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Kunst

21. März 2016

Kunst in Saudi-Arabien: Mut macht den Freigeist einsam

 Von 
Kunst hat für Ahmed Mater nicht den Zweck, die Reichen zu belustigen.  Foto:  Katharina Eglau

Ein Besuch bei Ahmed Mater, Saudi-Arabiens bekanntestem Künstler. Er weigert sich, in seiner Heimat auszustellen, so lange sein Freund und Weggefährte Ashraf Fayadh in Haft sitzt.

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Der Bilderzyklus an der Wand ist ein stummer Protest. „Das bin ich ihm schuldig“, sagt Ahmed Mater. „Er ist mein Freund – und das schon seit langer Zeit.“ Demonstrativ hat er in seinem Studio in der saudischen Hafenstadt Jeddah zehn Werke von Ashraf Fayadh aufgehängt, dessen Schicksal im letzten November rund um den Globus Schlagzeilen machte. Damals wurde der Lyriker von einem Scharia-Gericht wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt, eine Strafe, die drei Monate später in acht Jahre Gefängnis und 800 Rutenhiebe umgewandelt wurde.

Vor seiner Haft war der staatenlose Palästinenser Mitglied der Initiative „Edge of Arabia“ und Kurator des saudischen Pavillons 2013 auf der Biennale in Venedig, die die junge saudische Kunst erstmals international bekannt machten. An diesem Welterfolg beteiligt ist auch der 36-jährige Ahmed Mater, der heute national und international als einer der wichtigsten Künstler der Arabischen Halbinsel gilt.

Doch die Mächtigen in dem ölreichen Königreich dulden keinen Widerspruch. Sie sind nervös und unsicher. Die meisten Kritiker sitzen mittlerweile zu langen Strafen verurteilt hinter Gittern. Das Land führt einen katastrophalen und teuren Krieg im Jemen. Im Haushalt klaffen seit dem Ölpreisverfall Riesenlöcher. An den Grenzen stehen die Dschihadisten des „Islamischen Staates“. Im Inneren rumort es bei der schiitischen Minderheit im Osten, und international bläst dem erzkonservativen Königreich wegen seiner Menschen-, vor allem seiner Frauenrechtspolitik der Wind ins Gesicht.

Ahmed Mater in seinem Atelier vor einem Bilderzyklus, der seinen verurteilten Freund Ashraf Fayadh zeigt.  Foto:  Katharina Eglau

Ahmed Maters Studio im Stadtteil Al-Rawdah ist ein offenes Haus. Den ganzen Tag herrscht ein Kommen und Gehen. In der Bibliothek dürfen sich Freunde und Besucher bedienen, wenn sie im Austausch ein anderes Buch da lassen. In einem der hohen Regale liegt noch seine alte Gasmaske. Im letzten Jemenkrieg 2010 war der Künstler noch als Feldarzt an der Front. Den verrosteten Helm daneben hat er auf dem Schlachtfeld nahe der Grenze gefunden, auf dem schon damals Hunderte saudischer Soldaten im Kampf gegen die Houthi-Rebellen ihr Leben verloren.

Seit einem Jahr führt Saudi-Arabien wieder Krieg, diesmal ist Ahmed Mater nicht mehr dabei. Den weißen Kittel hat er an den Nagel gehängt, um sich ganz der Kunst zu widmen. Von diesem früheren Teil seines Lebens zeugen nur noch die Biologie- und Medizinbücher, inmitten der hunderte von Bildbänden über Kalligraphie und Mekka, Kunst und Architektur, Fotografie und Film.

Aufgewachsen in dem kleinen Dorf Rijal Alma nahe der Grenze zu Jemen, wo die Landschaften bergig und saftig grün sind, treibt ihn vor allem die fragwürdige und rasante Modernisierung seiner Heimat durch den Ölboom um. „Die Vergangenheit wird ausradiert, die Tradition zu Schutt gemacht, die Grundstücke verspekuliert“, sagt er. Bekannt wurde er mit der Serie „Evolution des Menschen“, bei der sich auf Röntgenbildern eine Tanksäule mit Zapfpistole schrittweise in einen Menschen mit Pistole am Kopf verwandelt.

