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Kunst

05. Februar 2016

Monet in London: Seerosen, Gewächshäuser und Kompost

 Von Sebastian Borger
"Dame im Garten" von Claude Monet, 1867.  Foto: The State Hermitage Museum/ Foto: Vladimir Terebenin

Die Londoner Royal Academy widmet sich der Darstellung des „modernen Gartens“ in der Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts.

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Claude Monet war Franzose, längst aber gehört er der ganzen (Kunst-)Welt. So etwas wie eine Spezialbeziehung zum Meister des Impressionismus (1840-1926) reklamieren die Briten für sich – sozusagen von Gärtner zu Gärtner. Die Beschäftigung mit der eigenen Scholle, und sei sie noch so winzig, stellt für Millionen von Menschen auf der regenreichen Insel einen Teil Lebenssinn dar. Dementsprechend beliebt ist Monet, sind viele Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die zunehmend wohlhabende Mittelschicht Europas das Gärtnern als Hobby entdeckte. Vielleicht nicht ganz zufällig bekleidet ein Engländer den Posten des Chefgärtners in Giverny, 60 Kilometer nordwestlich von Paris, wo Monet 43 Jahre lang bis zu seinem Tod lebte und arbeitete.

Fünfzehn Jahre nach einer großen Retrospektive widmet die Londoner Royal Academy dem „Modernen Garten“ eine grandiose Schau, in der Monets Bilder, nicht zuletzt die berühmten Seerosen-Motive, eingebettet sind in die Farbenpracht seiner Zeitgenossen, von Auguste Renoir über Gustav Klimt bis zu Wassily Kandinsky. Geschickt kontrastieren die Kuratoren den beinahe realistischen, funktionalen Gemüsegarten von Camille Pissarro mit der kunstvoll sich auftürmenden Blumenpracht in zeitgleich entstandenen Werken.

Zwischen 1914-15 entstandene Seerosen von Monet.  Foto: Portland Art Museum, Portland, Oregon

Gustave Caillebotte stand bis zu seinem frühen Tod 1894 mit Monet in regem Briefverkehr über seinen Garten. Nicht zuletzt ging es um die Frage, wie man am besten ein Gewächshaus errichtet – Caillebottes eigenes Gebäude ragt stolz in ein Gemälde des Künstlers, das in London zu sehen ist. Octave Mirbeau gestand dem Brieffreund, er liebe Kompost „wie man eine Frau liebt“. Von dieser Liebe verstehen die Briten etwas. Und so strömen die Massen seit einer Woche in die 1768 gegründete Institution. Im Herbst war hier eine große Schau Ai Weiweis zu sehen, der chinesische Künstlerdissident brachte auch viele junge Leute auf die Beine. Jetzt sind es wieder eher elegante Pensionistinnen. Aber auch Schulklassen wandern durch die lichten Säle, animiert von RA-Kunsterziehern, deren Beschreibungen jedes Gemälde zum Funkeln bringen.

Da gibt es mancherlei Geschichten zu erzählen, über Henri Matisse und Emil Nolde, den Garten des Spaniers Joaquín Sorolla und Max Liebermanns Grundstück am Wannsee. Und immer wieder über Monet. „Er liest mehr Kataloge und Preislisten für Gartenprodukte als Aufsätze über Ästhetik“, resümierte ein Journalist nach seinem Besuch in Giverny zur Jahrhundertwende.

Dem Garten galt Monets ganze Aufmerksamkeit. Oft stand der Künstler um vier Uhr morgens auf und widmete sich der Beobachtung feinster Veränderungen der Szenerie durch Sonnenlicht, Wind und Wolken. Bis zu sieben Gärtner kümmerten sich um die prächtige Anlage; einer fuhr täglich mit einem Kahn über den Teich, um die Seerosen abzustauben, gegen die Givernys Bauern zunächst Protest eingelegt hatten, weil sie fürchteten, die exotischen Pflanzen würden ihr Vieh vergiften. Mehrfach musste sich Monet in Bittschreiben an die Kommunalregierung wenden. Das Ganze sei „zu einer Obsession geworden“, gab er zu: „Eigentlich geht es über meine Kräfte, aber ich will ausdrücken, was ich fühle.“

Und wie er fühlte! An einer Wand mit einem Dutzend Seerosenbildern lassen sich die feinsten Veränderungen der Motive studieren. Einmal hängen Blätter im Vordergrund, dann stehen Bäume im Hintergrund, mal besteht die Fläche beinahe nur aus Wasser, mal fast ausschließlich aus Pflanzen. Quer durch eines der Bilder fällt ein Schatten, während doch die meisten warmes Licht und leuchtende Farben wiedergeben.

Zahlreiche Museen, vor allem aus den USA, haben zu der Ausstellung beigetragen, die bereits in Cleveland zu sehen war. In der RA kommt es zu einer Premiere: Erstmals in Europa ist das Agapanthus-Triptychon zu sehen, eine Farb-Meditation aus Monets späten Jahren, als seine Werke abstrakter wurden. Zu sehen sind noch immer Seerosen, die sich aber mehr und mehr in blau-violette Flecken auflösen. Das Werk, im Ersten Weltkrieg 1916 begonnen und 1919 beendet, ist Ende und Höhepunkt dieser Ausstellung, mit der die Kuratoren Hobbygärtnern und Bewunderern impressionistischer Farbsymphonien ein Geschenk gemacht haben.

Royal Academy, London: bis 20. April. royalacademy.org.uk

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