kalaydo.de Anzeigen

Nassauischer Kunstverein Wiesbaden: Wenn man nur lang genug drauf starrt ...

Die Kunst, alle Erwartungen an Kunst zu unterlaufen: Rory Macbeth liebt die Irritation, den kurzen Moment, in dem der Betrachter realisiert, dass er hier gerade auf den Arm genommen wird. Von Sandra Danicke

Vergangene Utopie: Der Roman Utopia an den Wänden eines mittlerweile abgerissenen Hotels in London.
Vergangene Utopie: Der Roman "Utopia" an den Wänden eines mittlerweile abgerissenen Hotels in London.
Foto: Rory Macbeth

Vor der Tür riecht es nach Farbe, ein Wrack leuchtet hellblau. Es handelt sich um ein ausgebranntes Motorrad, penibel mit frischem Lack besprüht, so als gäbe es tatsächlich eine Chance, dass wir den Totalschaden nicht bemerkten. Drinnen, im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden, sitzt ein Mann auf einem Sockel, trinkt Rotwein, raucht Selbstgedrehte, liest vor. Angeblich handelt es sich um eine Novelle von Franz Kafka. Andererseits hat der Künstler diesen Text aus dem Deutschen ins Englische übersetzt, ohne Deutsch zu können. Das fällt jedoch kaum auf. Rory Macbeth liebt die Irritation, den kurzen Moment, in dem der Betrachter realisiert, dass er hier offenbar gerade auf den Arm genommen wird.

Als Student ist Macbeth ins Büro seiner Londoner Kunsthochschule Central St. Martin's eingebrochen, hat dort Papiere gefälscht und eine Kommilitonin namens Frances Neil erfunden. Frances hatte gute Noten, ihre Arbeiten ließen eine Vorliebe für Textilkunst erkennen - sie stammten vornehmlich aus den Mülleimern der Universität. Gezielt gestreute Gerüchte entwickelten schnell ein Eigenleben; jeder schien sie zu kennen: War das nicht diese Hippietussi, die eine Affäre mit diesem Tutor hatte? Der Schwindel flog erst auf, als Frances wiederholten Aufforderungen zum Trotz keine Studiengebühren zahlte.

Rory Macbeth allerdings hörte auch später nicht damit auf, sein Publikum in die Falle zu locken, mehr als einmal handelte er sich dabei Ärger ein. Etwa, als er 2005 versuchte, in einer alten Badewanne von San Servolo durch die Lagune von Venedig zu fliehen. Die Insel, auf der Macbeth als Stipendiat untergebracht war, diente im 20. Jahrhundert als geschlossene psychiatrische Anstalt; kranke Menschen wurden dort in ebendieser Badewanne diversen Schocktherapien ausgesetzt. Macbeth schaffte ungefähr 300 Meter.

2002 schuf der Künstler, der 1965 in Schottland geboren wurde und größtenteils in London lebt, Statuen, die so tun, als seien sie Menschen, die so tun, als seien sie Statuen. Er stellte sie mit einem Tellerchen in Fußgängerzonen auf. Nach acht Stunden hatte er die Materialkosten raus. Dann war da noch das Stipendium in der Nähe von Zürich. "Da arbeiteten nur Künstler, die immer noch echte Achtziger-Jahre-Kunst machen", erklärt der Brite, "echte Dinosaurier ihrer Zunft." Eigentlich habe er sich fehl am Platz gefühlt, doch die seien alle sehr nett gewesen und hätten ihm erklärt, wie das funktioniert mit der Bildhauerei. "Die sagten Sachen wie: Du musst nur stundenlang auf den Stein schauen, dann fühlst du, was in ihm steckt. Mir schien logisch: Da steckt ein Stein drin. Und wenn du etwas aus dem Holz rausholen willst, dann muss es ja wohl ein Baum sein." Ein arbeitsintensiver Gag, dessen Ergebnis derzeit in der Wiesbaden Ausstellung mit dem Titel "The long march back to progress" zu bewundern ist. Ebenso wie matschige Haufen aus geschredderten Büchern von Plato, Newton, Einstein oder Graffitifragmente von Thomas Morus' "Utopia" (1516).

2006 hatte Macbeth den kompletten Roman an die Wände eines zum Abriss freigegebenen Londoner Hotels gesprüht - ungeachtet der Einrichtungsgegenstände. Zu sehen ist das mittlerweile vernichtete Ergebnis in einem Film und ausgestellten Spiegeln mit roten Wortfetzen.

In seinen Arbeiten untersucht Rory Macbeth das Missverhältnis von Sein und Schein und unterläuft dabei sämtliche Klischee-Erwartungen an Kunst. Seine Werke wirken erst auf den zweiten oder dritten Blick, um dann einen mehr oder weniger subtilen Witz zu entfalten, der nachhaltig im Gedächtnis bleibt. 2002 malte er grellfarbige "Magic Eye"-Bilder ab, weil er fand, dass mit ihnen eine ähnliche Erwartung verknüpft sei wie mit abstrakter Kunst, etwa von Gerhard Richter: Wenn man nur lange genug drauf starrt, wird man auch etwas erkennen. Bei Macbeth jedoch bleibt die Erlösung aus, das seltsame Flirren erzeugt ein kleiner Motor hinter den Leinwänden.

In Wiesbaden übermalte Macbeth Van-Gogh-Kunstdrucke und brachte einen Gipsarm im Treppenhaus an. Wer die Treppen hinunter kommt, auf den deutet der ausgestreckte Zeigefinger. Ein Kunstwerk schlägt zurück.

Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden: bis 26. April.

Autor:  SANDRA DANICKE
Datum:  25 | 3 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!