museen und Galerien. Sie werden gefüllt mit Werken renommierter, internationaler Künstler. Auch, weil sich die Herrscher von Katar prestigeträchtige Einkäufe leisten können.

In den vergangenen Jahren sollen sie für mehr als eine Milliarde Euro bei Auktionshäusern wie Sotheby’s Kunst ersteigert haben. Angeblich stammten auch die Käufer von Munchs „Schrei“ aus Katar. 90 Millionen Euro brachte das Bild im Frühjahr des vergangenen Jahres ein.
Hinzu kommen in Katar Ausstellungen der Stars: Takashi Murakami stellte aus, bald soll eine Ausstellung der Werke von Damien Hirst aus London an den Golf kommen. Ziel ist es, Doha zu einer Kulturmetropole zu machen. Man will internationale Aufmerksamkeit und zugleich soll die lokale Kunstszene gepäppelt werden. Es gibt eine Kunstfakultät und Galerien für junge Künstler. Wer will, wird mit einen Stipendium ins Ausland geschickt.

Die Frage nach der Gleichberechtigung

Und wie ist das mit der Gleichberechtigung der Frauen im Kunstbetrieb? Hala Al Khalifa legt den Kopf in den Nacken und lacht. Natürlich hat sie diese Frage erwartet. „Klar beschweren wir arabischen Künstlerinnen uns, dass wir zu wenig ausgestellt werden und im Kulturbetrieb untergehen“, sagt sie. Allerdings täten das auch ihre Freundinnen in London, und die hätten mehr Grund dazu.

Prinzessin, Kuratorin: Hala Al Khalifa.
Prinzessin, Kuratorin: Hala Al Khalifa.
Foto: JULIA GERLACH

Kultur, das stimmt, ist am Golf ein ziemliches Frauenthema: Ihre Hoheit Prinzessin Mayassa, Tochter des Emirs, ist die Chefin der Museumsverwaltung von Katar. Ihr untersteht auch das islamische Museum, und auch sie ist anders, als man sich Prinzessinnen im Allgemeinen vorstellt. Sie arbeitet und reist durch die Welt, um für Katars Kultur zu werben und Künstler von Weltruf an den Golf zu holen.

„Die junge Generation von Künstlerinnen bekommt viel Förderung, die können sich nicht beschweren. Aber auch zu meiner Zeit war es kein Problem, wenn ein Mädchen Künstlerin werden wollte“, sagt Hala Al Khalifa. So sei es ganz selbstverständlich gewesen, dass sie nach dem Abitur zum Kunststudium in die USA geschickt wurde. Nach dem Abschluss kehrte sie zurück nach Bahrain, unterrichtete an der dortigen Universität, dann zog es sie wieder fort. Nach London.

Dort sollte sie zu dem werden, was sie jetzt ist: eine Prinzessin, die macht, was sie will.

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