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Kunst

24. Januar 2011

Kunstmesse im Netz: „VIP Art Fair“: Aura? Fehlanzeige

 Von Sandra Danicke
Virtueller Messebesuch: Die Figur dient dem Größenvergleich. Foto: vipartfair.com

139 Galerien aus 30 Ländern nehmen an der weltweit ersten Kunstmesse mit dem irgendwie vulgär klingenden Namen VIP Art Fair (VIP steht übrigens für „Viewing in Private“) im Netz teil, darunter zahlreiche Topadressen. Gar nicht so einfach, dorthin zu gelangen.

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Alles klang so einfach: Computer an, und zack ist man da. Kein muffiger Messegeruch, keine müden Füße, die Schminkerei vorweg ist auch nicht nötig, und wer braucht schon Schampus, Glamour, Claudia Schiffer? Eine Kunstmesse im Internet – das klingt so verdammt bequem. Schnell noch einen Tee aufgebrüht, ein paar Klicks, schon hat man das Objekt der Begierde auf dem Schirm – genau wie die „Messebesucher“ in Kuala Lumpur, Moskau oder Berchtesgaden, bloß, dass man von denen nichts mitkriegt. Soweit die Theorie.

Der technisch Unbegabte sucht den Fehler ja zuerst bei sich selbst. Ist JavaScript (was immer das sein mag) tatsächlich aktiviert? Habe ich wirklich einen kompatiblen Browser? Vielleicht ist ja alles Absicht. Es lädt, lädt, lädt, und nichts passiert? Bestimmt ist das eine dieser Performances, bei denen das Warten das Werk ist. Die Seite, die den Stand der Gladstone Gallery anzeigen sollte, ist unbekannt? Sicher eine gewiefte Aktion für Kenner. Und wen hat Sadie Coles jetzt wieder an Land gezogen? Ein Klick auf ihren Stand und folgende kryptische Botschaft erscheint: „An Error was encountered – You have specified an invalid database connection group“. Klingt spannend. Warum steht nirgends der Künstlername? Und warum hatten sie bei Gagosian die gleiche Idee?

Der Weg zur Messe ist mühsam

139 Galerien aus 30 Ländern nehmen an der weltweit ersten Kunstmesse mit dem irgendwie vulgär klingenden Namen VIP Art Fair (VIP steht übrigens für „Viewing in Private“) im Netz teil, darunter zahlreiche Topadressen, die offenbar auf potente Kundschaft aus dem Nahen Osten oder China hoffen. Eine Woche lang zeigen sie 2229 Gemälde, Skulpturen, Filme mit zum Teil ganz beachtlichem Niveau – soweit sich das bei der Begutachtung am Computer sagen lässt.

Der Weg zur VIP Art Fair allerdings war so mühsam, dass man lieber eine ausgefallene S-Bahn nebst Schneesturm in Kauf genommen hätte. Überlastung? Ein Programmfehler? Keine Ahnung. Die Navigation am Schirm folgt der üblichen Messetopografie, es gibt einen Grundriss mit diversen Hallen, man kann sich von Stand zu Stand klicken. Als Größenmaßstab erscheint der Umriss eines Betrachters neben dem jeweiligen Werk.

Wo sind die Sammler?

Der Society-Aspekt geht naturgemäß flöten. Keiner weiß, ob und wo sich wichtige Sammler tummeln oder ob Brad Pitt schon zugeschlagen hat; es gibt kein Knabbergebäck, und niemand lobt die neue Frisur. Dafür hat man seine Ruhe und ist vor Fettnäpfchen sicher. Dass man die Blumendekoration am Stand irrtümlich für einen neuen Rehberger hält oder einen Fleck auf der Wand mit Nedko Solakovs winzigen Kritzeleien verwechselt, kann einem hier nicht passieren. Hier geht’s allein um die Kunst – denkt man, bis einem Zweifel kommen.

Denn offenbar sind der exakte Farbzusammenklang eines Gemäldes, die Oberflächentextur einer Skulptur, die Raumwirkung und also das, was die meisten Kunstwerke ausmacht, den potenziellen Käufern völlig wurscht. Wer hier zuschlägt, kann sich kaum in ein Werk verliebt haben. Aura? Sinnlichkeit? Der vertrauenswürdige Hinweis des Galeristen? Auf der VIP Art Fair sind das keine Kriterien. Wer hier kauft, kauft Namen.

Man weiß schließlich, wie so ein Murakami oder ein Werk von Gilbert& George in etwa aussieht. Und lohnt sich ein Francis Bacon oder Neo Rauch nicht in jedem Fall? In Zweifelsfällen gibt es ja noch den Infobutton oder den Chatpartner der jeweiligen Galerie. Theoretisch. Das rosafarbene Keramiksparschwein von Jonathan Monk, das die Londoner Lisson Gallery in einer Preisspanne von 50000 bis 100000 Euro anbietet, mag für den Laien doch arg verwirrend sein.

Ein Chatpartner steht (momentan?) nicht zur Verfügung, der Infobutton führt zu der Angabe „Aufblassparschwein in Hochglanzkeramik“. Andererseits: Welcher Kunstlaie würde schon ein Sparschwein kaufen wollen?

www.vipartfair.com: bis 30. Januar, 13.59 Uhr.

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