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Kunst

07. November 2012

Raffael im Städel: Schuften an der Schönheit

 Von Peter Michalzik
Ein Besucher vor den Raffael-Zeichnungen "Sitzende Madonna mit Kind - Schaukelnder Putto mit einer Oellampe" (l.) und "Thronende Madonna mit Kind und dem heiligen Nikolaus von Tolentino".Foto: dapd

Kunstabenteuer im Städel: An den Raffael-Zeichnungen lassen sich die Entstehungsgeschichten der berühmten Bildwerke ablesen.

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Es scheint uns noch heute selbstverständlich, dass Madonnen genau so aussehen müssen, wie ein junger Künstler aus der kleinen Stadt Urbino sie einmal vor 500 Jahren in Florenz und Rom gemalt hat. Schönheit, Harmonie und Transzendenz haben sich damals in spielerischer, leichter, offenbar nicht zu überbietender Weise getroffen.
Raffael, 1520 mit 37 Jahren gestorben, hat himmlische Frauen gemalt. Sie wirken einfach, so einfach, als sei vollkommen selbstverständlich, dass sie so sein müssen. Aber man weiß, sie waren das Ergebnis von konzentrierter und zielstrebigster Arbeit. In dieser harten Arbeit am Schönen scheint der Renaissancemaler heutigen Modefotografen durchaus vergleichbar. Offenbar verlangt das Schöne die Schufterei, und je einfacher, selbstverständlicher die Schönheit sein soll, desto härter die Arbeit.
Aber was heißt Arbeit in diesem Fall? Woran eigentlich kann man da arbeiten? Und wie? Die Ausstellung der Zeichnungen Raffaels, die jetzt im Frankfurter Städelmuseum zu sehen ist, macht genau das deutlich. Wer sich auf sie einlässt, wer geduldig hinsieht, kann tief in die erfolgreichste Schönheitswerkstatt der Hochrenaissance hineintauchen.

Vorausgedachte Innigkeit

Die Ausstellung beginnt mit den Madonnen. Am frappantesten vielleicht die Zeichnung „Madonna mit Kind in einer Glorie, zwei Armstudien“ von 1512, die sich im Besitz des Städel befindet. Ob es sich um eine Vorstudie zur Sixtinischen Madonna handelt, ist in der Forschung umstritten. Joachim Jacoby, einer der beiden Frankfurter Kuratoren, plädiert vehement für den Zusammenhang der beiden Bilder.
Dass in der Skizze der die Madonna umgebende himmlische Raum und die enorme Innigkeit, die Mutter und Kind verbindet, vorausgedacht sind, ist unübersehbar. Vor allem aber ist das eine erstaunliche Zeichnung, weil Mutter und Kind nicht nach einem Modell sondern aus einer schwungvollen Kreisbewegung des Kohlestifts herausentwickelt scheinen. Die Innigkeit entsteht aus einem gezeichneten Bogen, der im Gemälde in einem weit schwingenden Kopftuch fortlebt.

Auch zu sehen in der Sonderausstellung "Raffael.Zeichnungen": Eine Reproduktion des Freskos "Schule von Athen" des italienischen Malers und Architekten Raffael. Foto: dapd


Drei Vorstudien zur „Madonna im Grünen“, die in Wien hängt, sind in Frankfurt ausgestellt. Sie zeigen jeweils Maria, das Christuskind und Johannes als Knabe. Johannes zeigt Jesus das Kreuz, Zeichen seines Martyriums und der Erlösung, die Mutter sieht das mit wohlwollendem Schmerz, hält zugleich ihr unsicher stehendes Kind. In der Entwicklung der drei Skizzen zeigt sich wie Raffael Nähe und Entfernung der Figuren, Blickwinkel, Körperneigungen und Armhaltungen genau austariert. Damit schafft er nicht nur elegante Harmonie bei gleichzeitiger Bewegtheit. Er reguliert vor allem die Emotionen, die zwischen den Figuren fließen und steigert die Tiefe, mit der sich der Betrachter in den dargestellten Moment hineindenken und -fühlen kann.
Mitverfolgen lässt sich auch, vor allem an der Maria, wie Raffael an den Körpern arbeitet. Zunächst skizzenhaft angedeutet, auf dem nächsten Blatt dann schematisch-voluminös ausgeführt, formt sich aus dem Schema auf einer weiteren Zeichnung das Gewand. Auf anderen Blättern sieht man, wie Raffael nach der Idee zur minutiösen körperlichen Ausbuchstabierung jedes Muskels übergeht, um das, wenn er Bewegung und Volumina fixiert hat, wieder mit Kleidung zu bedecken. Und das ist nie Selbstzweck, sondern dient dem dramatisch-narrativen Moment, das im Inneren seiner Gemälde steckt.

