Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Kunst

17. Oktober 2012

Picasso-Raub Rotterdam: Top vier bei Kapitalverbrechen

 Von Ingeborg Ruthe
Eines der entwendeten Meisterwerke ist "La Liseuse" von Henri Matisse.  Foto: AFP

Der dreiste Diebstahl von sieben Meisterwerken in Rotterdam ist sicher nicht der letzte. Denn die exorbitanten Preise, die Kunstwerke erzielen, machen sie zu einer begehrten Währung in kriminellen Milieus.

Drucken per Mail

Der dreiste Diebstahl von sieben Meisterwerken in Rotterdam ist sicher nicht der letzte. Denn die exorbitanten Preise, die Kunstwerke erzielen, machen sie zu einer begehrten Währung in kriminellen Milieus.

Sherlock Holmes, helfen Sie! Ein Kunstraub unvorstellbaren Ausmaßes ist passiert, in aller Stille, gierig und perfide. In Rotterdam und in den Niederlanden herrscht nach dem Schock Ratlosigkeit, auch wenn inzwischen 20 Kriminalbeamte in einer Sondereinheit ermitteln und sich mit 15 angeblich recht hilfreichen Hinweisen aus der Bevölkerung befassen.

Und es gibt – üblicherweise der Begleiter von Hilflosigkeit – viele Schuldzuweisungen. Denn das schlimme Ding wurde zwar mit großer Ortskenntnis und Coolness, aber ohne filmreife Sperenzchen gedreht. Kein Schuss, zum Glück. Kein Feuer, keine Geiselnahme. 2004, beim Munch-Bilderraub in Oslo, kam ein Polizist ums Leben. Die später wiederaufgetauchten Bilder waren beschädigt. Im Zürcher Kunstmuseum wurden 2008 mit Handfeuerwaffen Werke von Degas, Cézanne, van Gogh und Monet erbeutet.

In Rotterdam schlichen die Räuber auf leisen Sohlen, fast so, wie im Pariser Museum für Moderne Kunst im Mai 2010, wo ein Picasso zum Raubgut wurde. Sie drangen unbemerkt ein und entkamen. Die Rede ist von rund 100 Millionen Euro Versicherungswert für die sieben geradezu spukhaft verschwundenen kostbaren Gemälde, unter anderem von Pablo Picasso, Henri Matisse, Claude Monet, Paul Gauguin und Lucian Freud.

Es handelt sich fast durchweg um Schlüsselwerke der genannten Künstler der Klassischen und Nachkriegsmoderne. Und sie gelten allesamt als unverkäuflich. Die Bilder seien international registriert, betonte am Mittwoch Jop Ubbens, Direktor des Auktionshauses Christie’s in Amsterdam. Allerdings können solche Schätze auf dem globalen Schwarzmarkt als Tauschware gegen Waffen oder Drogen dienen. Jedes Verbrechen ist denkbar bei diesem Wert.

"Die wussten verdammt gut, was sie mitnahmen"

Dessen ideelle Seite allerdings ist nicht zu beziffern, schließlich sind es Originale, allesamt Leihgaben der Triton-Privatsammlung für moderne Kunst, die Willem Cordia (1940-2011), genannt der „Onassis von Rotterdam“, zusammentrug. Er war einer der erfolgreichsten Reeder der Niederlande. Seine Karriere begann er als Steuermann bei der Holland Amerika Lijn. Danach makelte er mit allem, was auf dem Wasser handelbar ist, wurde einer der 500 reichsten Niederländer, zusammen mit seiner Frau Marijke van der Laan. Die Triton-Moderne-Sammlung zählt zu den bedeutendsten in Europa, mit allein 150 Gemälden daraus wurde die Rotterdamer Kunsthalle erst am 7. Oktober eingeweiht.

Zweifel am Sicherheitssystem des Hauses werden nun laut. Dessen Direktorin, Emily Ansenk, muss gar in Verteidigungshaltung gehen: Ja, die Räuber haben sich offenkundig nicht mal die Mühe gemacht, die Sicherheitstechnik zu überlisten. „Die wussten verdammt gut, was sie von den Wänden nahmen“. Und: Nein, es gab keinen Personen-Wachschutz, man habe sich in Absprache mit den Versicherungen für einen rein technischen Schutz entschieden.

Das Geld für eine Nachtwache – um im Wortsinn des Rembrandt’schen Meisterwerks zu sprechen –, das Gottseidank noch an seinem gut bewachten Platz im Amsterdamer Rijksmuseum hängt, war nie eingeplant. Die Kunsthalle und deren – geliehene – Schätze waren lediglich durch Kameras und eine Alarmanlage gesichert, statt durch gut ausgebildete Wachschützer. Nun, den Alarm hat die moderne Technik ja auch ausgelöst. Wenige Minuten nach Sirenenton war die Polizei da, aber nur die dreiste Handschrift der Räuber zeigte sich an den stummen leeren Wänden mit den nun überflüssigen Bilderhaken.

Kunst ist krisensicheres Kapital

Längst rangiert Kunstraub laut Interpol auf Platz vier der Kapitalverbrechensliste, direkt hinter Drogenhandel, Geldwäsche und Waffenhandel. Kunst, vor allem die der Klassischen Moderne und der Nachkriegsmoderne, ist ein krisensicheres Kapital. Bilder und Skulpturen dieser Güte bedeuten Besitz ohne Wertverlust in wirtschaftlich unsicheren Zeiten mit schwankenden Kursen und stürzenden Finanzmärkten. Das bestätigen Rekordergebnisse von Auktionen mit Millionensummen.

Der Wert der Kunst steigt, während andere Güter an selbigem rasant verlieren. Und so wurden Museen, Kollektionen und Galerien im Zeitalter sich blähender und stürzender Finanzmärkte zu mehr oder weniger sicheren Hüteorten von Objekten der Begierde. Absolute Sicherheit gebe es nicht, sagen Experten, sicher aber gibt es die enge Verbindung zwischen dem internationalen Kunsthandel und der Polizei.

Mehr dazu

Allerdings hat sich die Taktik des Kunstdiebstahls geändert: Diebe arbeiten nicht mehr mit dem Dietrich, sondern mit Computersystemen. Und wenn es sein muss, mit Maschinenpistolen; sie töten für den erhofften Gewinn. Wer aber steckt hinter solchen Raubzügen, deren Beute am Ende nicht abzusetzen ist? Lagert ein abstraktes internationales Verbrechersyndikat die unverkäuflichen Güter ein und wartet auf günstige Absatzchancen? Sind es Täter, die die Museen mit dem Versicherungswert zu erpressen versuchen? Oder steckt hinter den Überfällen auf Kunsthallen eine Spezies, deren krankhafte Besitzgier der Antrieb ist, sich Räuber zu dingen und sich am Diebesgut an geheimen Orten zu erfreuen? Letzteres verweisen die Fahnder eher ins Reich der Fantasie.

Bleibt als Motiv der schnöde Gewinn – um den Preis von zerstörten Sammlungen, Werken, Museumskarrieren, gar Menschenleben. Sicherheitstechnik allein kann Kunst also nicht schützen. Gutes Wachpersonal in Zeiten äußerst knapper Etats, das klingt nach Wunschdenken. Aber es ist die einzige Möglichkeit, potenzielle Täter abzuschrecken. Oder sollen die schönsten Kunstwerke bald hinter Panzerglas? Hängen wir die Museen voller Kopien? Niemand kann das wollen. (mit ptr.)

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige