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Kunst

11. März 2016

Marina Abramovic in Athen: Dinge, die ich nicht mag

 Von 
Selbstkasteiung: Despina Zacharopoulou.  Foto: Panos Kokkinias/Neon

Marina Abramovic hat für das Benaki Museum Athen das Projekt „As One“ vorbereitet, bei dem viele teilnehmende Künstler an ihre Grenzen geraten.

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Wenn wir uns Sisyphos glücklich vorstellen müssen, dann vielleicht auch diese Menschen, die da Seite an Seite an langen Tischen sitzen, vor sich einen Haufen Reis, gemischt mit Linsen. Auf Schildern die knappe Anweisung: „Trennen + Zählen“. So sinnlos das scheint, so zufrieden wirken die Menschen. Manche arbeiten eine Stunde lang, ohne Unterbrechung, ohne Hast. Nur selten wandert ein Blick zur Arbeit des Nachbarn. Hat jemand die Aufgabe erledigt, kommt sofort ein Helfer heran, schiebt Reis und Linsen wieder zusammen.

Die Reiszähler haben kurz zuvor noch am Einlass des Athener Benaki Museums telefoniert und geraucht. Dort startet an diesem Tag das Projekt „As One“. Mitentwickelt hat es Marina Abramovic. Die serbische Performerin hat mit der griechischen Kunstplattform Neon 29 meist lokale Künstler ausgewählt und geschult, die sieben Wochen lang den Bau mit ihren Performances bespielen. Doch Abramovic neigte noch nie dazu, ihr Publikum entspannt dabei zuschauen zu lassen, wie andere etwas tun. Deswegen müssen alle Besucher am Eingang Handys und Uhren abgeben, werden mit riesigen Kopfhörern taub gemacht und in die sogenannte „Abramovic Method“ eingewiesen, eine Reihe von Übungen, die Abramovic in ihrer mehr als 40-jährigen Karriere entwickelt hat, um „die Grenzen von Körper und Geist“ zu erkunden.

Der Alptraum Blickkontakt

Und an ihre Grenzen geraten viele tatsächlich – nicht beim Linsenzählen, aber als es darum geht, lange in die Augen einer fremden Person zu schauen. Ein Mann muss nach einer Minute abbrechen. Eine jungen Frau mit Baseballkappe presst ihre Augen immer wieder wie unter Schmerzen zusammen. Eine Stunde später sieht sich eben diese junge Frau in einem anderen Teil des Museums ein Video an. Abramovic sagt darin: „Ich mag es, Dinge zu tun, vor denen ich Angst habe, die ich nicht mag.“

Was daraus werden kann, wenn jemand dieses Prinzip sehr ernst nimmt, wird ein Stockwerk höher erfahrbar. Dort sitzt Despina Zacharopoulou zwischen grauen Wänden auf grauem Boden, weißer Staub bedeckt die kurzgeschorenen Haare, über ihre Wangen laufen Tränen. Die vergangenen 15 Minuten hat sie damit verbracht, ihren eigenen Körper mit dicken Seilen so fest zu verschnüren, dass sie ihre untere Körperhälfte nicht mehr bewegen kann. Sie ist dabei mit nervenzerreißender Geduld vorgegangen, hat Knoten um Knoten geknüpft und sich das Seil zuletzt um den Hals geschlungen. Seitdem zieht sie es stetig enger. Ihre Blässe ist nun einem unheimlichen Rosa gewichen, ihr Atem geht mühsam. Plötzlich hebt sie den Blick und schaut einer Frau, die an der Wand lehnt, ins Gesicht. Diese wirkt wie vom Blitz getroffen – obwohl sie den Schock des fremden Blicks heute schon einmal erlebt hat.

Als Zacharopoulou langsam beginnt, die Fesseln zu lösen, ist der Spuk vorbei. Die Zuschauer stehen auf, knipsen Fotos, schlendern in den nächsten Raum. Zacharopoulou aber wird ihre einsame Selbstkasteiung noch sieben Wochen lang weiterführen, jeden Tag acht Stunden, insgesamt 324 Stunden lang – so steht es auf der Informationstafel. Mit der gleichen Ausdauer muss die „menschliche Uhr“ Virginia Mastrogiannaki jede Sekunde laut mitzählen. Muss Thodoris Trampas alleine auf sechs mal sieben Metern die Gipskopie eines Felsbrockens anfertigen. Selbst dem Zuschauer legen sich diese Aussichten wie eine Last aufs Gemüt. Man ist froh, das Museum als freier Mensch verlassen zu können.

Benaki Museum, Athen: bis 24. April. www.neon.org.gr

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