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Kunst

14. März 2016

Kunstverein Frankfurt: Die nackte Frau und der Bagger

 Von Sandra Danicke
Regina José Galindo: Tierra (2013).  Foto: Bertrand Huet

Sichtbare und unsichtbare Gewalt: Für Schreckhafte ist diese Ausstellung eine Herausforderung. Der Frankfurter Kunstverein präsentiert Arbeiten des italienischen Bildhauers Arcangelo Sassolino und der Performerin Regina José Galindo aus Guatemala.

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Plötzlich zuckt man zusammen. Die schwarz lackierte Baggerkralle, die eben noch scheinbar beiläufig auf dem Boden lag, bewegt sich geräuschvoll auf einen zu. Wie eine gigantische Spinne kriecht das Ding näher und hinterlässt dabei tiefe Kratzspuren auf dem Schieferboden. Allein das Geräusch jagt einem Schauer über den Rücken: wie Fingernägel, die quietschend über eine Tafel kratzen – nur viel lauter. Dann hallt ein markerschütternder Knall durch die Luft. Für Schreckhafte ist die aktuelle Ausstellung im Frankfurter Kunstverein eine Herausforderung.

„Mechanismen der Gewalt“ heißt die Schau, in der Positionen zweier Künstler miteinander verschränkt präsentiert werden. Der italienische Bildhauer Arcangelo Sassolino (Jahrgang 1967) verwendet für seine Skulpturen und Rauminstallationen Materialien aus der Industrie- und Baubranche. In Zusammenarbeit mit Maschinenbauern, Physikern und Mathematikern konstruiert er gewaltige Apparaturen, die lange verharren, bevor sie sich zuweilen mit explosiver Wucht entladen.

Einer der Hauptausstellungsräume im Kunstverein ist derzeit mit einem Absperrgitter versehen, so dass man nur einen winzigen Bereich betreten kann und auch dies nur auf eigene Gefahr, mit Hörschutz und Schutzbrille. Es ist der Raum, aus dem der Höllenknall kam, also steht man nun da, schaut abwechselnd links auf eine Art Riesengewehr, das automatisch mit grünen Flaschen geladen und mit komprimiertem Stickstoff gefüllt wird, und rechts auf eine Stahlplatte, an der offenbar schon zahlreiche Flaschen zerschellt sind. Die grünen Scherben reichen schätzungsweise bis zu zehn Meter weit.

„Gesteuert durch ein Computerprogramm“, so ein Infotext an der Wand, „werden die Flaschen in einem zufälligen Rhythmus mit einer Geschwindigkeit von 900 Kilometern pro Stunde abgefeuert.“ Also wartet man auf den Schuss. Und. Das. Dauert. Unter. Umständen. Ziemlich. Lange. Dabei muss man sich konzentrieren. Schweifte der Blick im falschen Moment zu dem winzigen grünen Splitter, der es durch das Gitter bis auf unsere Seite geschafft hat, man müsste wieder von vorne warten. Nach zwanzig Minuten knallt es endlich. Natürlich ist der Flug der Flasche mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Für den Bruchteil einer Sekunde sieht man wie grünes Pulver von der Stahlplatte rieselt. Mehr nicht.

Verbrechen, die nie geahndet wurden

Auf völlig andere Weise bewegen die Arbeiten der guatemaltekischen Künstlerin Regina José Galindo (Jahrgang 1974). Zu sehen sind Videos und Fotografien, die vorwiegend Performances dokumentieren, die sich mit den Auswirkungen von physischer Gewalt und Machtverhältnissen auf die Gesellschaft und auf den Körper auseinander setzen. Zentrales Thema sind die instabilen Zustände in ihrem Heimatland, das bis heute durch einen langen Bürgerkrieg (1960-96) geprägt ist: Mehr als 200.000 Menschen starben, Landstriche – vor allem jene, in denen die indigene Bevölkerung lebte – wurden bombardiert. Frauen und Kinder wurden systematisch vergewaltigt, gefoltert und ermordet – Verbrechen, die bis heute nicht geahndet sind.

Arcangelo Sassolino: Untitled (2006/07).  Foto: Norbert Miguletz/FKV

Regina José Galindo ließ sich nackt in einem Plastiksack auf die Müllhalde werfen, sie legte sich in einen Leichensack, ließ sich von einem Mann voll Erde schaufeln, ritzte sich das Wort „Perra“ (Hure) mit einem Messer ins Bein. Für „Mazorca“ versteckte sich Galindo nackt in einem Maisfeld, das von vier Männern mit Macheten abgehackt wird, und verweist damit auf eine militärische Strategie während des Krieges, in deren Zuge der indigenen Bevölkerung jeglicher Besitz genommen und verbrannt wurde.

Ein anderes Mal liegt die Künstlerin bis zum Kopf im Schlamm, steht auf einer Wiese, während um sie herum eine Grube ausgehoben wird, liegt zusammengekrümmt unter einer Plastikkuppel, während Menschen darauf Stöcke zerschlagen. Oder sie klammert sich mit zwanzig Migranten unterschiedlicher Herkunft an die Wurzeln von Bäumen und Pflanzen, deren Herkunft ihrer jeweils eigenen entspricht. Immer ist sie dabei nackt, um zugleich Verwundbarkeit und Stärke zu demonstrieren, und tatsächlich sind das alles starke Bilder. Nur leider wirken sie ziemlich plakativ, was vermutlich eine eurozentristische Sichtweise ist.

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Auf dem Weg nach draußen bemerkt man schließlich ein grau lackiertes Objekt, eine Art verschlossener Kapsel. Ein Wandtext informiert, dass im stählernen, 600 Kilogramm schweren Gehäuse 250 Bar komprimierter Stickstoff verborgen ist – ein Druck der etwa 100-mal so groß ist wie der in einem Autoreifen. Es ist eine ziemlich abstrakte Form von Gewalt, die im Inneren der Skulptur „Afasia2“ von Arcangelo Sassolino herrscht. Man kann sie man nicht sehen. Umso mehr beschäftigt sie die Vorstellungskraft.

Frankfurter Kunstverein: bis 17. April. www.fkv.de

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