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Retrospektive Cy Twombly: Das Eigenleben der Dinge

Sich selbst erklären? Er hatte nie das Bedürfnis. Eine Retrospektive in Wien zeigt Cy Twombly als Maler, Objektkünstler und Fotografen. Von Julia Kospach

Öl, Wachskreide, Bleistift auf Zeichenkarton.
Öl, Wachskreide, Bleistift auf Zeichenkarton.
Foto: Archiv Nicola del Roscio, Rom

Er war wohl da zur Eröffnung, aber dann gleich wieder weg, und an die große Glocke hängte das Wiener Museum Moderner Kunst (MuMoK) seine Anwesenheit nicht, weil er ohnehin nur alle heiligen Zeiten ein Interview gibt und nervös wird, wenn eine Kamera in seiner Nähe auftaucht. Sich selbst erklären? Cy Twombly hatte nie das Bedürfnis. Als unabhängiger Großplanet und Solitär bewegt er sich seit Jahrzehnten in zurückhaltender Wortkargheit auf seinen eigenen Bahnen.

Jetzt, mit 81, hat der Amerikaner, der seit den späten 1950er Jahren vor allem in und um Rom lebt, fast einen Idealstatus erreicht: von anderen Künstlern tief verehrt, von den besten Galerien und Museen präsentiert, in seiner Wirkung ähnlich einflussreich wie Gerhard Richter und beinah ebenso hoch gehandelt. Der Preis mancher Twombly-Gemälde liegt im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Und das, obwohl die Erwähnung seines Namens außerhalb des Kunstbereichs noch leicht auf Verwirrung stößt.

Weltberühmt und unbekannt - das sind die Insignien seines Eigensinns. Er hat sich ohne Gruppendruck selbst erfunden und entworfen. Dabei hat er sich in Bewegung gehalten, stand am Rande, aber durchaus nicht abseits der großen Kunstströmungen der letzten Jahrzehnte. Sie gingen durch ihn hindurch. Er hat sich genommen, was ihm gefiel, es oft ironisch kommentiert, und dabei stets sein eigenes verschlungenes Bilder-Reich weiter aufgeschichtet und verfeinert.

Einen Kritiker erinnerten seine Bilder einmal "entfernt an verwüstete Bettlaken", Roland Barthes, der mit einem Essay einiges zu Twomblys Ruhm beigetragen hat, nannte die Schriftzüge darauf "linkisch" und die Kritzeleien "das Geschmier" - und beides war und ist als Kompliment gemeint. Es ist ein Hinweis, dass es ihm nicht um Entzifferbarkeit und Botschaften geht, sondern um die Geste des Schreibens und um die eigene Auseinandersetzung mit der Literatur. Deshalb steht Barthes' Kommentar schon gar nicht im Widerspruch zu Twomblys gediegener Eleganz, zum unangeberischen Referenzreichtum seiner Bilder und zu deren Tiefe, in der man leicht versinkt, egal, ob man ganz nah hingeht oder weit zurücktritt.

Zum Beispiel sein berühmtes "Empire of Flora" aus dem Jahr 1961, eines der Lieblingsbilder Twomblys, das im weitläufigen Erdgeschosssaal des MuMoK gemeinsam mit drei anderen großformatigen Gemälden aus den 1960er Jahren zu sehen ist: Eine große weiße Fläche, die in allen Buchabbildungen ebenmäßig wie ein Blatt Papier wirkt und tatsächlich aber eine vielfältige Komposition in Weißschattierungen ist, auf die man stundenlang schauen könnte: Tropfen und Schlieren, Übermalungen und Hell-Dunkel-Nuancen, dicke pastose Schichten und breite flache Pinselstriche. Kurz: Leinwandraumbeherrschung in Weiß, kunstvoll ausgestaltet, viel mehr als einfach monochromer Hintergrund.

