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Kunst

28. September 2012

Nàdas Foto-Ausstellung: Fotografien wie Poesie

 Von Ingeborg Ruthe
Ungarische Licht- Schatten-Poesie: Péter Nàdas’ „Katze im Küchenfenster“, 1964. Kicken Berlin/Péter Nádas  

Es ist die wohl zärtlichste Ausstellung des Herbstes: In der Galerie Kicken Berlin spinnen Péter Nàdas und Janos Frecot eine poetische Foto-Zwiesprache - aus eigenwillig beschnittenen, fragmentarischen Alltagsszenen.

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Es ist die wohl zärtlichste Ausstellung des Herbstes: In der Galerie Kicken Berlin spinnen Péter Nàdas und Janos Frecot eine poetische Foto-Zwiesprache - aus eigenwillig beschnittenen, fragmentarischen Alltagsszenen.

Berlin –  

Sie ist förmlich auf der Haut zu spüren, diese eigentümlich epische, herbe, doch zugleich sanft knisternde Stimmung im Raum, zwischen Bild und Bild. Wortloser Dialog, Unausgesprochenes.

Die schwarze Katze am offenen Fenster eines alten Hauses sitzt wie der Wächter eines Geschehens, bei dem aber eigentlich gar nichts passiert. Durch die Baumwollgardine bricht sich das Morgenlicht; es wirft die Raster der Fenstersprossen auf das dünne Baumwollgespinst. Der Schatten eines beleibten Kaktus’ im Blumentopf auf dem Fensterstock formt sich zum monströsen, geisterhaften Gebilde.

        

Berliner Elegien von Janos Frecot: „Bahnbogen 22-79“, 1966 (Ausschnitt).
Berliner Elegien von Janos Frecot: „Bahnbogen 22-79“, 1966 (Ausschnitt).
Foto: Kicken Berlin/Janos Frecot

Eigenwillig beschnittene, fragmentarische Alltagsszenen

Vorn ins Bild schiebt sich der Hals einer Flasche mit Korken. Wein vielleicht. Oder Schnaps, stehengeblieben vom vorherigen Abend. Es ist die Küche des Fotografen. Oder die eines Nachbarn im Dorf Gombosszeg, westlich vom Balaton, wo Nàdas sein Sommerhaus und seinen tagtäglich fotografierten Birnbaum stehen hat.

Péter Nàdas, der fotografierende Schriftsteller – oder dichtende Fotograf – überschreibt seine Aufnahmen, die jetzt in der Galerie Kicken Berlin neben den Berlin-Motiven seines Freundes Janos Frecot hängen mit „Etwas Licht“. Ein kleines, fotografisches und literarisches Porträt Ungarns: In magischen Schwarz-Weiß Aufnahmen hat Nàdas viele eigenwillig beschnittene, fragmentarische Szenen aus dem Alltag festgehalten: Das beschriebene Küchenfenster mit Katze, den Schatten eines alten Lesesessels, Menschen in der Kirche, Männerbeine im dunklen Anzug, die mit großem Schritt über Gehweg-Platten eilen, wohin, das bleibt ein Geheimnis.

Ein halbwüchsiger Knabe steht einsam an eine Säule gelehnt. Und eine schöne junge Frau, im eleganten Sonntagskleid, hat sich von der zum Gottesdienst drängenden Kirchgemeinde etwas distanziert. Kokett umarmt sie eine Holzsäule der Dorfkirche, zum Beten und Singen ist sie wohl nicht gekommen, vielmehr scheint es, sie wartet auf jemanden, den sie hier zu treffen hofft.

Rätsel des Alltäglichen

Typisch Nàdas, diese sanfte, rätselhafte, unaufdringliche Kunst der Andeutungen, in der Fotografie wie in den Essays, Romanen, Bühnenstücken. Man solle „Schwarz von Schwarz unterscheiden“ rät er Bildbetrachtern wie Lesern und er malt oder zeichnet auf Foto- wie Schreibpapier flüchtige Schattenbilder mit starken Kontrasten und hauchartigen Überlagerungen von frappierender Sinnlichkeit. Nicht von ungefähr wird der gebürtige Budapester verehrt und im November mit dem „Preis der SWR-Bestenliste“ bedacht. Er verknüpfe, sagt die Jury, mit großer poetischer Kraft die deutsche und die ungarische Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts und schlage in den Bann.

Nàdas, auch der „ungarische Proust“ genannt, wird am 14. Oktober Siebzig. Sein Freund, der Fotograf und Fotohistoriker Janos Frecot, Sohn Lothringischer Siedler aus dem rumänischen Banatt, aber seit der Kindheit Berliner, wird bald 75 Jahre alt. Die Leidenschaft der beiden fürs Philosophische, Poetische, Schwarz-Weiße, für Licht und Schatten, für die Rätsel des Alltäglichen ist, neben der beinahe nachbarschaftlichen Herkunft – Ungarn, Rumänien – ein großer gemeinsamer Nenner.

Die Korrespondenz ihrer Bilder in der Galerie Kicken entwickelt einen Zauber, der nicht anders als mit dem Begriff Zärtlichkeit beschrieben werden kann– ohne damit auch nur ein Gran von Sentimentalität zu meinen. Dafür sind Nàdas’ Motive viel zu spröde und Frecots „Bahnbogen“-Serien, aufgenommen am völlig verfallenden Gleisdreieck, viel zu sachlich. Das Panorama der Inselstadt Westberlin nach dem Mauerbau ist aufgespannt, sichtbar werden die geschichtsschweren Schichten: Fassaden, Hinterhöfe, Brandmauern und monolithische Einzelgebäude inmitten von Brachen, die heute längst bebaut sind.

Kicken Berlin, Linienstraße 161 A (Mitte) Bis 15. Dezember, Mi–Sa 14–18 Uhr.

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