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Kunst

11. November 2012

Sabina Grzimek: Gesten des aufrechten Gangs

 Von Ingeborg Ruthe
Skulpturengruppe Sieben Gesten des aufrechten Ganges von Sabina Grzimek. Foto: courtesy Galerie Poll Berlin

Sabina Grzimek wird am Montag 70 Jahre alt. In Berlin-Mitte wird die erste Figur ihrer Skulpturengruppe aufgestellt.

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Die Gestalt ist eine Parabel. Sie steigt förmlich aus dem Wasser, auch wenn ringsum kein See, kein Fluss, nicht mal eine Pfütze auszumachen ist, nur kahle Bäume, feuchtes Herbstlaub – und Großstadtlärm. Die farbige Bronze ist 2,20 Meter hoch, gereckt der Kopf, noch schräg und unsicher die Schultern, ungelenk die tentakelartig überlangen Arme, die Beine suchen skeptisch einen festen Tritt.

Auf obiger Fotografie steht die Figur noch an vierter Stelle in einer Reihe mit ebenso ausgedünnten Gefährten. Als erstes Modell für das Mögliche sozusagen. Die Berliner Bildhauerin Sabina Grzimek (nicht verwandt mit dem berühmten Zoologen!) hat die Skulpturen alle vorbereitet für den Bronzeguss. In der Kunstgießerei Krepp ist gerade der „Aus dem Wasser Steigende“ fertig geworden, bereit zur Aufstellung – heute unter den Kastanien des Garnisonkirchplatzes in Mitte. Der Moment ist gleichsam das Geschenk zum siebzigsten Geburtstag der 1942 in Rom zur Welt gekommenen Tochter des Bildhauers Waldemar Grzimek und Christa Grzimeks, einer Berliner Malerin, die nach der Scheidung von Grzimek den berühmten Fritz Cremer heiratete. So hatte die kleine Sabina gleich zwei Bildhauerväter.

Kunstfreunde finanzierten den Guss: die Galerie und Kunststiftung Poll, private Sponsoren. Grzimeks Plastik ist die Nummer eins einer Gruppe, die „Sieben Gesten des aufrechten Gangs“ darstellt und – so der Plan – eines Tages mit Hilfe weiterer Mäzene, komplett den Platz markieren könnte – neben der im Januar aufgestellten Tänzerinnen-Statue „Gret Palucca“ von Emerita Pansowova.

Die Parabel von „Aufrechten Gang“ und dessen sieben Gesten hat Sabina Grzimek schon lange beschäftigt. Seit ihrem Studium an der Kunsthochschule Weißensee ist ihre Kunst von der Antike wie der Klassischen Moderne – mit Lehmbruck, Marino Marini, Giacometti – geprägt; es entstanden charismatische Bildwerke. Ihr Ziehvater und Akademie-Meister Fritz Cremer hatte nach dem Krieg das Mahnmal für das KZ Buchenwald geformt. Ihm dienten Rodins „Bürger von Calais“, jene zivilcouragierten Männer und Frauen, die sich 1346 den englischen Besatzern als Gefangene anboten, damit ihre Stadt verschont bleibe, als Vorbild für aufrechtes Handeln trotz tiefster Verzweiflung.

Auch der jüdische Schriftsteller Jean Amery wählte in seinem Buch „Leben nach der Folter“ die Parabel vom „aufrechten Gang“, um sich mit dem eigentlich wissenschaftlichen Begriff für den großen Sprung in der Evolution gegen das unsägliche Martyrium und die schrecklichen Erinnerungen ans Konzentrationslager zu stemmen.

Und schließlich nahm auch die Schriftstellerin Christa Wolf das Gleichnis auf und gab es am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz den DDR-Bürgern mit in die neue Zeit nach dem Fall der Mauer. „Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen“, so die Dichterin. Die Inspiration war also vielfältig für Sabina Grzimek. Vor allem aber widmet sie ihre Skulpturengruppe – eine Aufzählende, einen Schauenden, einen Fragenden, den aus dem Wasser Steigenden, einen Rufer, einen Denker, einen Mahner – all jenen Leuten, die, wie sie sagt, in den letzten 23 Jahren des Umbruchs, der Neoorientierung, der extremen Veränderungen, auch Verwerfungen, Haltung und Würde bewiesen haben.

„Es geht mir nicht um Schönheit, ich gehe von der Wahrheit aus, vom Begreifen!“, erklärt sie. Und so verbindet sich abermals im Werk der Bildhauerin das Stilisierte, Abstrahierte, Reduzierte, Überlängte und Existenzielle mit einem tiefen Gefühl für menschliche Grund- und Grenzsituationen.

Aufstellung der Figur aus der Gruppe „7 Gesten des aufrechten Gangs“: Mo (12.11.), 14.30 Uhr, Garnisonkirchplatz.

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