Diese Beschäftigung mit Weiß spielt bei Twombly eine so große Rolle wie die Pause in der Musik seines Freundes John Cage. Auf dem großen Weiß des "Empire of Flora" verteilen sich scheinbar willkürlich übermalte und -zeichnete Krakel und Kringel, Schlieren und Striche, Kleckse und Schraffuren in Bleistift, Öl, Wachskreide und Buntstift. Das gemahnt an Graffiti und Kinderfingermalerei, scheint auf den ersten Blick nichts Besonderes, vor allem scheint es keine Kunst, das zu machen. Doch je länger man schaut, desto deutlicher spürt man die Sicherheit, mit der die Elemente dieses luftigen Durcheinanders platziert sind. Die Rede vom Mut zur Lücke - Twombly taucht sie in neues Licht: Bei ihm fällt Zwischenräumen große Bedeutung zu. Sein "Empire of Flora" zeigt das Substrat des Königreichs der Flora in großer Vielfalt. Wunderschön sind Twomblys Krakelbilder mit den schiefen, gar nicht zum Entziffern gedachten Schriftzügen mit reichen Bezügen zur griechischen und römischen Mythologie und Geschichte.

In dieser großen Personale mit mehr als 200 Werken aus allen Schaffensphasen zeigt das Wiener MuMoK Cy Twombly erstmals in Österreich. Das müsste angesichts des reichen Twombly-Angebots der letzten Zeit nicht aufwühlender sein, als es Twombly-Ausstellungen per se sind. Das Ende Mai eröffnete Museum Brandhorst in München besitzt eine ganze Twombly-Etage und zu Twomblys 80. Geburtstag zeigte die Tate Modern in London eine umfassende Retrospektive, die im Anschluss nach Bilbao und Rom ging. Die Wiener Schau "Sensations of the Moment" ist aber auch noch für die sattesten Twombly-Kenner aufregend: Zum ersten Mal tauchen hier neben Twomblys Gemälden gleichberechtigt seine Skulpturen und Fotografien auf. Und gerade letztere sind, obwohl Twombly seit über fünf Jahrzehnten fotografiert, noch nie in einem Museum gezeigt worden und erschienen überhaupt erst in den 1990er Jahren in der einen oder anderen Galerie oder Buchveröffentlichung.

Die Wiener Präsentation verschränkt verschiedene Medien klug ineinander. Dadurch weitet sich das Twombly-Universum und vernetzt sich zu neuer Vielfalt: Oft sind Ausschnitte seiner Malereien und seiner zumeist ebenfalls weiß bemalten, langgliedrigen, filigranen Holz- oder Bronzeskulpturen Themen seiner Fotografien.

Dazu gibt es Atelierfotos, die Einblick in das Umfeld seines Arbeitens. Unschärfe und Überbelichtung in vielen Fotografien verbreiten eine andächtige Ruhe - als würden Augenblicke und Objekte durch Twomblys Kamerablick in einen Zauberschlaf versetzt, der ihr ureigensten Wesen erst recht zum Vorschein bringt, ohne sie darin fixieren zu wollen. Gestapelte Käselaiber, Kohlköpfe, kleine Törtchen oder Blumensträuße wirken in ihren leicht verschwommenen Konturen und ihrer altmodischen Farbigkeit fast meditativ. Wie die Blicke in Twomblys Palazzo-Ateliers.

Hier geht es nicht um Voyeurismus und Dokumentation, sondern um das bewegliche Eigenleben der Dinge. Aus dieser Offenheit stammt wohl die Luftigkeit, die die Wiener Twombly-Ausstellung verbreitet; das Hochgefühl, mit dem man dieses Reich der Wortfetzen und gekritzelten Zahlenreihen, Farbflecken und Collagen, der mit leichter Hand hingewischten Symbole und Verweise, der gestrichelten Sätze und großen, massiven Farbschleifen, der verschwommen Fotostilleben und provisorisch gezimmert wirkenden Skulpturen verlässt.

Cy Twombly: Sensations of the Moment. Bis 11. Oktober, Wien, Museum Moderner Kunst, www.mumok.at

Autor:  JULIA KOSPACH
Datum:  5 | 6 | 2009
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