kalaydo.de Anzeigen

Mona-Lisa-Kopie in Madrid aufgetaucht: Die Mona Lisa und ihr Prado-Zwilling

In einem Museum in Madrid haben Experten eine Kopie der Mona Lisa entdeckt. Sie stammt aus derselben Zeit wie da Vincis Meisterwerk. Unser Autor erklärt, warum wir den Zwilling jetzt schon lieben.

Die Aura eines Kunstwerks – für Walter Benjamin ist sie „ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.“ Was würde der Philosoph, der mit seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ im Jahre 1935 die moderne Medientheorie begründete, wohl dazu sagen? Das berühmteste Gemälde der Welt, die „Mona Lisa“, hat jetzt einen Zwilling. Nicht eine Replik aus einem späteren Jahrhundert, für die man diese seit 400 Jahren im Madrider Prado heimische Variante gern gehalten hat, sondern eine Schwester. Vielleicht nur ein paar Stunden jünger als Leonardos Original.

Der unbekannte Schüler – vielleicht war es Francesco Melzi, der Klassenbeste – kopierte nicht das fertige Bild, sondern folgte jedem Arbeitsschritt des Meisters minutiös. Wie ein Film erzählt das viel besser erhaltene Bild nun unter dem Röntgenauge vom Making- of des Originals. Doch auch wenn der Vizedirektor des Prado, Gabriele Finaldi, bei der Vorstellung keinen Zweifel ließ am Originalwert des Stücks im Louvre, stellt sich doch eine ganz andere Frage: Wird sich die „Prado Mona Lisa“, davon abhalten lassen, eine eigene Aura zu entfalten?

Da Vincis Original-Mona Lisa (links) neben der Kopie des Schülers.
Da Vincis Original-"Mona Lisa" (links) neben der Kopie des Schülers.
Foto: REUTERS

Eigenleben eines Pinselstrichs

Walter Benjamin sprach nur den technischen Reproduktionen diese Wirkung ab. Doch selbst wenn sich der gelehrige Schüler wie ein Techniker verstand, der sich eines eigenen Schöpfungsdrangs enthielt: Hatte er wirklich nie auch das Modell aus Fleisch und Blut im Auge? Und selbst wenn nicht: Wenn im Leben schon eine Tausendstel Sekunde den Ausdruck eines Lächelns von dem nächsten trennt – wie wäre dann das Eigenleben eines kleinen Pinselstrichs ganz auszuschließen?

Erst jetzt sieht man, wie übel die Zeit und spätere Restauratoren mit Leonardos Werk umsprangen. Eine braun-grüne Patina umhüllt die Louvre-Schöne fast wie Rembrandt-Licht. So erscheint uns die um ein paar Stunden jüngere Prado-Mona-Lisa, zugleich älter, denn die Renaissance ist in ihr lebendiger geblieben. Aber natürlich dennoch ungleich junger: Wir haben sie ja gerade erst kennengelernt. Und fangen schon an, sie so zu lieben, wie es sich gehört: Nicht als Double, sondern als sie selbst.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  3 | 2 | 2012
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!