Raffael arbeitet zielgerichtet

Als besonderes Schmankerl ist auf der Rückseite der letzten der drei Vorstudien die Skizze eines Gekreuzigten, einer Kreuzabnahme oder anderen Szene zu sehen, niemand weiß es. Fast scheint Raffael hier einmal ganz aus eigenem Antrieb einen leidenden Körper festgehalten zu haben. Vielleicht aber war auch das eine Vorstudie, wie alles von ihm. Raffael hat bei der Vielzahl seiner anspruchsvollen Aufgaben immer zielgerichtet gearbeitet, auch darin heutigen Schönheitsbildnern vergleichbar.
Der nächste Raum zeigt Vorstudien vor allem zu den Stanzen mit den berühmten Fresken im Vatikan. Ein Frankfurter Blatt zeigt eine Studie für die „Disputa“. Auf der Skizze, es ist die dritte von vier hier gezeigten, sind mehrere Gruppen diskutierender, nackter, sehr präsenter Männer zu sehen. Die Körperhaltungen, das Spiel der einzelnen Muskeln und Arme, ergeben aber auch eine deutliche Gesamtharmonie und gleichzeitig eine fließende Bewegung der Gruppen auf den zentralen Altar zu. Raffael arbeitet so daran, den Disput um den abstrakten Gedanken der Eucharistie im Bild zwischen den Figuren lebendig werden zu lassen.
Das Blatt ist vielleicht das bedeutendste aus der Städel-Sammlung. Das Museum besitzt die größte Sammlung an Raffael-Zeichnungen in Deutschland, insgesamt sind es elf. Dem dürfte auch die großzügige Bereitschaft der vor allem englischen Leihgeber zu verdanken sein. 48 genau ausgewählte Zeichnungen (von etwa 450 existenten) sind so in Frankfurt zusammengekommen. Entstanden ist damit eine hochkonzentrierte Ausstellung, bei der sich ein Ministudium mit Führungsbesuch, Filmansicht und der Kataloglektüre wirklich lohnt. Es ist ein kleines, intensives Kunstabenteuer, das man im Städel erleben kann.

Federleichte Diogenes-Studien

Das Papst-Porträt sorgt derzeit für aufgeheizte Stimmung unter Museumsleuten und Kunsthistorikern. Das Frankfurter Städel-Museum hält es für ein Werk von Raffael und Werkstatt, namhafte Experten sind angeblich anderer Meinung.
Das Papst-Porträt sorgt derzeit für aufgeheizte Stimmung unter Museumsleuten und Kunsthistorikern. Das Frankfurter Städel-Museum hält es für ein Werk von "Raffael und Werkstatt", namhafte Experten sind angeblich anderer Meinung.
Foto: dpa

Bemerkenswert etwa sind federleichte Diogenes-Studien. Sie sind für die berühmte „Schule der Philosophen“ im Vatikan. Aufregend Raffaels Ringen um ineinander verflochtene Körper, Bildachsen und eine ausgewogene Gesamtkomposition in der Skizze „Nackte Krieger im Kampf um eine Standarte“. Vielleicht sieht man hier die Mühe am deutlichsten, die es den jungen Künstler gekostet haben muss, dem Schatten von da Vinci und Michelangelo zu entwachsen, die in Florenz arbeiteten, als er dort ankam. Die Skizze hängt im dritten Raum zu Historienbildern. Hier kann man, ebenfalls höchst reizvoll, die Entwicklung Raffaels an wenigen Zeichnungen nachvollziehen.
Als besondere Zugabe gibt es einen Raum zur Chigi-Kapelle in Rom, die Raffael ausgestalten sollte, aber nicht fertiggestellt hat. In Frankfurt bekommt man dank Fotografien der Fresken in Originalgröße und Skizzen des zentralen Altarbildes trotzdem einen Eindruck davon, was Raffael vorschwebte.

Städelmuseum Frankfurt: Bis 3. Februar 2013. Katalog (Hirmer), 34,90 Euro.

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