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Kunst

16. April 2010

Neo-Rauch zum 50. Geburtstag: Die Augen weit geschlossen

 Von Sebastian Preuss
Neo Rauch wird am Sonntag 50 Jahre alt.Foto: dpa

Ausstellungen in Leipzig und München feiern Neo Rauch: Wer hätte gedacht, dass Leipzig einmal zur heimlichen Hauptstadt der deutschen Malerei aufsteigen würde. Rauch machte es möglich. Von Sebastian Preuss

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Die Ausstellungen

Museum der bildenden Künste, Leipzig: 18. April bis 15. August.

Pinakothek der Moderne, München: 20. April bis 15. August.

Der Katalog zu beiden Ausstellungen (Hatje Cantz) kostet im Museum 38 Euro.

Neo Rauch einmal ganz ohne Figuren: Das gibt es doch eigentlich gar nicht. Um so tiefer prägt sich das Bild "Acker" von 2002 ein, eines der herrlichen Erlebnisse dieser Leipziger Ausstellung. Ein weites Feld schwingt sich über die Leinwand. Im Vordergrund bildet eine Schollenlandschaft, ein wenig gemalt wie vom frühen Markus Lüpertz, eine scharfe Sichtbarriere, während die Erde nach hinten in einen zarten, wie von den Barbizon-Malern hingezauberten Waldrand mündet. Darüber löst sich der Himmel in Farbschlieren und tonige Effekte auf, glühen Turner-Wolken und Blechen-Licht, während Spritzer und Gebrauchsspuren noch vom Arbeitsprozess zeugen.

Alles ist pure Malerei, Jahrhunderte europäischer Landschaftskunst klingen in diesem Meisterwerk mit, das doch so unverkennbar zeitgenössisch ist. Ein Bild zum Niederknien; wie gerne würde man mehr solcher reduzierten Farb- und Formwunder von Rauch sehen. In seiner jüngsten Produktion bändigt er zumindest in einigen kleinformatigen Menschenszenen seinen Drang zum ausgreifenden Schauspiel. Etwa beim "Abstieg" eines Wanderers im Gehrock aus dem frühen 19. Jahrhundert. Die flirrenden Äste und die Grasmasse bewegen sich irgendwo zwischen Rokoko und Manet, während der Wanderer sein Alter ego als gemorphte Hülle und Riesenhirn mit sich trägt. Eine Traumsequenz, ein inneres Bild, wie alles bei Rauch. Seine Kompositionen bieten Anhaltspunkte für unterschiedlichste Deutungen, doch zu einem wirklich schlüssigen Ergebnis kommt man bei der Motivanalyse nie.

Leipzig ist stolz auf seinen Künstlerstar und macht die Galaschau zum großen Ereignis. Wer hätte bei der Wiedervereinigung auch gedacht, dass die sächsische Metropole einmal zur heimlichen Hauptstadt der deutschen Malerei aufsteigen würde? Bestimmt nicht diejenigen, die nach 1989 alles dafür taten, bloß keine Kunst aus dem Osten im Kunstbetrieb hochkommen zu lassen. Aber Neo Rauch machte den Namen Leipzigs in den Kunstszenen auf dem ganzen Globus bekannt und öffnete mit seinem Erfolg auch einer jüngeren Generation den Weg zu internationalen Karrieren.

Rauch ist im Olymp angekommen, und es zeugt vom Rummel um ihn, dass jetzt sogar schon sein fünfzigster Geburtstag am 18. April öffentlich mit einer großen Doppelschau in Leipzig und München begangen wird. Doch niemand wird es seiner Heimatstadt, der Rauch beharrlich treu blieb, verdenken, wenn sie sich im Glanz des Vorzeigekünstlers sonnt und die Ausstellung am Sonntag mit großem Auftrieb und Uwe Tellkamp als Laudator eröffnet. Ob man Rauch nun liebt oder hasst, der Gewinn für die Besucher im Museum der bildenden Künste ist ohnehin enorm: Sechzig geschickt ausgewählte Gemälden aus den Jahren 1993 bis 2010 - in München sind es noch einmal genauso viele - dokumentieren den Werdegang zu einem Maler, an dem auch schärfste Kritiker nicht mehr vorbeisehen können.

