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Kunst

29. März 2012

Munch-Ausstellung: Eigentlich völlig unmöglich

 Von Peter Michalzik
Der Malerfürst plaudert.  

Der malende Superstar Daniel Richter führt Besucher durch die Edvard-Munch-Ausstellung in der Frankfurter Schirn und gibt dabei auch viel von sich selbst preis.

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Gibt es etwas, das den gemeinen Menschen vom Künstler unterscheidet, außer dass Künstler eben Kunst machen? Daniel Richter, Hamburger in Berlin, malender deutscher Superstar, will sicher keinen ernsthaften Beitrag liefern zu der Frage, wenn er sagt, dass doch fast jeder einen Bruder habe, der Junkie ist, oder eine Mutter, die an Krebs gestorben ist. Dass also fast jeder eine traumatisierende Geschichte habe und dass das den Künstler nicht ausmachen könne. „Es reicht nicht, Alkoholiker oder depressiv zu sein.“

Das ist banal, aber man muss so etwas sagen, wenn man über Edvard Munch spricht, den Schreikünstler, den Existential-Expressionisten schlechthin, und selbst Künstler ist. Richter steht in Frankfurt, sagt solche Sätze und parliert sich dergestalt gewandt durch die Ausstellung „Munch. Der moderne Blick“ in der Schirn Kunsthalle. Das ganze Zeug vom auratisch, genialisch oder auch exemplarisch leidenden Künstler ist ihm suspekt. Klar, das gehört längst zum guten Ton der besseren Kunstkritik.

Trotzdem wird etwas klar über Künstler und Menschen, wenn man diesem plaudernden Malerfürsten aus der Hamburger Hafenstraße, er selbst sagt Hasenstraße, in Frankfurt zuhört. Der Mann im grauen, geschlossenen Anzug und den schwarzen, rauledrigen Schnürschuhen kultiviert seine Rolle gekonnt. Er hat sie nun mal, diese Ich-bin-der-angesagte-Diskurs-Redeweise. Er fällt sich beim Sprechen selbst ins Wort oder schweift mittendrin ab. Er fragt: „Wie sagt man?“ Er sucht nach Worten, ganz so, als sei er gekommen, um deutlich zu machen, was unter der Verfertigung der Gedanken beim Reden zu verstehen sei. Er schiebt die Stile und Ebenen, die Debatten und Medien, die Gesten und Zusammenhänge locker hin und her. Ob er sich auch selbst zusieht und denkt, das spielst du aber gut, Daniel?

Charmant und boshaft

Nun ist so ein schnoddernder Theoretiker sympathisch und unterhaltsam, aber den Maler glaubt man ihm keinen Moment. Kurator, ja klar, vielleicht Kunsthistoriker, aber kein Künstler. Dass ihm der sich im Fjord spiegelnde Mond lange wie ein umgedrehtes „i“ vorgekommen sei, das er nicht einordnen konnte: eine nette Anekdote. Dass alle Menschen Probleme mit Frauen haben: eine Entertainer-Weisheit. „Frauen haben Probleme mit Frauen, Männer haben Probleme mit Frauen.“

Die so genannte Künstlerführung, mit Daniel Richter zu Edvard Munch, ist eine charmante, aber sie ist auch eine boshafte Idee. Schirn-Direktor Max Hollein gibt es ganz unumwunden zu, dass es etwas Unmögliches ist, was er den Künstlern da abverlangt. Redet der Künstler vor der Kunst so wie andere Menschen dreiviertel-, viertel- oder halbgescheit dahin, redet er sich um Künstlerkopf und -kragen. Redet er vor der Kunst stehend wie ein Künstler, redet er sich auch um Kopf und Kragen. Denn dann lässt er unweigerlich in sich reinschauen, er lässt sich beim Arbeiten zusehen, als hätte er einen Pinsel in der Hand und würde lockere Sprüche klopfend in den Bildern des alten Kollegen rummalen.

Richter zählt Munch tatsächlich, neben Bonnard und Vuillard, die er immer wieder erwähnt, auch noch zu seinen Haupteinflüssen. Richter erzählt von Menschen, die hier immer isoliert sind, von zusammengepressten Menschengruppen, von der flächigen Bildauffassung. Das Zeug, das in jeder Nachmittagsführung genauso zu hören ist. Er benutzt tatsächlich Worte wie „zutiefst klaustrophob“, „Entfremdung des Künstlers“ oder „auratische Schatten“. Man ahnt, er meint das ernst. Er meint das genau so.

Zwischen Aura und Schatten unterbricht Richter sich. „Wo sind wir hier? Hier sind die Fotos. Die interessieren mich nicht.“ Dann spricht er aber doch noch davon, dass das Porträt von Torvald Löchen, dem Mann mit den gekreuzten Beinen, nur nach einem Schnappschuss beim Gehen entstanden sein könne, da so niemand dastehe.

Irritierend und einleuchtend

Je länger Richter redet, desto mehr sagt er über sich. Da kommt der Voyeur auf seine Kosten und es kommt Erstaunliches zum Vorschein. „Auf dem Operationstisch“ aus Munchs Fotografiejahr 1902, eines der Schlüsselwerke des Norwegers, ein Bild aus Beziehungskrise, Verletztheit und Einsamkeit, wird im Reden auch zum Richter-Schlüssel-Bild: „Ärzte, die sich nicht um den Verletzten kümmern“, sieht er. „Und Leute, die den Ärzten dabei zusehen, wie sie sich nicht kümmern.“ Das ist ganz inhaltlich gedacht und überraschend anekdotisch erzählt.

Spannend wird es, wo die Rede fast zu einem Bekenntnis wird. Sozusagen genial ist Richters Besprechen (nicht Bemalen) vor „Der Künstler und sein Modell“ von 1919/21.Die Einsichten überlagern sich jetzt, wie wenn er das Bild selbst gemalt hätte. Das könne nur vor einem Spiegel gemalt sein, so wie die dastehen, sagt er. In einer Bettdecke sieht Richter nebenbei Dalís Uhr. Im Kippwinkel der Räume und durch unterschiedliche Blickpunkte erkennt er den Grund für die beängstigende Munch-Wirkung. Der Mensch, der im Zentrum des Bildes stehe, sei die Voraussetzung für den Zusammenhalt des Raumes, der andernfalls nicht mehr wahrnehmbar sei. In der Negation des Raums erscheine die menschliche Aura.

Richter redet zugleich einfühlend-konkret und inspiriert-formal und schert sich nicht mehr um Bescheidwisserdiskurse. Das ist irritierend und einleuchtend. Und die Bilder werden erregend und einfach.

Die Munch-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt läuft noch bis zum 28. Mai. www.schirn.de

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