"Hier fangen wir an!" sagte der Kameramann eines Fernsehteams zu seiner Redakteurin, deren Blick verunsichert durch die große Messehalle unterm Berliner Funkturm schweift. "Um einfach mal anzufangen", fügte er beschwichtigend hinzu. Das ist nicht einmal die schlechteste Methode, sich dem Ausstellungsreigen der Kunstmesse art forum berlin zu nähern, die mit ihren verschiedenen Nebenmessen und Sonderveranstaltungen Berlin bis zum Sonntag zur europäischen Kunsthauptstadt macht. 130 Galerien aus 19 Ländern haben Peter Vetsch und Eva Maria Häusler in den Hallen für das art forum versammelt, dessen 14. Auflage erstmals unter ihrer Regie stattfindet.
Wer im Jahr 2008 seinen Job in einer verunsicherten Branche angetreten hat, kommt nicht darum herum, eine Prognose zu Kunst und Krise abzugeben. Die Stimmung ist gut, sagt Peter Vetsch, was soll er auch anderes sagen? Die Kunst widmet sich der Frage derweil allegorisch. Zumindest kann man Hreinn Fridfinnssons nicht betitelte Bewegtbildinstallation so verstehen, die die isländische Galerie i8 aus Reykjavik präsentiert.
In einer öden Vulkanlandschaft liegen, weit verstreut, geöffnete Bücher, deren Blätter vom Wind bewegt werden. Niemand scheint für dieses Durcheinander verantwortlich, kein Buchhalter oder Leser in Sicht, der es beheben könnte. Vielleicht ist das aber auch nur eine Falle der Deutungslust. Assoziierte man zu Island zuletzt stereotyp Björk, Fjorde und Wasserfälle, so scheint seit 2008 das Desaster der Kaupthing-Bank die nachhaltigste kulturelle Hervorbringung des Landes.
Eine Zuständigkeit für spontane Krisenbewältigung behauptet die Kunst auf dem art forum 2009 indes nicht. Vetsch und Häusler wurden bereits im Vorfeld der Messe dafür gelobt, wieder verstärkt Berliner Galerien als Teilnehmer zurückgewonnen zu haben. Das europäische Messenkarussell zwischen Basel, London und Köln ändert bisweilen die Laufrichtung, und Berlin hat spürbar an Anziehungskraft gewonnen, seit junge internationale Künstler nicht zuletzt wegen der günstigen Atelierpreise in die einstige Preußenmetropole strömen.
Zu den formalen Neuerungen, die Vetsch und Häusler vorgenommen haben, ist nunmehr eine thematische Ordnung anstelle der alphabetischen getreten. Sie hätten die Verteilung der meist luftig geöffneten Kojen aber auch einem Zufallsgenerator überlassen können. Einen thematischen Strang oder gar Trend gibt es jedenfalls nicht. Die von den Galerien präsentierte Kunst empfiehlt sich als Prêt-à-porter, auf sperrige Formate und experimentelle Gesten wird weitgehend verzichtet. Politische Statements kommen vor, aber sie sind weniger demonstrativ als bei den großen Konzeptschauen wie der documenta.
Ulla von Brandenburg (Produzentengalerie) hat in Tusche auf Seidenpapier einen Mann mit Schleier gemalt, der in milder Umkehrung die sexuellen Konnotationen des Schleiers andeutet, zugleich aber auch Assoziationen einer verklärenden Darstellung Osama bin Ladens wachruft. Die fast hingehauchten Linien auf dem Seidenpapier nehmen der direkten politischen oder religiösen Deutung aber sogleich ihre interpretative Wucht.
Die Auswahlkommission hat erstmals auch Werke zugelassen, deren Entstehungszeit bis in die 60er Jahre zurückreicht. Fast hat man den Eindruck, als sollte diese Form der Selbsthistorisierung ein wenig auch den Verkaufsdruck von den Galerien nehmen und zugleich ein Selbstbewusstsein demonstrieren, dass man auf den Pfaden der zeitgenössischen Kunst schon ein ganzes Stück vorangekommen ist. Auf den Werken großer Namen wie Günther Uecker oder Georg Baselitz, der in gleich fünf Galerien geführt wird, liegt jedoch allzu viel Patina, um ihnen im Kontext der Jetztkunst einen Platz zuzuweisen.
Peter Vetsch vermied bei der Eröffnung des art forums Festlegungen in jeder Form. Wenn es einen Trend zu verzeichnen gebe, dann das Fehlen von Trends. Fasthalten wird man aber können, dass der Siegeszug der Fotografie im weiten Feld der zum Verkauf angebotenen Kunst in Berlin fortgesetzt wird. Mal in subtilen Kombinationen mit anderen Kunstformen, aber immer auch noch in ethnografischer Zeigelust. Pieter Hugos Serie südafrikanischer Fotografien richten einen desillusionierten und unverklärten Blick auf urbane Szenen zwischen Voodoo, Müll, Tod und Leben.
Eines der auffälligsten Kunstwerke der Messetage ist Santiago Sierras Großinstallation "NO", die am U-Bahnhof Gleisdreick festgemacht hat. Man kann nicht anders denn es als Statement zu lesen. Ein Nein, das in der Kunst der letzten 50 Jahre schon einmal lauter gerufen wurde. Andersherum buchstabiert heißt es "ON". Noch bis zum Sonntag ist das art forum berlin und seine anverwandten Kunstschauen geöffnet.