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Kunst

05. November 2014

Schirn Frankfurt "German Pop": Als deutsche Künstler kurz äußerst schrill wurden

 Von Sandra Danicke
„Stillleben mit Frosch“, 1969, von Christa Dichgans.  Foto: Contemporary Fine Arts, Berlin/Jochen Littkemann

Die Frankfurter Schirn Kunsthalle macht sich auf eine Entdeckungsreise zum „German Pop“ der sechziger Jahre. Er war ganz erstaunlich produktiv, wenn auch mittelfristig chancenlos.

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Man steht davor und kann es kaum glauben: Sehr präzise gemalt liegen Aufblasfiguren wie Batman, Seepferdchen und Delfin auf scheinbar achtlos drapierten Haufen vor weißem Hintergrund. Die Farben knallen. Mittendrin ein Aufblas-Häschen, ein pinkfarbener Hummer. Unwillkürlich denkt man an frühe Werke von Jeff Koons.

Doch die Malerin heißt Christa Dichgans, ihre Bilder stammen aus den sechziger Jahren und entstanden in Berlin. Die Künstlerin ist allenfalls Fachleuten ein Begriff. Warum, das erscheint vor diesen Bildern mehr als rätselhaft, aber immerhin.

Bettina von Arnim kennt kein Mensch, beziehungsweise: kennt man allein als Schriftstellerin der Romantik; Bettina von Arnim, die Pop-Art-Künstlerin, kennt man nicht. Wobei sich das jetzt ändern dürfte. Beide Künstlerinnen sind mit ihren Werken in der Ausstellung „German Pop“ in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt vertreten, und allein diese Entdeckungen lohnen schon einen Besuch.

Die wuchtigen Raumanzüge, die von Arnim so martialisch ins Bild gesetzt hat, sind von einer ähnlich umwerfenden Präsenz wie die Maschinen in den Bildern von Konrad Klapheck. Aber auch der wurde ja erst in jüngster Zeit wieder entdeckt.

Was man ebenfalls kaum glauben kann, so stark ist die Aura dieser hyperrealistisch gemalten Gerätschaften – Bilder, die Elemente aus Neuer Sachlichkeit, Pop Art und Surrealismus auf eigenwillige Weise verschmelzen.

In den späten fünfziger Jahren wurde er dafür als Anachronist belächelt. Damals beherrschte abstrakte Malerei den Markt. Wer verkaufen wollte, malte im Stil der Tachisten oder des Informel. Dann kam die amerikanische Pop Art im Rheinland an, wo sie einschlug wie eine Bombe – da hielt man dieselben Bilder plötzlich für Avantgarde.

Bild mit faltbarem Trockner

Düsseldorf, der Wohnort von Konrad Klapheck, nimmt in der deutschen Pop Art eine zentrale Rolle ein. Auch in Berlin, München und Frankfurt widmeten Künstler sich dem schrillen Phänomen. Und so ist die Ausstellung nach Städten geordnet, was insofern sinnvoll ist, da so die gegenseitige Beeinflussung miteinander bekannter Maler schnell deutlich wird – wenngleich Klapheck zu keiner Szene gehörte.

In Düsseldorf waren es vor allem Gerhard Richter, Konrad Lueg und Sigmar Polke, die Phänomene der Massenkultur zum Thema ihrer Bilder machten. Für sein Gemälde „Faltbarer Trockner“ (1962) nahm Richter einen Zeitungsausschnitt mit dem Foto einer Frau als Vorlage, die für einen Wäscheständer warb. Da der Maler auch einen Teil der darunter befindlichen Werbebotschaft kopierte („Faltbarer Trockner. 5,60 m nutzbare Trockenlängen!“), wird deutlich, dass Richter keine Frau abmalen wollte, sondern das Abbild eines Abbildes zum künstlerischen Motiv erhob.

1963 veranstaltete der Künstler gemeinsam mit Lueg in einer ehemaligen Metzgerei die selbst ernannte „erste Ausstellung deutscher Pop Art“, an der auch Polke und der heute weniger bekannte Manfred Kuttner teilnahmen. Wenige Monate später folgte die Aktion „Leben mit Pop – eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus“ im Düsseldorfer Möbelhaus Berges. Die Schirn-Schau zeigt sehr schön die Verflechtungen im Werk der Protagonisten, die sich motivisch aneinander orientierten, ohne dabei an Eigenständigkeit zu verlieren.

Dasselbe lässt sich über die Frankfurter Pop-Art-Vertreter Thomas Bayrle und Peter Roehr sagen, die sich beide mit dem Ornament der Masse auseinandersetzten und ihr Material aus der Werbung bezogen. Ihre Methode war beziehungsweise ist es (Roehr starb bereits 1968), Bilder oder Slogans unverändert mit sich selbst zu konfrontieren. Und zwar genau so häufig, dass das Einzelbild als solches präsent bleibt, zugleich in der Masse aufgeht und ein mysteriöses Gleichgewicht zwischen Positiv- und Negativformen entsteht.

Den rechten Arm recken

Auf den Kollektivismus im Nationalsozialismus und die biedere Muffigkeit der Fünfziger spielte vor allem Bayrle mit seinen Holz-Maschinen an, in denen Figuren kollektiv putzen, schunkeln, sich rasieren oder vor dem Hakenkreuz ihren rechten Arm recken, sobald man den Motor aktiviert.

In München knüpfte man eher an die malerisch-gestischen Tendenzen und skulpturalen Positionen im US-Pop an: Robert Rauschenberg, George Segal und Claes Oldenburg boten sich den Künstlern der Gruppen SPUR, WIR und GFLECHT, die größtenteils vom Informel kamen und dem aalglatt-kühlen Pop von Warhol oder Lichtenstein mit skeptischer Faszination begegneten, als Vorbilder an. Und so setzten auch Heimrad Prem, HP Zimmer, Lothar Fischer oder Uwe Lausen vorübergehend triviale Motive wie Lockenwickler oder Fetzen aus Modezeitschriften in ihren Werken ein.

Im Vergleich zur amerikanischen Pop-Art war der German Pop ein eher kurzlebiges Phänomen, was wohl damit zusammenhängt, dass man in Deutschland vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte keinen ungebrochenen Hedonismus propagieren wollte.

„Vielleicht hatten wir gar keine Chance“, sagte Gerhard Richter 2002. „Die Aussage der amerikanischen Pop Art war so kraftvoll, so optimistisch, aber auch so limitiert, dass wir denken konnten, da kann man sich nur von absetzen und damit ein anderes Anliegen unterbringen.“ 

Schirn Kunsthalle,  Frankfurt: bis 8. Februar.

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