Kunst

17. Januar 2013

Otto Dix: Die Lust und das Elend

 Von Judith von Sternburg
Eine Besucherin der Ausstellung «Das Auge der Welt - Otto Dix und die neue Sachlichkeit» in Stuttgart. Foto: dpa

Das Kunstmuseum Stuttgart setzt sich auf die Fährte des unhandlichen Künstlers Otto Dix. Die Auswahl macht deutlich, dass sein Werk geprägt ist von einer zwar unhöflichen, aber doch immer wieder verblüffend unvoreingenommenen Neugier - und hohem kunstgeschichtlichen Bewusstsein.

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Otto Dix (1891-1969) für die politische Linke reklamieren: Das wollten seit den zwanziger Jahren nicht nur die Linken, sondern auch die Rechten. Diese Vereinnahmung macht das Werk eines insgesamt widerspenstigen Malers allerdings handlicher, als es ihm entspricht. Darauf läuft eine üppige, aber nicht übersättigende Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart hinaus.

Das mag nun keine übermäßig originelle These sein, aber zählebig ist sie, die Einordnung Dix’ als explizit politischem Künstler, was gerade dem konservativen Betrachter zupass gekommen sein muss. Otto Dix’ böser Blick auf Krieg und Nachkriegselend ist leichter zu ertragen, wenn man die Arbeiten parteipolitisch rubriziert. In seinem später verloren gegangenen Großgemälde „Schützengraben“ aber las die zeitgenössische Kritik sowohl Antikriegspropaganda als auch Kriegsverherrlichung heraus. Und dass das Elend von der Lust bei Dix schwer zu trennen ist, dass ihn diese Trennung auch gar nicht weiter tangiert, zeigen wiederum mit Wucht die prächtigen, furchtbaren Prostituierten-Darstellungen. Gegen politische Werber (hier: der KPD) wehrte er sich im Übrigen nach Art des schrecklichen Kindes: „Lassen Sie mich mit Ihrer dämlichen Politik in Ruhe – für die fünf Mark Mitgliedsbeitrag gehe ich lieber in den Puff.“

Die Dinge hinter den Dingen wolle er finden, so Dix, und verfolgte das im Zweifelsfall selbstverständlich und offenkundig auf Kosten einer so genannten realistischen Darstellung. Der Maler sei „das Auge der Welt“, erklärte er, und so auch die Ausstellung zu „Otto Dix und die Neue Sachlichkeit“. Das Kunstmuseum verfügt durch eine entsprechende Sammeltätigkeit, die schon in den fünfziger Jahren einsetzte, über eine der größten Dix-Sammlungen überhaupt. Und führt jetzt vor, ergänzt durch zahlreiche Leihgaben, wie sich das Werk Dix’ entwickelt hat, vor allem auch im Verhältnis zu anderen Künstlern der Neuen Sachlichkeit – deren „Erfindung“ Dix flott für sich in Anspruch nahm.

Otto Dix ist einfach besser

Dabei dokumentiert der Kontrast zu vielen der anderen ausgestellten Arbeiten Dix’ Originalität, seinen Eigensinn beim Herangehen an jedes neue Motiv. Tatsächlich möchte man meinen, dass einige Bilder hier nur hängen, um die Überlegenheit der Dix’schen hervorzuheben. Merkwürdig dabei vielleicht der starke Überhang an Straßenansichten und Stadtveduten – etwa von Franz Lenk, Franz Radziwill oder Wilhelm Schnarrenberger –, die gegen Dix’ hemmungslos intime Blicke in die Innereien der Großstadt von vornherein zur Fadheit verurteilt sind. Freilich vertreten sie auch den sachlichen Teil der Neuen Sachlichkeit, dem drastisch Karikatureskes gegenübersteht, etwa Georg Scholz’ „Industriebauern“, eine biedermännisch gekleidete Schweineherde.

Bei Dix, das macht die Auswahl deutlich, überwiegt eine zwar unhöfliche, aber doch immer wieder verblüffend unvoreingenommene Neugier. Kombiniert ist sie mit hohem kunstgeschichtlichen Bewusstsein. Wie Grazien oder wie Wetterhexen gruppiert er seine „Drei Weiber“. Als wär’s ein Kunststück von Dürer, erscheint sein „Neugeborenes Kind“ auf blauem Grund, gehalten von knitterigen Händen, gelegt in ein altmeisterlich gefaltetes Laken.

Man schaut also der Dix-Werdung zu, die sich um 1920 vollzieht. Dass er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig gemeldet hatte, begründete er selbst Jahrzehnte später mit dem Satz: „Alles muss ich sehen“. Daraufhin zeigt er uns dann vermutlich in der Tat alles, was er gesehen hat. Der großartigste Teil der Schau sind jedoch neben den Halb- und Unterweltdarstellungen – die Stuttgarter sind im Besitz des bis heute uneinholbar anziehenden „Großstadt“-Triptychons von 1927/28 – erwartungsgemäß die Porträts: Neben den berühmten krassen Fällen wie dem „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“, die im hochgeschlossenen Roten unglaublich nackt und einsam ist, finden sich dezente, aber starke Bilder etwa der (aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammenden) Ehefrau Martha. Dass Bürgerschreck Dix in der Weimarer Zeit ein begehrter Auftragsporträtist war, gehört zu den Widersprüchen, mit denen er gut leben konnte.

„Verbannt in die Landschaft“

Aus der NS-Zeit stammen dann auch einige schlicht brave Damenansichten. Ein Rundgang gibt Gelegenheit, den Fortgang der Laufbahnen anderer Vertreter der Neuen Sachlichkeit in den Jahren nach 1933 zu verfolgen: ein heterogenes Bild, zu dem auch die sagenhafte Karriere Werner Peiners gehört, und das die These der Schau stützt, die Neue Sachlichkeit keinesfalls als einheitliches Phänomen wahrzunehmen.

Otto Dix, von seinen Landsleuten im Nationalsozialismus verfemt, zieht sich völlig in die Landschaftsmalerei zurück – „verbannt in die Landschaft“, nannte er das. Ein schönes, aber harmloses, tief in sich zurückgezogenes Alterswerk, durch die Politik vor der Zeit begonnen.

Kunstmuseum Stuttgart: bis 7. April. Katalog (Hatje Cantz) im Museum für 35 Euro. www.kunstmuseum-stuttgart.de

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