Der Rundgang ist nicht chronologisch angelegt, sondern eher nach Farbklängen und motivischen Verbindungen geordnet. Zwar sind Rauchs Bilder immer auf Anhieb erkennbar: seine eingetrübten Stimmungen, die absurden Kombinationen von Menschen und Requisiten, die vielschichtigen Erzählfetzen, die am Ende nie zusammengehen. Doch vergisst man darüber gerne die deutlichen Stilsprünge. Während das frühe, meist expressiv-abstrakte Werk der DDR-Zeit ausgeblendet wird, führt die Leipziger Schau in aller Klarheit die Entwicklung Rauchs seit den frühen Neunzigern vor.

Das beginnt mit den flächigen Kompositionen von 1993. Mit diesen Bildern wäre Rauch nicht berühmt geworden. Interessanter wird es zwei Jahre später. Raffiniert fragmentiert er seine Darstellungen, reißt kühne Perspektiven und geometrische Brüche auf; die Figurenstatuarik erinnert an Oskar Schlemmer oder den genialen Sowjetkünstler Alexander Deineka. Seit der Zeit um 1997 entstehen dann die Bilder, die Rauchs Welterfolg begründen. Er erschließt sich ein Reservoir aus dem sozialistischen Realismus wie aus einer altertümlichen Reklamewelt Amerikas, er zettelt absurde Märchen an, bedient sich aber auch bei Comic-Elementen oder Haushaltsgegenständen. Die Kombinatorik aus diesem Fundus ist unerschöpflich. Immer meint man, etwas wiederzuerkennen, doch am Ende spielen sich ort- und zeitlose Welttheater ab.

Es gibt viel zu sehen bei Rauch, auch an sinnlichen Eindrücken. Aber dargestellt wird im Grunde nichts, die Pseudozusammenhänge zwischen Motiven, Szenen und den sehr konkreten Titeln gaukeln das nur vor. Im Grunde ist es ein Informel aus gegenständlichen Versatzstücken.

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In den letzten vier, fünf Jahren wurde das Kolorit düsterer, Rauchs Figuren gewannen an Volumen und Lebendigkeit, die Bildregie steigerte sich zu einer barocken Dramatik. Offenbar erkannte er, dass in seinem Retrostil der späten Neunziger und nach der Jahrtausendwende mit den poppig-grellen Farben manches an Zeitgeist, auch Ostalgie-Schick steckte, was heute zuweilen abgestanden wirkt. Nun mag Rauch "altmeisterlicher" wirken, dafür hat er aber seine Virtuosität noch einmal deutlich steigern können - auch dies eine Erkenntnis, für die man einmal so viele Bilder im Original vor Augen haben muss.

Seine Bilder, so Rauch, sollen "große Momente des Staunens" auslösen, aber nichts erklären und schon gar nicht Kommentare zum Zeitgeschehen bieten. Malen ist für ihn "die Entgegennahme einer inneren Zusendung". Er sammelt kein Vorlagenmaterial und beginnt nicht mit Vorzeichnungen. Die Bilder entstehen nach eigenem Bekunden "unter geschlossenen Lidern". Visuelle Bewusstseinsströme ergießen sich auf die Leinwand, die Rauch aber mit den Mitteln einer scharfen Rhetorik in ihre Bahnen lenkt. Besonders hierin erweist er sich als echter Leipziger und als legitimer Fortführer der örtlichen Tradition. Bernhard Heisig, bei dem er studierte, und mehr noch Werner Tübke machten vor, wie Menschen- und Motivmassen aus dem inneren Off quellen, wie Inhalte in surrealen Brüchen und Schnitten verschlüsselt werden. In der DDR-Zeit ging es um die Bewältigung von Geschichtserfahrung und nicht zuletzt auch um camouflierte Kommentare zum realen Sozialismus. Das hat Rauch mit all den gescheiterten Utopien hinter sich gelassen, sein Werk gewissermaßen im Posthistoire angesiedelt.

Er liest viel, und die Parallele zum Verfahren einer phantastischen, zitatreichen Literatur, etwa Borges, scheint auf. Im Grunde ist Rauchs Malerei ein Fall für die Psychoanalyse; das weist er im Gespräch auch nicht von sich. Doch wo ist der Freud, wo der Lacan, dem als kunstbegeisterter Therapeut Wegweisendes zu diesen Bildern einfallen würde?

Gerade die fehlende Programmatik und der verweigerte Gegenwartsbezug haben die Kritiker Rauchs immer abgestoßen. Und in der Tat geht einem auch in dieser suggestiv zusammengestellten Schau irgendwann das Gefühl einer staunenden Alice im Wunderland verloren. Aber die Verwunderung über die malerische Virtuosität, die seine besten Bilder so aufregend macht, bleibt.

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