Es herrscht rege Betriebsamkeit an der vornehmen Madison Avenue und das, obwohl dieser graue Adventswochentag in New York völlig verregnet ist. Die eleganten Upper East Side Ladies stöckeln unter ihren Schirmen von Boutique zu Boutique. Bei Chloé und bei Prada an der Ecke zur 70. Straße ist es zum Bersten voll. Ein paar Häuser weiter stehen kunstbeflissene Touristen Schlange, um sich die Frick Collection am Central Park anzuschauen.
Nur in der Nummer 19 East 70th Street ist es still. Die Rollläden der Villa im italienischen Renaissance-Stil sind heruntergelassen, die Fenster vergittert. Über dem Messing-Griffen des Hauptportals hängt ein Zettel mit der lapidaren Mitteilung „Gallery Closed“. Das Haus ist der Sitz einer der ältesten und vornehmsten Galerien der Stadt. Seit 165 Jahren handelt hier die Firma Knoedler und Co. mit Gemälden. Zu Knoedlers Kunden gehörten die großen Industriebarone des 19. Jahrhunderts ebenso wie die großen Weltmuseen: das Metropolitan, das MoMa, die Tate Modern.
Geschäftsräume bleiben geschlossen
In der ersten Dezemberwoche blieben bei Knoedler ohne jegliche Vorwarnung die Geschäftsräume geschlossen. Auf der Website des Hauses war lediglich zu lesen, dass Knoedler nach sorgfältigen Abwägungen die schwere Entscheidung treffen musste, den Betrieb einzustellen. Die plötzliche Schließung war für die New Yorker Kunstwelt ein Rätsel. In ihrem Nachruf auf die Galerie berichtete die New York Times zwar von Anzeichen finanzieller Schwierigkeiten bei Knoedler, eine Erklärung hatte die Zeitung jedoch nicht. Erst als am folgenden Tag vor einem New Yorker Gericht eine Beschwerde gegen Knoedler eingereicht wurde, zählte die Reporterin der Times, Patricia Cohen, eins und eins zusammen.
Cohen war seit einiger Zeit einem Kunstfälschungs-Skandal auf der Spur. Bislang hatte sie Knoedler nicht handfest damit in Verbindung bringen können, doch die Beschwerde des britischen Hedge-Fond-Managers Pierre Lagrange gegen Knoedler ließ mit einem Mal alle Teile von Cohens Puzzle an ihren Platz fallen. So war in der Times vom vorletzten Samstag die erstaunliche Geschichte eines massiven Kunstbetrugs nachzulesen, der sich über Jahrzehnte und Kontinente erstreckt und der in seinen Ausmaßen möglicherweise noch den in diesem Jahr verhandelten, spektakulären Fall der Kölner Beltracchi-Bande übersteigt.
Lagrange hatte im Jahr 2007 von der damaligen Geschäftsführerin von Knoedler, Ann Freedman, ein Bild des abstrakten Expressionisten Jackson Pollock für 17 Millionen Dollar erworben. Als er versuchen wollte das Bild bei den Auktionshäusern Sotheby’s und Christie’s wieder zu Geld zu machen, erlebte er jedoch eine herbe Überraschung. Den beiden renommierten Groß-Händlern war die dokumentierte Herkunft des Pollock zu vage und zu unseriös, sie weigerten sich das Bild auch nur anzufassen. Daraufhin holte Lagrange ein unabhängiges Gutachten ein, welches das Bild eindeutig als Fälschung auswies.
Ann Freedman, die 32 Jahre lang die Geschicke von Knoedler gelenkt hatte, hatte sich in der Zwischenzeit von ihrem alten Arbeitgeber getrennt und sich selbstständig gemacht. Seit der Recherche Patricia Cohens weiß man, dass die Kündigung zeitlich mit dem Beginn einer Untersuchung durch die Bundespolizei FBI im Jahr 2009 zusammenfällt.
Das FBI wird aufmerksam
Das FBI war auf Freedman und die Knoedler Galerie nach einem Geschäft im Jahr 2007 aufmerksam geworden, das ähnlich dem Pollock-Deal schief lief. Damals verkaufte der New Yorker Kunsthändler Julian Weissmann im Auftrag von Knoedler ein Bild des zeitgenössischen US-Malers Robert Motherwell an seinen französischen Kollegen Marc Blondeau. Blondeau, der im Auftrag der irischen Galerie „Killala Fine Arts“ auftrat, veräußerte das Bild auffallend rasch zu einer satten Profitmarge weiter.
Beobachter des deutschen Beltracchi-Skandals werden an diesem Punkt aufhorchen. Blondeau hatte nämlich bereits zahlreiche von Beltracchi gefälschte Bilder in den Handel gebracht. Wie damals machte Blondeau sich bei dem Erwerb des Motherwell-Bildes keine allzu große Mühe, die Authentizität des Werkes zu überprüfen. So kontaktierte er weder die Dedalus-Stiftung, die den Nachlass von Motherwell verwaltet, noch die International Foundation for Art Research, bevor er zuschlug. Im Nachhinein zog die Dedalus-Stiftung dann aber die Echtheit des Gemäldes in Zweifel. Blondeau verklagte daraufhin Weissmann und Knoedler, es kam nach langem Hin und Her zu einem außergerichtlichen Vergleich über 650 000 Dollar.