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Kunst

05. November 2012

Rauchen: Lieber mal eine anstecken

 Von Norbert Mappes-Niediek
Qualm, der zu den Göttern emporhebt. Foto: dapd/Timm Schamberger

Eine ganze Generation von Jugoslawien-Urlaubern erinnert sich an rauchende Frauen mit dunklen Stimmen. In der Welt der westdeutschen Dauerwellen-Muttis der 1960er galten Frauen, die öffentlich rauchten, noch als Huren. Eine Zagreber Ausstellung zeigt die Kultur des Rauchens.

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Was machst du“, fragt der Passant den Eckensteher. Der schaut verblüfft auf. „Na was? Ich rauche.“ Den kleinen Dialog hat der deutsche Reiseschriftsteller Hermann Wendel aus dem Belgrad der 1920er-Jahre überliefert. Wie viel und wie feierlich hier geraucht wird, fiel einst jedem Jugoslawien-Besucher auf. Im heutigen Kroatien ist der magische Qualm, der uns dem Schriftsteller Josip Sever zufolge „zu den Göttern emporhebt“, schon fast weggeblasen. Bevor die Schwaden ganz vom Balkan abziehen, hat nun die Glyptothek der Kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Zagreb der Kultur des Rauchens eine wunderbare Ausstellung gewidmet.

Der Balkan ist die Wahlheimat des Tabaks. Angebaut wird er in den bulgarischen Rhodopen und in der Herzegowina, aber konsumiert wird er überall, und das kräftig. Nirgendwo in Europa rauchen so viele Menschen mehr als 35 Zigaretten pro Tag wie in Kroatien. „Rauchen wie ein Türke“ nennt man das unentwegte Paffen hier, obwohl die Kroaten ihre Lehrmeister vom Bosporus im Tabakkonsum schon lange hinter sich gelassen haben.

Mit der Zigarette ragt, wie mit dem Balkan, ein Stück Orient nach Europa hinein. „Nil“, „Orienta“ oder „Senoussi“ hießen die Zigaretten noch im Deutschland der 1960er; auf der Packung trugen Männer Pumphosen. Fast alle Wörter, die mit dem Rauchen zu tun haben, sind in den Balkansprachen türkischer Herkunft: der „duhan“, der Tabak, von dem die Albaner sagen, dass man ihn „trinkt“, wenn man raucht; die „lula“, die Pfeife. Nur die cigara und die cigareta kommen aus dem Spanischen, das sie wiederum aus der Sprache der Maja hat; in Dalmatien nannte man sie deshalb auch „spanjolet“. Auf dem Balkan rauchten bis ins 19. Jahrhundert die Bauern – und zwar Pfeife. „Dann auf einmal ließ sich das gehobene Bürgertum mit der Zigarette in der Hand malen“, erzählt der Kunsthistoriker Fedja Vukic, der etliche Raucherporträts aus den Zagreber Salons zusammengetragen hat.

Fast eine Subversion war das heftige Rauchen auf dem Balkan und für Westeuropäer wenigstens irritierend. Eine ganze Generation von Jugoslawien-Urlaubern erinnert sich an rauchende Frauen mit dunklen Stimmen und offenen Haaren. In der Welt der westdeutschen Dauerwellen-Muttis der 1960er galten Frauen, die öffentlich rauchten, noch als Huren. Jugoslawien hielt dagegen. Mitten im tiefsten Sozialismus, 1960, warb die Tabakfabrik von Rovinj mit den vollen, knallroten Lippen einer jugoslawischen Marilyn Monroe für ihre Zigaretten. Sicher, solche Anzeigen, die an den Sex-Appeal appellierten, gab es auch in Deutschland, doch mehr als im Westen gehörte das Rauchen in Jugoslawiens großer Zeit zum modernen Lebensgefühl. Rauchverbote kamen immer schon aus dem geschwätzigen Westen; im Osten zündete man sich schweigend eine an.

Sissi und Franz bei der Raucherpause

Gebannt haben den Tabak Papst Urban VII., ein Italiener, der englische König Jakob I. und der französische König Ludwig XIII. In Österreich-Ungarn dagegen umhüllten sich sogar die Majestäten mit Qualm. Kaiser Franz Joseph, selbst passionierter Raucher, förderte die Gründung von Zigarettenfabriken auf dem Gebiet des heutigen Kroatien. Kaisergattin Sissi rauchte ebenfalls. Der späte Franz Joseph mit seiner Zigarette wurde zur Ikone. Schweren Herzens stieg er im Alter von seinen Virginia auf die leichteren Regalia Media um.

Nun dringt von Westen her das Gesundheitsbewusstsein vor. Wie opponiert man gegen die eloquente, erdrückende Vernunft, wenn nicht mit Schweigen und Unvernunft? Noch 1996, als der Weg nach Westen unumkehrbar zu werden drohte, warb die Tabakfabrik in Rovinj gegen die ersten Werberestriktionen mit einem genialen Plakat. „Ein gutes Produkt ist ein gutes Produkt“, heißt es dort über dem Kopf eines Mannes, dem man mit Pflaster den Mund verklebt hat, „und wenn wir noch so sehr darüber schweigen.“

Die umfangreiche Ausstellung versammelt Exponate aus der Alltagskultur des Rauchens: von der Tabakdose über das Werbeplakat bis zum Design der Zigarettenpackung, aber auch Meisterwerke der kroatischen Malerei. Zu sehen ist sie in der Glyptothek, dem Gipsfigurenkabinett, an der Medvedgradska 2, gleich im Herzen der Altstadt von Zagreb.

Geöffnet bis zum 11. November, dienstags bis freitags von 11 bis 19 Uhr; am Wochenende von 10 bis 14 Uhr.

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