Bin-Laden-Konzern in Mekka

Mit einer Collage ist er momentan auf der Biennale in Marrakesch zu sehen. Soeben eröffnete seine Ausstellung „Symbolic Cities“ in der Arthur M. Sackler Galerie in Washington. Mitte April wird ihn das Guggenheim in New York präsentieren. Im Mai erscheint in der Schweiz Maters Herzensprojekt, seine Fotodokumentation „Desert of Pharan“ über die totale Kommerzialisierung von Mekka zu einem Giga-Zentrum des frommen Massentourismus. Auf den Fotos zu sehen sind Zapfsäulen mit eingelassenen Videoscreens, auf denen bärtige Salafisten zu den Spritkunden predigen. Oder sie zeigen die neuen Superluxus-Suiten mit Blick auf die Kabaa, von denen aus Betuchte den Hadsch für 3000 Dollar die Nacht verfolgen können.

Ein Blick in Maters Studio.  Foto:  Katharina Eglau

Das religiöse Gedächtnis werde ausradiert und das spirituelle Zentrum der islamischen Welt zerstört, bilanziert der Künstler. „Das alles ist das Werk von zehn Jahren – weniger als einer Generation. Diese Leute wissen nicht, was sie tun“, fügt er hinzu und meint vor allem das Königshaus, dessen ehrgeizige Stadtplaner sowie den Bin Laden-Konzern, der seit den Anfängen des modernen Saudi-Arabiens faktisch das Baumonopol in der Heiligen Stadt hat.

Ahmed Mater weiß, dass ihn seine Kritik in Schwierigkeiten bringen kann. Doch Kunst sei nicht dazu da, die Reichen zu belustigen. „Kunst muss politisch sein und politische Veränderungen bewirken“, hält er dagegen, obwohl er die engen Spielräume in seiner Heimat kennt. „Wir Künstler müssen uns kritischer als bisher mit dem sozialen Leben auseinandersetzen und in der Gesellschaft Diskussionen anstoßen.“

Wie er, so denken auch die 15 jungen saudischen Untergrundkünstler, die dieser Tage ihre Werke auf zwei Etagen eines staubigen Rohbaus im Stadtteil Tahlia von Jeddah zeigen. Allen jungen Frauen und Männern hier gehen die Entwicklungen in ihrer Heimat viel zu langsam. „Arabi/Gharbi“ nennt Nasser Al-Salem seine Installation aus grünen Leuchtbuchstaben. In der arabischen Schrift unterscheiden sich die Worte „Arabisch“ und „Westlich“ lediglich durch einen winzigen Punkt, den Al-Salem an der kahlen Betonwand permanent blinken lässt. „Diese Kategorien der älteren Generation verschwimmen, wir brauchen sie nicht mehr“, sagen die Jungen, von denen inzwischen mehr als Hunderttausend mit Regierungsstipendien im westlichen Ausland studierten.

„Das wichtigste Ziel für uns ist die freie Meinungsäußerung“, unterstreicht der 30-jährige Ramy Alquthamy, der zusammen mit Al-Salem diese rebellische Künstlerbewegung „Alhangar“ organisiert. Und beide sind sicher, dass die Zeit für sie arbeitet. „Wir Jungen sind die Mehrheit. Wir werden das Land bald übernehmen – und die Älteren müssen uns die Türen öffnen.“

Doch nicht nur im Inneren, auch von außen wächst der Druck. Hunderte Künstler und Menschenrechtsorganisationen rund um den Globus haben bei der saudischen Führung gegen die acht Jahre Gefängnis von Ashraf Fayadh protestiert – wenn auch bisher ohne Erfolg. Sein Freund und Weggefährte Ahmed Mater will in Saudi-Arabien keine Ausstellung mehr machen, solange der Lyriker im Gefängnis sitzt. Ob das einen der Mächtigen irritiert oder provoziert, weiß er nicht. „Doch das ist meine Stellungnahme“, sagt er.

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