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Kunst

16. Februar 2016

Museum Angewandte Kunst: Familie, Konfekt, Spiritualität

 Von 
Knaben, China, 1600-1619.  Foto: Museum Angewandte Kunst Frankfurt

Das Jahr des Glücks im Frankfurter Museum Angewandte Kunst beginnt mit einer Ausstellung aus dem Depot: „Glück und Verheißung. 99 Stücke aus den Sammlungen“.

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Die Fähigkeit, glücklich zu sein und das auch zu empfinden, ist ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber mitdenkenden Robotern sowie Außerirdischen, denen der Mensch in selbstausgedachten Geschichten begegnet. Denn es ist ihm wohlbewusst, was er da hat: Glück. Ihm widmet das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt das Jahr, in dessen Zentrum ab April die Ausstellung „Happy Show“ stehen wird, konzipiert und produziert von dem österreichischen Grafikdesigner Stefan Sagmeister.

Einen Vorraum zur großen und sicher schicken Schau eröffnet jetzt die Ausstellung „Glück und Verheißung“, die „99 Stücke aus den Sammlungen“ des Hauses präsentiert. Man kann an ihnen entlangschlendern, man kann sich mit einem Beiblatt orientieren – denn die Ausstellung von heute spart zumeist mit Texten am Objekt, das ist sicher didaktisch getestet und doch manchmal betrüblich.

Man kann sich auch mit Kopfhörern einzelne Nummern näher erläutern lassen, und man kann nur staunen, wie viele Gegenstände um uns herum unserem Glück dienen sollen.

Macht Opium glücklich?

Sie sind klein und groß, nützlich und unsinnig, Nippes und Kunst und auch ein Glas, das man immer leer trinken muss, um es wieder hinzustellen, gehört dazu, und auch Accessoires für den Opiumkonsum. Denn es gilt zuweilen, dem Glück auf die Sprünge zu helfen, und es gilt fast immer, dass das Glück ein tückischer Geselle ist. Kuratorin Grit Weber weist aber sicherheitshalber noch einmal darauf hin, dass Opiumkonsum der Gesundheit schadet, und sie spricht zu Recht vom Glücksversprechen, das sich ins Verderben wendet.

Dankenswerterweise hat sie etwas vorsortiert und bietet die Vitrinenbahn entlang Gelegenheit, sich auf verschiedene Aspekte im allzu großen Feld einzulassen: von der schönen Häuslichkeit bis zur großen weiten Reisewelt. Zwei chinesische Porzellanknaben aus der Ming-Zeit blicken dem Besucher entgegen. Denn fundamental ist das Glück, nicht alleine zu sein, das der Menschen, nicht zum Eisbären geboren, geradezu braucht, um existieren zu können (die Grenzen zwischen Notwendigkeit und Glück sind unscharf, Glück nicht nur ein Luxus).

Eine reizend ideale Mutter aus Meißener Porzellan nach einem Entwurf von Johann Joachim Kändler blickt wie von ungefähr hin zur chinesischen Guanyin, die gerade Kinder segnet, und auch ein erstaunlich gut erhaltener Glasphallus aus dem 16. Jahrhundert ist zur Hand. Er verbindet die mütterliche mit der weniger mütterlichen Liebe, der womöglich größten Glücksverheißung aller Zeiten.

Unerwartet groß prunkt nun mitten in der Bahn ein Kändlerscher Liebestempel, frisch restauriert, ein Wunderwerk, bei dem man sich unbedingt aus der Nähe ansehen muss, wie es zusammengesteckt ist. Entstanden für eine Hochzeit am sächsischen Hof, erinnert es natürlich daran, dass Glück auch ein unverschämtes Versprechen ist. Ein Versprechen von Personen, denen ein bestimmtes Verhalten (den bestimmten Mann / die bestimmte Frau zu heiraten, zum Beispiel) zupass kommt.

Weber gibt sich hier aber ihrerseits sozusagen verträumt, zeigt Taufbecher und Familienmünzhumpen, an sich völlig unbrauchbare Gegenstände, die aber die Beständigkeit und den Fortgang der Familie feiern, indem sie von Generation zu Generation weitergereicht und ins Regal gestellt werden.

Vielleicht besser ein bisschen Konfekt?

Die Dinge selbst sind ja still und halten sich in der Wertung völlig zurück. So kann der Mensch selbst entscheiden, ob er nicht lieber auf eine der abwechslungsreichen Konfektschalen und die Trinkbecher setzt, die sich jetzt eher profan anschließen, aber auch einige Zuverlässigkeit ausstrahlen.

Nicht gilt das für den Spieltisch aus dem Hause Roentgen, in dem sich Karten- und Schachspielplatten verbergen. Wie schön wäre es, ihn aufgeklappt zu bekommen, aus rein mechanischem Interesse. Nicht immer gilt das auch für das „Loslassen“, denn Schlaf ist nicht jedem gegeben, und es erschließt sich nicht recht, wie die neckische knabenförmige Nackenstütze aus Porzellan dabei behilflich sein soll.

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Nicht immer gilt das erst recht für die spirituellen Glücksversprechen, die sich nun anschließen – als köstlich bebilderter Reiseführer für den Mekka-Pilgerer, als Abendmahl-Ausrüstung oder in Form von winzigen Gottheiten für die Hosentasche oder interessanterweise den Kimono: Dem taschenlosen Gewand für den Mann waren Extrabeutelchen beigegeben, die an einem Band über den Gürtel gelegt werden konnten. Die sorgfältig geschnitzten Glücksbringer bildeten dazu das Gegengewicht.

Blickt man hinterher womöglich mit mehr Liebe auf die Kaffeemaschine, auf die Tasse mit dem kleinen Laufvogel, das lustige Büroklammermännchen, an dem schon lange keine Büroklammer mehr hängt, all die Glücksspender der Umgebung? Das mag schon sein.

Dazu: Kunst zum Thema

Vorher gilt es aber noch, in den Raum zu gehen, in dem Filme die „99 Stücke“ ergänzen: Kunst zum Thema Glück, Rührendes, Humoristisches, Meditatives. Dass alles in der Kunst in irgendeiner Weise mit Glück zu tun hat, schlägt sich nur theoretisch etwas problematischer nieder als in der Welt der Dinge mit ihren unverbindlichen, vielfältigen Angeboten. Die Filme sind zum Teil klasse.

Museum Angewandte Kunst, Frankfurt: bis 10. April. www.museumangewandtekunst.de

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