Seit Michelangelo träumten die Künstler davon: Zu den ganz Großen dieser Welt zu gehören, zu den Extraordinären. Nicht nur Ruhm und Reichtum zu erwerben, wie ein strebsamer Bürger. Sondern mehr zu sein als ein Normalsterblicher, aus der Masse herauszuragen, als Heiliger vielleicht, als Märtyrer oder Magier. Im „Jüngsten Gericht“ der Sixtinischen Kapelle, wo er sich kühn, ja schrill als Gemarterter verewigt, stimmt Michelangelo diesen lange nachhallenden Orgelton an. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat Pablo Picasso dann all diese Träume wahr gemacht, in seinem geradezu mythischen Dasein an der französischen Riviera.
Natürlich war er da längst reich und weltberühmt. Zugleich aber trat er auf wie ein veritabler Fürst aus alten Zeiten, stets umgeben von einem mehrköpfigen Gefolge aus dienstbaren Geistern und devoten Verehrern. Demonstrativ nahm er für sich heraus, als Ausnahmemensch nicht den Konventionen unterworfen zu sein, und präsentierte sich bevorzugt mit nackter Brust und Badelatschen statt in Gesellschaftskleidung; den alten Picasso kennen wir vor allem in Unterhosen. Unmissverständlich aber wird sein außergewöhnlicher, geradezu königlicher Rang in den Momenten, wo er seine Rechnungen nicht mit Geld begleicht, wie ein Normalsterblicher, sondern mit einem Wink seiner Hand, mit einer flüchtig aufs Papier geworfenen Zeichnung. Sein Schneider in Nizza etwa konnte damit eifrig die Galerien beliefern.
Picasso: Mythos und Folklore
Diese mythische Erscheinung Picassos, die längst Folklore geworden ist, die letztlich wirkmächtiger und weiter verbreitet ist als all seine Werke, überliefert uns vor allem die Porträtfotografie: Hier wird das Bild fabriziert, das wir bis heute von ihm als ebenso außerordentlichen wie exemplarischen Schöpfer haben.
Wenn jetzt also das Museum Ludwig in Köln eine große Auswahl fotografischer Aufnahmen Picassos versammelt – sie stammen aus einem Zeitraum von weit mehr als einem halben Jahrhundert, ihr Schwerpunkt liegt natürlich in den an der Riviera verbrachten Jahren seit dem Ende des Kriegs –, so wird hier mitnichten Nebensächliches geboten. Diese Fotos erlauben nicht nur einen Blick auf die Schauplätze, wo Picasso lebte, und auf die Menschen, mit denen er sich umgab: Sie fügen sich zu einer großen Erzählung zusammen, der größten und eindringlichsten wohl überhaupt, die uns von der Kunst des 20. Jahrhunderts überliefert ist.
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