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Kunst

30. Dezember 2015

Olafur Eliasson "Baroque, Baroque": Barockes Kunst-Erlebnis

 Von 
Olafur Eliasson, Wishes versus wonders, 2015. Courtesy Olafur Eliasson; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York. © 2015 Olafur Eliasson  Foto: Anders Sune Berg

Olafur Eliasson nimmt das barocke Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen in der Wiener Innenstadt mit seinen Installationen in Beschlag. Die große Schau des Künstlers begibt sich auf eine Gratwanderung zwischen Ausstellung und Kunstevent.

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Wien –  

Wer den Treppenaufgang des Winterpalais in der Wiener Innenstadt betritt, reibt sich erst einmal die Augen. Das liegt allerdings nicht am barocken Prunk in der früheren Residenz des Prinzen Eugen von Savoyen, sondern vielmehr am grellgelben Monofrequenzlicht, mit dem Olafur Eliasson den prächtig verzierten Raum ausleuchten lässt. Die ursprünglich 1997 entstandene und für das Winterpalais adaptierte Installation „Yellow  Corridor“ ist eine von 20 Arbeiten des dänisch-isländischen Künstlers, die das Wiener Museum Belvedere in Zusammenarbeit mit der Stiftung Thyssen Bornemisza Art Contemporary (TBA21) und der Sammlung Juan & Patricia Vergez in dem kürzlich renovierten Barockpalast in der Himmelpfortgasse zeigt.

Für Eliasson eine ideale Umgebung: „Für mich ist inspirierend, dass sich das Barock durch so eine große Offenheit auszeichnet – für fließende Übergänge zwischen Realitätsmodellen und der Realität an sich“, sagt der Künstler. Die Präsentation seiner Arbeiten im Winterpalais sei aus der Überzeugung heraus entstanden, dass es möglich ist, Realität zu konstruieren und dass die Konstrukte und Modelle genauso real sind wie alles andere.

Auffälligstes Zeichen dafür, wie Eliasson mit Realität und Fiktion spielt, ist die lange Spiegelwand, die sich durch mehrere der Prunkräume zieht und die barocke Pracht ebenso wie das Bildnis der Besucher verdoppelt. Durch sanfte Schwingungen, ausgelöst von den Schritten der Besucher auf dem alten Parkettboden, entstehen von Zeit zu Zeit überraschende Zerrbilder. Ebenfalls im Spiegel erscheint die Videoarbeit „Innen Stadt Außen“, die einen Transporter zeigt, wie er mit einer übergroßen Spiegelwand auf der Ladefläche durch Berlin fährt. Das reproduzierte Spiegelbild im Spiegel – kräftiger könnte Eliasson die Grenzen zwischen Sein und Schein nicht verwischen.

Ebenfalls mit Spiegeleffekten spielt „Wishes versus wonders“: Ein halbkreisförmiger Messingring findet im Spiegel sein Gegenüber und wird so zum vollen Rund. In ihrer Nüchternheit kontrastiert die Installation die protzigen Ölgemälde mit blutrünstigen Darstellungen jener Schlachten, die Prinz Eugen im Namen des Hauses Habsburg führte. Der Feldherr thront derweil über dem Eingang zum Ausstellungsraum in einem Porträtmedaillon und scheint den künstlerischen Eingriff mit Argwohn zu betrachten. Eine fürwahr barocke Szene, die ganz dem Titel der Ausstellung gerecht wird: „Baroque, Baroque“.

Olafur Eliasson, Yellow corridor, 1997. The Juan & Patricia Vergez Collection, Buenos Aires. © 1997 Olafur Eliasson  Foto: Anders Sune Berg

Die Installationen von Olafur Eliasson würden eine nahezu perfekte Symbiose mit der barocken Opulenz im Winterpalais bilden, sagt Belvedere-Leiterin Agnes Husslein-Arco: „Eliassons Faszination für die Phänomene der Natur steht in enger Verbindung zum Prinzen Eugen, der als Bauherr dieses einzigartigen architektonischen Juwels eine große Begeisterung für Neues, die Wissenschaften und den technischen Fortschritt hegte.“ Der Künstler sorge mit seinen Interventionen dafür, dass dieser Geist Eugens erlebbar gemacht und gleichzeitig die Wahrnehmung der Atmosphäre des Ortes für die Besucher verändert werde. Das sei „ganz im Sinne des Barock“, so die Museumschefin.

