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Kunst

15. Januar 2013

Neue Fotoausstellung im Martin-Gropius-Bau: „Lebensmittel“ – Allmähliches Entsetzen

 Von Ingeborg Ruthe
Hackmasse in Folie: „Ohne Titel # 17.139“. Foto: Michael Schmidt / Martin-Gropius-Bau

Michael Schmidts lakonische Fotoserie „Lebensmittel“ im Berliner Martin-Gropius-Bau fragt nach der Angst der Tiere, nach dem Woher und dem Wie unserer Nahrung.

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Berlin –  

Wieviel Angst steckt in einem Kilo Hackfleisch? Mischhack, wie wir es für Buletten und Kohlrouladen nehmen, für Bratwürste und die Füllung von Paprikaschoten. Gibt’s ab Freitag alles auf der Grünen Woche in Berlin, in den Messehallen unterm Funkturm. Traditionell deftig oder exotisch gewürzt, sehr appetitlich, und sogar mit Öko-Label serviert.

Allein ein Deutscher verzehrt in seinem Leben durchschnittlich 1094 Tiere. Das besagt der soeben veröffentlichte Fleischreport der Bundesregierung. Angesichts dieses Berges toter Tiere dürfte so mancher ganz schön erschrecken, zumal der Report auch noch aufführt, dass auf jedes erzeugte Kilogramm Fleisch – Schwein, Rind, Kalb, Lamm, Geflügel – 170 Milligramm Antibiotika kommen, Folge der Massen-Tiermast. Was wiederum zur Folge hat, dass Mann, Frau, Kind in Massen antibiotikaresistent werden – das heißt, im Ernstfall kann also die medizinische Hilfe versagen.

Soeben gibt es, als lakonischen Kommentar zu alledem – in der zweiten Etage des Berliner Martin-Gropius-Baus – eine Fotoschau, die gleichfalls fragt: Nach der Angst der Tiere, nach dem Woher und dem Wie unserer Nahrung. Michael Schmidt, einer der wichtigsten Fotografen unserer Zeit, dessen Werkblock „Ein-heit“ (1991-1994) mit den Aussagen über die Mühen der Ebene nach der deutschen Wiedervereinigung im New Yorker MoMA enthusiastisch gefeiert wurde, zeigt uns das in Plastik verschweißte, auf Paletten gestapelte Leben. Genauer: die Mittel zum Leben.

Und mit diesen Mitteln hat es seine Bewandtnis. Denn alles in den Bildern scheint widersprüchlich; sie sind real, die grünen Tomaten, prallen Paprikas, Kuheuter, Würste. Zugleich haben sie etwas Täuschendes. Auch die in Schwarz-Weiß fotografierten, leer gefegten Felder, die Äcker mit den gebückten Rücken der Saison-Arbeiter, wirken unwirklich. Sie lassen zudem irgendwie an Millet-Gemälde denken. Kunstgeschichte als Schmidts Subtext.

Die Sau ist tot

Aber die sehr reale tote Sau auf dem Schlachthofboden, der dem Kadaver nicht einmal ein bisschen Stroh bietet, gibt keine Antwort. Das gebrochene Auge ist schwarz, nichtssagend, sautot eben. Anders das Auge der Kuh auf dem Foto einen Raum weiter, von der uns der Fotograf nur einen Stück Kopf zeigt. Unter den weißen Wimpern blickt dunkle, feuchte Panik. „Lebensmittel“, die von 2006-2010 entstandene, packende Serie des großartigen Berliner Fotografen, ist kein Aufruf zur Rebellion wider die Machenschaften der Lebensmittelindustrie. Diese dem Prinzip des Seriellen verpflichteten Fotos sind in ihrer nicht moralisierenden Nebensächlichkeit viel radikaler.

Meist hat Schmidt die Motive von oben fotografiert, die Esswaren (Äpfel, Gurken, Eier) ein wenig aus der Bildmitte gerückt. Es geht immer nur um diesen einen Moment und um den gewissen Ausschnitt. Schmidt – der kein Vegetarier ist! – provoziert keinen Ekel, keine kurzzeitige Empörung. Genau damit aber bewirkt er etwas Nachhaltigeres, nämlich ein stilles, stummes, allmählich anwachsendes Begreifen – und Entsetzen.

