Kunst

29. Mai 2010

Nordkoreanische Kunst: Immer bei uns

 Von Julia Kospach
Sozialistischer Realismus von vorgestern: Blauer Himmel, von Ri Sok Nam, aus dem Jahr 2005 Foto: Korean Art Gallery, Pyongyang

"Blumen für Kim Il Sung": Das Wiener Museum für Angewandte Kunst zeigt nordkoreanische Kunst. Doch wäre es nicht Österreich, wenn es nicht schon im Vorfeld der Ausstellung Radau gegeben hätte. Von Julia Kospach

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Kein Diktator ohne Blüte: Wenn der Vater eine hat, will der Sohn natürlich auch eine. Die Ergebnisse heißen "Kimilsungia" und "Kimjongilia". Die eine ist eine väterlich pinkfarbene Orchidee, von der es heißt, sie reflektiere den Charakter des Ehren-Bezüchteten, weil sie - wie dessen Geist - auf allen fünf Kontinenten erblühe. Die des Sohnes hingegen ist eine fleischige, kirschrote Begonie mit riesigen Blüten, weitaus martialischer in ihrer Absicht, die revolutionäre Sache bis ins Botanische hinein zu verkörpern. Gemeinsam ergeben die beiden eine eindrucksvolle Farb-Kakophonie in Pink und Rot. Die Bilder, die die Spezialblumen zeigen, tragen Titel wie "Mit dem Gefühl der Verehrung" (Vasenstillleben vor Klavier von Choe Kum Ran, 2010) oder "Die ewige, unsterbliche Blume" (Kimjongilias inmitten von Kimilsungias von Jon Won Du, 2009).

Zur genaueren Betrachtung näher an diese Bilder heranzutreten, ist schwierig, denn die Nischen in den Ausstellungsräumen des Wiener "Museums für Angewandte Kunst (MAK)", in denen viele von ihnen hängen, sind einzeln mit Kordeln abgesperrt, davor ein Wächter, der keine Annäherung, Rucksacktragerei oder noch so blitzfreie Fotografie duldet. Auf die Frage, wieso es denn gar so auffallend viele Bild-Bodyguards hier gebe, meint ein Security-Mann bedächtig: "Ja, die haben halt Angst, dass was beschädigt wird, die Nordkoreaner!".

Wieso das denn, fragt man sich. Ist es denn nicht so, wie Österreichs Unterrichts- und Kunstministerin Claudia Schmied geschmackssicher in ihrem Vorwort zum Katalog von "Blumen für Kim Il Sung - Kunst und Architektur aus der Demokratischen Volksrepublik Korea" versichert, dass die nordkoreanischen Künstler in den gezeigten rund 100 Werken aus den letzten Jahrzehnten nichts anderes tun, als "ein Leben abbilden, das das ihre ist"?

Freilich. So ist es: Propere Bauern; dralle, lachende Straßenkehrerinnen frühmorgens auf blank geputzten Prachtstraßen; glückliche, pausbackige Schulkinder beim Straßenüberqueren; stolz in den Horizont blickende Industriearbeiter; kunstbeflissene Soldaten an der Violine. So ist es in Nordkorea, Tag für Tag. Die Darstellung all dessen sei auch nicht viel anders als das, was bei uns die Werbung tut. So vergleicht - nicht minder stilsicher als die Ministerin - MAK-Direktor Peter Noever bei der Eröffnung hiesige mit nordkoreanischer Ideologievermittlung. "Si tacuisses", hätte man ihm gerne zugerufen und: "Diese Bilder brauchen keinen Beipacktext. Sie sprechen äußerst beredt für sich selbst."

Aber es wäre nicht Österreich, hätte es nicht auch schon im Vorfeld der Ausstellung ein bisschen Radau gegeben. Aufgrund eines Vorberichts der Wiener U-Bahn-Gratis-Zeitung "Heute" wollte die FPÖ schon im April vom (inzwischen wiedergewählten) Bundespräsidentschaftskandidaten Heinz Fischer wissen, ob er die "widerwärtige Angelegenheit" - quasi als alter Roter - persönlich eingefädelt habe?

Die völlig hintergedankenfreie Frage (im Oktober finden in Wien Landtagswahlen statt) blieb selbstverständlich nicht ohne Konsequenz, denn daraufhin verweigerte ÖVP-Finanzminister und Vizekanzler Josef Pröll dem MAK die ansonsten allgemein übliche Staatshaftung für die Versicherungskosten der Bilder.

Eine solche Weigerung hat es vorher noch nie gegeben, genauso wenig wie eine derart umfangreiche Schau nordkoreanische Kunst im Ausland. Entstanden ist sie in Kooperation des MAK mit der Korean Art Gallery und der Paektusan Academy of Architecture in Pyöngyang. Sie auf den Weg zu bringen, sei schwierig und langwierig gewesen, die Skepsis groß, so Noever.

Zu Recht kann man die Legitimation einer solchen Schau in Hinblick auf die Opfer des nordkoreanischen Regimes ganz prinzipiell in Frage stellen. Dennoch stellt sie eine Gelegenheit dar, etwas anzuschauen, das zu sehen man sonst kaum die Möglichkeit hätte. Und tatsächlich hat man so etwas noch nie (bzw. schon länger nicht mehr) gesehen, einen solchen Ausbund an verschwurbelter, verkitschter Staatskunst, eine solche Orgie der Selbstbeschwörung.

Dass unter dem Einfluss der "Chuche"-Ideologie Kim Il Sungs, sprich der nationalistisch gefärbten nordkoreanischen Variante des Marxismus-Leninismus, die für den Sozialistischen Realismus typische Ölmalerei immer mehr um die traditionelle nordkoreanische Tuschmalerei ergänzt wurde, ist ein interessanter kunsthistorischer Aspekt der Ausstellung.

Auch dass die neueste nordkoreanische Plakatproduktion eins zu eins der in den 1920er und 1930er Jahren entwickelten Stilistik sowjetischer Plakatkunst anhängt, ist hochinteressant, obwohl es nicht überrascht. Die Plakate sind eine lange Kette von "Lasst uns..."-Appellen: "Lasst uns den Straßen, Dörfern und Arbeitsräumen mehr Frische und Sauberkeit verleihen!" (2006), "Lasst uns in der gesamten Gesellschaft eine Atmosphäre des Lesens und des Studierens errichten!" (2010), "Lasst uns unsere traditionelle Art des Grüßens fördern!" (2010).

In erster Linie aber kann man sich dem Staunen über die dargestellten Szenen und ihrer Verherrlichungsästhetik kaum entziehen: Was da gelacht, gestrebt, satt gegessen, gesorgt und versorgt wird! Zu verdanken ist das alles Vater und Sohn Kim.

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