Eine popkulturelle Prägung erhielt seine Hoheit, Karim Aga Khan IV., bereits in den späten sechziger Jahren. Der britische Songschreiber Peter Sarstedt verewigte ihn 1969 in seinem Hit "Where do you go to (my Lovely)", der von der geistigen Unbehaustheit im Jetset-Milieu seiner Zeit handelt. Vom Aga Khan wird in dem Lied erzählt, dass es gut ist, ihn zu kennen und dass er zu Weihnachten bevorzugt schicke Vollblüter verschenkt.
Etwa zur gleichen Zeit hat der als Lebemann und Pferdezüchter bis heute auf dem Boulevard unter Beobachtung stehende Aga Khan damit begonnen, kostbare Schätze der islamischen Kunst zu sammeln, von denen nun eine stattliche Auswahl von mehr als 200 Exponaten im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sind. In über dreißig Jahren hat Karim Aga Khan IV., das geistige Oberhaupt der Ismailiten, der in direkter Nachfolge des Propheten Mohammed steht, eine einzigartige Sammlung aufgebaut, für die 2013 in Toronto das neu erbaute Aga Khan Museum eröffnet werden soll. Bis dahin geht die Sammlung über mehrere Stationen auf Welttournee, wobei die Berliner Schau den letzten europäischen Aufenthalt markiert.
Eines der kostbarsten Exponate dürfte die Handschrift des 5. Buches des Kanon der Medizin des Avicenna (Ibn Sina) sein, die das bedeutendste enzyklopädische Werk zum medizinischen Wissen im Mittelalter in der islamischen Welt darstellt. Mittels lateinischer Übersetzungen gelangte es nach Europa und wurde zum meistgenutzten Nachschlagewerk in den medizinischen Schulen des Mittelalters. Die Handschrift ist so gesehen auch ein besonderes Beispiel für den Wissenstransfer zwischen Orient und Okzident, anhand dem sich Wissensgeschichte als Weltzivilisationsgeschichte erzählen lässt. Die Handschrift fasziniert durch ihre ornamentale Schönheit und verweist ferner darauf, dass es mit dem islamischen Bilderverbot so weit nicht her war. Die Bildersprache der Schrift ist jedenfalls ein opulenter Gegenbeweis.
Die Ausstellung präsentiert zahlreiche illuminierte Handschriften und Koranausgaben, aber auch Gemälde, Zeichnungen, Metallarbeiten, Keramiken und Holzschnitzereien. Immer wieder sind es Koranverse, die in vielfältigen Techniken auf Objekte gemalt oder geprägt sind. Eines der auffälligsten Beispiele in der Ausstellung ist ein Kastanienblatt mit einer kalligraphischen Komposition aus dem Osmanischen Reich des 18. Jahrhunderts, in der die ästhetische Verspieltheit zum Ausdruck kommt.
Die Sammlung des Aga Khan umfasst Kunstwerke aus rund 1000 Jahren islamischer Kunst, die aus beinahe allen islamisch geprägten Weltregionen stammen. Das zeugt nicht nur von einem früh entwickelten Sammelimpuls des Aga Khan, sondern auch von dessen kulturhistorischem Weitblick. Gezeigt werden nicht nur die Dokumente eines viele Jahrhunderte alten Glaubensbekenntnisses, sondern auch die Vergleichbarkeit innerhalb und außerhalb der weit verbreiteten Religion.
Die Ausstellung ist so gesehen auch eine Einladung zum Kulturvergleich, die sich mühelos über einen allzu verengten Streit um Werte und Feindschaftsverhältnisse hinwegsetzt. Sie macht deutlich, dass das Kunstschaffen der islamischen Welt eng verknüpft ist mit der Reise als religiöses Prinzip. Die Pilgerfahrt nach Mekka bedeutete für die Gläubigen seit jeher Horizontverschiebung und Welterfahrung.
Die Ismailiten gelten als Vertreter eines liberalen Islam, deren rund 25 Millionen Gläubige meist als religiöse Minderheit in 35 Ländern leben. Dass Toronto als Standort für das Aga Khan Museum ausgewählt wurde, ist kein Zufall. Kanada verfügt über einen vergleichsweise großen ismailitischen Bevölkerungsanteil. Mit dem Museumsprojekt verbindet der Aga Khan Trust for Culture nicht zuletzt auch eine kulturpolitische Idee von religiöser und traditionsbildender Prägung. Damit befindet sich der Aga Khan, dessen Hauptwohnsitz das Gut Aiglemont bei Gouvieux in der Nähe von Paris ist, durchaus im Wettbewerb mit den Golfstaaten, die in den letzten Jahren ehrgeizige Museumsprojekte auf den Weg gebracht haben, in deren Zentrum meist auch Sammlungen islamischer Kunst stehen. Die Sammlung des Aga Khan überzeugt jedoch allein schon durch ihre konzeptionelle Ausdauer.
Eine Stamina, die seit Jahrzehnten auch den Pferdezüchter Karim Aga Khan IV. auszeichnet. Zum letzten Prix d l´Arc de Triomphe in Paris-Longchamp gewannen die Pferde des Aga Khan gleich mehrere hoch dotierte Gruppe-1-Rennen. Die Weihnachtsgeschenke gehen seiner Hoheit wohl auch in Zukunft nicht aus.
Gropius-Bau Berlin: bis 6. Juni. Katalog: Schätze des Aga Khan Museum. Meisterwerke der islamischen Kunst. 288 Seiten, 217 Abb., im Museum 26 Euro. www.gropiusbau.de