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Olafur Eliasson in Berlin: Vernebeln und Erhellen

Ein Höhepunkt des Berliner Kunstsommers ist die Ausstellung "Innen-Stadt-Außen" von Olafur Eliasson im Martin-Gropius-Bau. Der Künstler nennt sie seine "vielleicht persönlichste" Werkschau. Von Harry Nutt

Die Hand vor Augen kann man noch sehen, aber jede weitere Orientierung ist unmöglich: Your uncertain shadow (2010) von Olafur Eliasson.
Die Hand vor Augen kann man noch sehen, aber jede weitere Orientierung ist unmöglich: "Your uncertain shadow" (2010) von Olafur Eliasson.
Foto: afp

Im urbanen Raum gehören Fahrradleichen zum gewohnten Bild. Achtlos zurückgelassen stehen sie da, bis auf den Rahmen und ein paar verbogene Felgen wurde alles Verwertbare bereits entwendet. Manchmal ist der Rahmen noch fest mit einem Bügelschloss an einen unverrückbaren Gegenstand angebunden, aber das Sicherungsutensil hat nichts mehr zu schützen. Die unbrauchbaren Fahrräder sind nicht beseitigter Stadtmüll oder auch Zeichen einer schnöde überholten Betriebsamkeit.

Die Fahrräder, die der isländisch-dänische Künstler Olafur Eliasson in Berlin abgestellt hat, reflektieren die Existenz der skelettierten Reste und holen sie auf eigenwillige Art ins Bewusstsein zurück. Pedalen, Lenker und Bleche sind schmucklos, anstelle der Bereifung finden sich glasklare Spiegel. Als seltsame Kostbarkeiten bringen sich die Räder wieder in den Verkehr ein und fordern zum Schauen und Staunen auf. Sie werfen harte Blicke zurück aufs Bordsteinniveau und verweisen bei aller scheinbaren Robustheit auf ihre Zerbrechlichkeit.

Mit diversen Außeninstallationen, die bereits ab März im Berliner Stadtbild zu sehen waren, hat Olafur Eliasson seiner großen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau vorgegriffen, die von heute an einer der Höhepunkte des Berliner Kunstsommers sein wird. "Innen Stadt Außen" heißt die Ausstellung, die Eliasson seine "vielleicht persönlichste" Werkschau nennt. Jedenfalls ist es die bislang größte des Künstlers in seiner Wahlheimat.

Der durch seine New York City Waterfalls und durch eine Sonnenlichtinstallation in der Londoner Tate Modern berühmt gewordene Künstler lebt seit 1994 in Berlin, von dem er sich durch einen Stadtraum angezogen fühlte, der seit dem Mauerfall auf aufregende Weise in Bewegung geraten ist. "Innen Stadt Außen" ist so gesehen auch eine Retrospektive der Berliner Wahrnehmung des weltweit agierenden Künstlers, der souverän zwischen Kunst und Naturschönem wandelt und naturwissenschaftliche Vorgehensweisen mit romantischen Kunstidealen verknüpft. Von der Kritik gefeiert, aber immer wieder auch unter Kitschverdacht gestellt, lassen die Arbeiten Eliassons kaum jemanden kalt. Der Mann weiß, wie man special effects für den Kunstraum organisiert.

Olafur Eliasson im Berliner Martin-Gropius-Bau

Bildergalerie ( 7 Bilder )

Den Zugang zur Berliner Ausstellung kann man frei wählen. Die beiden Eingänge liegen einander gegenüber wie die verschiedenen Pole des Werkverständnisses des Künstlers. Durch zwei mit Holz umfasste Plastiktüren gelangt man in ein dreikammeriges Nebelfeld, das von grellem Kunstlicht durchtränkt ist. Zwar kann man die eigene Hand noch vor Augen sehen, aber jede weitere Orientierung ist vollständig ausgesetzt. Wie der Forscher im Polareis wird der Ausstellungsbesucher mit einer Art Schneeblindheit konfrontiert, die als Beklemmung, aber auch als ästhetische Erfahrung erlebt werden kann.

Einen beinahe didaktischen Zugang bietet dagegen die östliche Passage. Man wandelt auf robustem Berliner Straßenpflaster und in den drei folgenden Räumen wird die eigene Gehbewegung durch die Ausstellung in verschiedenen Brechungen und Projektionen überdimensional groß an die Wand geworfen. Licht- und Spiegelungskunst als experimentelles Labor für den postmodernen Identitätsbaukasten. Olafur Eliasson operiert immer mehrdimensional. Er will verzaubern und verblüffen, aber auch entziffern und verstehbar machen. Vollzieht sich die Verzauberung durch das Pathos der Materialopulenz, so sind die Momente der Nachvollziehbarkeit - ich habe verstanden - ein bedeutender Bestandteil des ästhetischen Prozesses.

Den imposanten Höhepunkt der Ausstellung bildet die "Mikroskop" genannte Spiegel-Installation im Atrium des Gropius-Baus, die ihr Licht aus dem wechselnden Tageslicht-Einfall bezieht. Der Betrachter wird spürbar in die Höhe gezwungen. Die Gerüstkonstruktion macht aber zugleich die Fragilität des Objektes spürbar, in dem man sich unentwegt spiegelt. Eliasson will nicht nur beeindrucken, er führt auch hinter und unter das Gerüst, wo sich das Museumsgebäude als von Handwerkskunst abhängiger Werkraum darstellt.

Wie Eliasson arbeitet, zeigt der Model Room, ein Werk aus dem Jahr 2003, in dem er Prototypen aus Holz, Papier- und Drahtgestellen präsentiert. Der Künstler ist eben auch nur ein Handwerker im Bastelraum seiner Inspiration. Die Tischplatte ist von Modellen überwuchert, das Durcheinander der Einfälle erweist sich bei näherem Hinsehen jedoch als sorgsam entworfenes, technisch bis ins letzte Detail konstruiertes Gesamtkunstwerk.

Auf unprätentiöse Weise holt Eliasson das Außen ins Zentrum der Ausstellung und lenkt so den Blick aufs Profane. Die Rückschau auf das, was draußen bleibt, bringt ein explizites Misstrauen gegen die museale Sphäre zum Ausdruck. Seit Duchamps Urinal weiß man um die museale Verklärung des Gewöhnlichen. Das Museum, so Olafur Eliasson, ist ein nebulöser Raum, aus dem schon so manche Aschewolke aufgestiegen ist. Es bedarf also immer wieder der Bewegung zurück in die Gegenden, wo Fahrräder an der Ecke verrotten.

Berlin, Martin-Gropius-Bau, bis 9.8. 2010. www.gropiusbau.de

Autor:  Harry Nutt
Datum:  27 | 4 | 2010
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