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Kunst

17. März 2016

Ludwig Meidner im Museum Giersch: Ab und zu ein unartiges Motiv

 Von Sandra Danicke
Selbstbildnis Ludwig Meidners, um 1943.  Foto: Privatbesitz/ Foto: Uwe Dettmar

Einen eher wenig bekannten Ludwig Meidner zeigt nun das Frankfurter Museum Giersch, es ist die Eröffnung einer Meidner-Ausstellungsreihe im Rhein-Main-Gebiet.

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Betrachtet man das Plakat mit den zwei seltsamen Holzfiguren, die von einer Anhöhe aus in ein Tal blicken, kommt man schon ins Stutzen. Unter dem Titel „Horcher in die Zeit“ kündigt es eine Ausstellung von Ludwig Meidner im Frankfurter Museum Giersch an. Meidner? War das nicht der Allerwildeste unter den Expressionisten? Einer, der den Pinsel mit einem Furor schwang, dass einem beim Betrachten auch heute noch schwindelig wird? Ludwig Meidners Bilder pulsieren, vibrieren und verunsichern, als blicke man geradewegs in den Weltuntergang. Abgründiger und schriller noch als seine Kollegen von der Künstlervereinigung „Brücke“ legte Meidner Zeugnis ab von den Unwägbarkeiten, den Ungeheuerlichkeiten seiner Zeit, indem er die Bilder lodern, ja: schier auseinander bersten ließ.

Noch bevor der Erste Weltkrieg überhaupt ausbrach, dräute und wankte es schon in diesen apokalyptischen Zeichnungen und Gemälden. Anders als zahlreiche Intellektuelle, die sich den Krieg als kathartisches Ereignis herbeisehnten, ahnte Meidner (1884-1966), der damals in Berlin lebte, die katastrophale Dimension des Ereignisses voraus, malte die Unübersichtlichkeit und Intensität der Großstadt mit ihren zwielichtigen Vergnügungsetablissements, zeichnete Schlachtfelder und chaotische Straßenszenen voller stürzender Leiber – Untergangsszenarien, die vom blanken Horror künden. „Ich malte“, so der Künstler rückblickend 1919, „Tag und Nacht mir meine Bedrängnisse vom Leibe, Jüngste Gerichte, Weltuntergänge und Totenschädelgesänge, denn in jenen Tagen warf zähnefletschend das große Weltengewitter schon seinen grellgelben Schatten auf meine winselnde Malerhand.“

Zwei seltsame Holzfiguren, liebend

Und jetzt dieses Plakat: Zwei seltsame Holzfiguren mit dem Titel „Strange Lovers“, eine farbige Skizze aus den vierziger Jahren, rätselhaft, schön und nicht ohne Witz. Oder dies: Ein „Insekten fressender Frosch“ (1941), Kakerlaken, Hirschkäfer, Schmetterlinge, Libellen. Dass es auch diesen Meidner gibt, war bisher kaum bekannt. Bis jetzt. Bis zu dieser ganz und gar ungewöhnlichen Ausstellung, die vornehmlich jene, teils nie gesehenen Werke präsentiert, die Meidner in den vierziger und fünfziger Jahren im Londoner Exil gefertigt hat. Skurrile Blätter, die die Öffentlichkeit bisher schlichtweg nicht kannte.

Die Schau bildet den Auftakt eines vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain geförderten Gemeinschaftsprojektes zum 50. Todesjahr des Künstlers, der seine letzten Lebensjahre in Frankfurt, Hofheim und Darmstadt verbrachte. Unter dem Titel „Ludwig Meidner – Seismograph“ eröffnen in den kommenden Monaten eine ganze Reihe von Ausstellungen in der Region. Den Abschluss bildet im Januar ein Symposium im Jüdischen Museum Frankfurt.

Bereits in den frühen zwanziger Jahren hatte Meidner sich vom Expressionismus abgewandt, fertigte Landschaftsradierungen und religiöse Texte, wurde praktizierender Jude. Ab 1930 wird er im künstlerischen Umfeld kaum noch wahrgenommen, 1937 gilt er den Nationalsozialisten als „entarteter“ Künstler. 1939 emigrierte Meidner nach England. Von 1940-41 war er als „enemy alien“ auf der Isle of Man in verschiedenen Lagern interniert, was für ihn, so berichteten es Zeitzeugen, kein Unglück war. Er war versorgt, genoss den Austausch mit Gleichgesinnten – und fertigte hinreißende Aquarellzeichnungen, die von Insekten, Puppen und Fabelwesen bevölkert und nur schwer zu deuten sind.

Doch schon kurz darauf begann es im Künstler erneut zu brodeln: Aquarelle (für Ölgemälde reichte das Geld nicht) von sterbenden Soldaten entstanden, Verzweifelte, Leichenreihen, nackte Menschen, die in einer Gaskammer oder unter freiem Himmel zusammengepfercht wurden. Desolate Gestalten, zerlumpte Bettler, geschändete Frauen. Irrwitzige derb-erotische Szenen in Kaffeehäusern und Theatern, naturalistischer aufgefasst als frühere Werke und doch von ganz ähnlicher Intensität. Zwischendurch zeichnete er immer mal wieder Grashüpfer mit Menschengesicht und groteske Fantasiegestalten. „Um den großen und düstern Ernst dann und wann ein bisschen zu dämpfen, male ich alle fünf bis sechs Wochen ein lustiges, allzulustiges, ja nichtsnutziges und unartiges Motiv in Wasserfarben“, schrieb der Künstler 1949 in einem Brief, „sie sind freilich nicht reiner Spaß und bloß funny, sondern es ist ihnen, ohne meine Absicht, etwas beigemengt, was sie für den englischen Betrachter nicht anziehend machen: ein sozialer Zug, ein düsterer Unterton.“

1953 kam Meidner nach Deutschland zurück, malte Landschaftsbilder, Stillleben und religiöse Themen. An seinen Erfolg als Expressionist konnte der Künstler jedoch nicht mehr anknüpfen.

Museum Giersch, Frankfurt: bis zum 10. Juli. Die Ausstellungseröffnung ist am Sonntag, 20. März, um 16 Uhr. www.museum-giersch.de

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