Kunst

25. September 2012

Kunstprojekt: Nackte Brüste im Taxi

 Von Mechthild Henneke

Vor vier Jahren fotografierte ein Berliner Taxifahrer zum ersten Mal die Brüste einer Kundin. Jetzt stellt er in der Galeria Casablanca die Fotos aus den letzten Jahren aus. Zu sehen sind Frauen, die nachts vor dem 67-Jährigen ihr T-Shirt heben.

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Berlin –  

Die Stammkundin sprach ganz unverblümt: „Ich glaube, ich bin schwanger. Ich habe so dicke Brüste.“ Taxifahrer Hans-Jürgen Watzlawek war perplex. Was sollte er sagen? „Zeig mal“, probierte er und die Frau hob ohne zu zögern ihr T-Shirt. „Die sind aber schön“, sagte er anerkennend und fragte: „Darf ich sie fotografieren?“ Die Stammkundin nickte.

Mit diesem Dialog begann vor vier Jahren die künstlerische Tätigkeit von Hans-Jürgen Watzlawek, die nun in der Kantstraße 93a ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Die Galeria Casablanca stellt seine Fotos aus. Zu sehen sind Frauen, die in der Nacht, auf dem Weg nach Hause oder zu einer Verabredung, das T-Shirt vor dem 67-Jährigen heben, um zu zeigen, was der Inbegriff der Weiblichkeit und für den Taxifahrer „ein Fingerabdruck der Frau“ ist. Genauer gesagt: Ihre nackten Brüste sind zu sehen, nicht mehr und nicht weniger. Für die fotografierten Frauen war der Schnappschuss vermutlich ein kleiner anonymer Kick am Ende eines Abends.

20 Fotografien mit zwei, vier, sogar sechs Brüsten

Der sexuellen Belästigung hat ihn noch keine bezichtigt, beteuert der Taxifahrer. Im Gegenteil. „Ich bin ein Frauenflüsterer, sage ich manchmal.“ Watzlawek lacht. Etwas in der Art muss er sein, um die Frauen zu überzeugen. Wenn er das Gefühl hat, eine Frau könnte bereit sein mitzumachen, erklärt er ihr zunächst, dass es sich um ein Kunstprojekt handelt. Er sagt, dass in den vier Jahren seiner Materialsammlung etwa die Hälfte der Frauen, die er fragte, bereit waren, mitzumachen.

Genau 20 Schwarz-Weiß-Fotografien mit zwei, vier, sogar sechs Brüsten bilden zusammen die Ausstellung „Flash Berlin 0.1.“. Kleine Rundungen und große, dunkle, helle Brustwarzen ohne Piercing, einige mit, Narben zeugen von Brustvergrößerungen. Auf manchen Bildern halten die Frauen ihre Brüste der Kamera entgegen, auf anderen lassen sie sich in den Ausschnitt fotografieren oder lehnen sich im Sitz zurück und positionieren den Busen selbstbewusst über dem Saum des Ausschnitts.

Der Godfather der Taxifahrer

Die meisten Frauen seien um die 30 Jahre alt, berichtet er. Jüngere Frauen seien unsicherer, was ihren Körper und ihre Weiblichkeit betrifft. Bei rund einem Drittel der fotografierten Frauen war der Mann anwesend – und stimmte dem Foto zu. Einmal überredete ein Mann seine Frau sogar, in einem anderen Fall musste dieser den Wagen verlassen, denn die Frau wollte dem Mann ihr Brustbild zum Geburtstag schenken. Die Frauen können einen Schwips haben, betrunken sind sie nicht, darauf achtet Watzlawek.

Clara Held ist eine, die sich abbilden lassen hat. Zwei Bilder von ihr hängen in der Ausstellung, doch sie verrät nur zögerlich, welche es sind. In „sieben Minuten“ hat sie im Taxi mit Watzlawek Freundschaft geschlossen und weil sie selbst Künstlerin ist, konnte sie ihn gleich verstehen und machte mit. „Er ist ein charismatischer Mensch“, sagt sie – der „Godfather der Taxifahrer“, der Pate der Taxifahrer. Dass dieser auch einen Sinn für Ironie hat, zeigt sein Foto mit zwei Frauen, die sich nach den Brustwarzen greifen, wie auf dem berühmten Gemälde „Gabrielle d'Estrées und eine ihrer Schwestern“ eines unbekannten Meisters.

„Ausgerechnet diese Frau wohnte in Großziethen“

Galerist Zoltan Labas findet, dass Watzlawek mit seinen Fotos „viele interessante Probleme“ anspricht: Sie erzählten eine Geschichte, sagten viel über die Frauen. Er findet Watzlaweks Bilder „sehr menschlich, sehr von heute“. Vier Wochen lang wird er vorführen, was nachts auf Berlins Straßen passiert, und dafür 800 Euro pro Bild verlangen.

Watzlawek sagt, wenn er ein Bild verkauft, will er dem abgebildeten Modell etwas vom Geld abgeben. In einem Gästebuch im Taxi haben einige ihre Adresse hinterlassen. Bisher hat er sie für die Zusammenarbeit nicht entlohnt. Nur ein einziges Mal hat er einer Frau versprochen, sie fürs Brustbild mit einer Gratisfahrt zu entschädigen. „Ausgerechnet diese Frau wohnte in Großziethen“, sagt er.

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