Deutlich verändert nimmt man die prächtige Ausstattung des Winterpalais auch wahr, wenn man durch die Installation „Fivefold tunnel“ geht: Ein tunnelförmiges Geflecht aus schwarzem Edelstahl zieht sich durch zwei Salons und sorgt dafür, dass der Blick auf die barocke Pracht getrübt wird. In Verbindung mit dem goldenen Lüster wirft das Objekt Schattenmuster auf den Boden, die mit den geometrischen Formen des Parketts zu kokettieren scheinen. Eliassons Tunnel zitiert nicht nur die Traillage, den barocken Laubengang, sondern nimmt auch das Muster der Ammann-Linien auf, die eine fünffache Symmetrie aufweisen. Um dieses hochkomplexe Muster zu gestalten, arbeitete der Künstler eng mit dem isländischen Mathematiker und Architekten Einar Thorsteinn zusammen.

Ausstellung
Anfahrt
Katalog

Olafur Eliasson: Baroque, Baroque. Bis 6. März 2016 im Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen, Himmelpfortgasse 8, 1010 Wien. Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt 9 €. www.belvedere.at

U-Bahn: U1, U3 - Stephansplatz; U2, U4 - Karlsplatz. Straßenbahn: D, 2, 71 - Schwarzenbergplatz; Lokalbahn, 1, 62 - Kärntner Ring/Oper. Bus: 2A - Plankengasse; 59A - Kärntner Ring/Oper. Fahrplanauskunft: routenplaner.vor.at

Olafur Eliasson: Baroque, Baroque. Hg: Francesca von Habsburg, Agnes Husslein-Arco. Grafikdesign: John McCusker, Hendrike Nagel. 272 Seiten, 23 x 34 cm, Softcover deutsch und englisch in einem Band. ISBN: 978-3-902805-93-5. 36 €

Aus der Zusammenarbeit mit Thorsteinn entstand auch „Lines for horizons“: Eine schwarze Glaskugel ist mit einer geometrischen Struktur überzogen, bewusste Aussparungen des Musters an einigen Stellen führen dazu, dass sich die Geometrie in der Spiegelfläche im Inneren der Kugel unendlich reproduziert. Indem Eliasson seine Arbeit auf einem Sockel neben den Barockgloben von Vincenzo Coronelli platziert, spielt er einmal mehr mit dem besonderen Flair des Ortes, läuft aber Gefahr, mit dem Ansatz „Kühle moderne Kugel trifft auf bunte historische Globen“ allzu sehr ins Plakative abzugleiten. Ähnlich verhält es sich mit der Lichtinstallation „Die organische und kristalline Beschreibung“, die das strahlend weiß getünchte Vestibül des Winterpalais in Wellen von gelbem und blauem Licht taucht und in der barocken Eingangshalle beinahe Discoatmosphäre aufkommen lässt.

Ein Effekt, der ganz im Sinne der Kuratoren ist: „Wir erhoffen uns von der Ausstellung, dass der Besucher lernt, loszulassen, indem er seine Sicht auf die Wirklichkeit verändert und dadurch neue Gefühls- und Erfahrungswelten eröffnet“, meint Kunstsammlerin Patricia Vergez. Eines zeigt die Schau „Baroque, Baroque“ im Winterpalais indes mit Sicherheit: Wie schmal der Grat zwischen Kunst und Kitsch ist und wie fließend die Grenzen zwischen interaktiven Kunstwerken und reinen Entertainmentobjekten bisweilen verlaufen. Schon allein deshalb lohnt sich der Besuch in der barocken Wunderwelt in der Wiener Himmelpfortgasse.

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