Von Trockenpaletten purzelnde Fritten, eingeschweißte und mit Strichcode versehene Würstchen, unter der Folie grünlich schimmernde Schinkenscheiben, ein Haufen Fischköpfe oder eine blasig zerquirlte Ei-Masse im Glas lassen sich Weiß Gott nicht politisch skandalisieren. Auch die wie Plastik aussehenden Aufbackbrötchen im Abfallcontainer sind kein Drama.

Schmidt zeigt in seinen Fotos auch kein exzessives Töten, kein exorbitantes Effektgeschrei aus dem tagtäglichen großen Schlachten für unsere Bratpfannen, Fritteusen und Suppentöpfe. Dieser Berliner, Jahrgang 1945, ist ein Zeitgenosse, der sich noch erinnern kann, was in der Nachkriegszeit Hunger, Nahrungsrationierung bedeuteten.

Effektloses Konstatieren

Doch gerade ohne Agitation, mit der etwa „Foodwatch“-Leute versuchen, die Welt zu ändern, wirkt Schmidts Werkblock in seiner lapidaren Nüchternheit. Seine Sichtweise ist klar, emotionslos, hart.

Michael Schmidt, der von seiner Arbeit sagt, er arrangiere nicht, sondern er komponiere, ist kein Anekdotenerzähler, eher ein Essayist. Und das dringt dreimal tiefer ins Bewusstsein, in den Magen, ins Gefühl – dieses serielle, unentrinnbare, effektlose Konstatieren der Zustände in der Lebensmittelindustrie, der Massentierhaltung, der Überproduktion – der Vernichtung von Essbarem.

        

Pralles Grün aus der Nährlösung: „ Ohne Titel # 17.069 a“.
Pralles Grün aus der Nährlösung: „ Ohne Titel # 17.069 a“.
Foto: Martin-Gropius-Bau

Gerade in dieser Gefasstheit werden Schmidts Aufnahmen zu meisterhaften Kommentaren, ja, damit zu auch stillen Anklagen. Er fotografierte auf norwegischen Fischfarmen, in deutschen Schlachthöfen und Großbäckereien, auf italienischen, holländischen, spanischen Obstplantagen und in Verarbeitungsfabriken.

Der Blick in die Brotkörbe, in die Fischkäfige und Apfelwaschanlagen erinnert in Schmidts serieller Analytik ziemlich an die Fotografie der neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren.

Hinzu kommt der weitgehende Verlust des lokalen Bezuges der Produktion. Die Weiterverarbeitung und Konfektionierung von Lebensmitteln macht es uns Betrachtern, die wir zugleich Konsumenten sind, unmöglich, festzustellen, ob sich ein Schlachtbetrieb, eine Gemüseplantage oder eine Milchanlage nun in Irland, Holland, Spanien, Frankreich oder Italien befinden.

Die Lebensmittelproduktion, das sagen Schmidts Fotos unverhohlen, ist industrialisierte Ware. Wir sehen ihnen ihre Herkunft nicht an, erfahren auch nicht, wie frisch – oder eben nicht – dieses Überangebot in den Supermarktregalen wirklich ist. Frische und Tadellosigkeit aber ist es, was der Markt uns weismachen will.

        

In der Fischfabrik: Michael Schmidts „Ohne Titel # 17.169“ Bromsilbergelatine Print aus der Serie „Lebensmittel“, 2006-2010.
In der Fischfabrik: Michael Schmidts „Ohne Titel # 17.169“ Bromsilbergelatine Print aus der Serie „Lebensmittel“, 2006-2010.
Foto: Martin-Gropius-Bau

Ganz leise, aber stetig dringt es aus den Bildern, die Schmidt für die Wände des Gropius-Bau erst in distanzierten Einzelmotiven, in den beiden letzten Sälen in großen Tableaus montiert hat, ins Bewusstsein: Es läuft was schief im Lebensmittelhaus von Europa. Man bekommt vor den Bildern einen Begriff von Denaturierung, von vergewaltigter Natur, von zynischem Umgang mit Ressourcen.

Alles eingeschweißt, alles konfektioniert. Aber wir sind alle miteinander schuld, den wir mögen es so, wie können es nicht anders. Das Paradoxe und Absurde ist unser modernes Lebensprinzip. Darauf ein Schnitzel mit Pommes!

Martin-Gropius-Bau Berlin, Ausstellungshaus der Berliner Festspiele, Niederkirchnerstraße 7. Bis zum 1. April, Mi–Mo 10–19 Uhr. Die Ausstellung wird finanziert von der Kulturstiftung des Bundes.

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