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Kunst

18. Januar 2010

Schöne Madonnen am Rhein: Muttergottes-Soubretten

 Von Arno Widmann
Madonna aus Pfarrkirche St. Laurentius Iversheim, um 1430.  Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR-Museumsverband

Eine Ausstellung im Landesmuseum Bonn zeigt schöne Madonnen. Die Stärke der Ausstellung am Rhein liegt vor allem in der Konzentration. Von Arno Widmann

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Es gab einmal in Bonn ein Rheinisches Landesmuseum. Eine schöne Einrichtung mit einem vielleicht nicht schönen, aber doch angenehm sprechenden Namen. Seit ein paar Jahren heißt es LVR-Landesmuseum Bonn. Eklig. LVR heißt "Landschaftsverband Rheinland", und der ist Träger nicht nur von Kindergärten, Kliniken und Schulen sondern auch von einigen Museen. Darunter eben auch des Rheinischen Landesmuseums. Das muss jetzt dieses Bürokratenkürzel LVR in seinem Namen tragen. Der Rheinländer scheint das mit Heiterkeit zu ertragen. Einem Zugereisten erscheint es als unerträgliches Tattoo.

Wer die Ausstellung "Schöne Madonnen am Rhein" besucht, sollte die Vitrine gleich links am Eingang nicht übersehen. Sie gehört noch nicht zur Ausstellung, sondern zeigt den "Fund des Monats". Das sind in diesem Fall sieben kleine antike Figürchen, allesamt Göttinnen. Darunter eine Fortuna-Isis, und mit letzterer ist die Urmutter der christlichen Madonnen genannt. So wie sie den Horusknaben auf dem Arm trug, so hielten ihre Nachfolgerinnen den Jesusknaben. Es ist eine hübsche Erinnerung an die Tiefe des Brunnens der Vergangenheit, die das - nennen wir es weiterhin so - Rheinische Landesmuseum dem Betrachter mit der Vitrine am Eingang bietet.

Die Stärke der Ausstellung liegt in der Konzentration. Die Ausstellung umfasst nicht mehr als sechzig Kunstwerke. Die meisten davon sind Madonnen mit Kind. Aus Stein, Holz und Ton. Entstanden um 1400. Es handelt sich um kleine, etwas gedrungene, sehr junge Frauen mit Babyspeck im Gesicht, mit winzigen Mündern und spitzen Nasen. Nicht jedem fiele beim Anblick der jungen Mütter das Wort "schön" ein. Sie haben etwas Soubrettenartiges.

Aus der Pfarrkirche St. Johann Baptist in Steinheim stammt eine Madonna im Strahlenkranz, da wird einem als Kontrast ein schwarzer Mond gezeigt, auf dem die Muttergottes steht. Sie hat einen vollen, erwachsenen Mund. Wer die Wahl hätte, dem fiele sie hier sehr leicht, und zwar nicht zugunsten der Madonna. Die Bezeichnung "Schöne Madonnen" ist der Einfall eines Kunsthistorikers aus den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Die Ausstellung ist sehr gut beschriftet. So lernt der Besucher schnell, dass die Künstler um 1400 vor allem Wert auf einen reichen Faltenwurf legten und dass die schönen Madonnen beileibe keine rheinische Erfindung waren, sondern dass auch dieses Schönheitsideal Importware war. Die Parler in Prag standen Pate, und der weiche Stil - auch das ein Begriff der Kunstgeschichte vom Anfang des vorigen Jahrhunderts - stammt aus Paris.

Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird auf den manchmal geradezu wagemutigen Abstand zwischen Maria und dem sich bewegenden Kind gelenkt. Da zeigt der Bildhauer, was er kann, und dass Gott Mensch wurde, wird an dem herzig strampelnden Jesusknaben deutlich. Ebenso rührend ist freilich der Jesusknabe, den die 1430 entstandene Madonna aus Iversheim auf der Hüfte abgesetzt hat. Der schreibt nämlich mit einem - noch erhaltenen? - Stift in ein dickes Buch, das er auf seinen Knien hält. Der ganz ausgezeichnete Katalog klärt auf: "Das Wort ist Fleisch geworden", schreibt der kleine Schelm. Ein postmodern schickes Spiel der wechselseitigen Verweise. Das fleischgewordene Wort sorgt höchstselbst dafür, dass aus dem Fleisch auch wieder ein Wort wird. Darin besteht die Endlosschleife der Schöpfung.

Es ist die besterhaltene Madonna dieser Ausstellung, die fast überall noch die Originalbemalung aufweist. Nur vom Gold der Haare ist nichts geblieben als die braune Grundierung. Wir haben uns daran gewöhnt, die Kunstwerke dieser Zeit nach der Arbeit der Bildhauer zu beurteilen. Ein Notbehelf, denn meist ist von der Kunst der Bemaler - "Fassmaler" werden sie genannt, wie die Bemalung "Fassung" genannt wird - nach sechshundert Jahren nur wenig übrig geblieben. Die Zeitgenossen, auch darauf wird in der Ausstellung hingewiesen, sahen das ganz anders. Die Bemalung wurde deutlich besser bezahlt als die Bildhauer- oder -schnitzerarbeit.

Eines meiner Lieblingsstücke ist ein Jesusknabe, der eindeutig zu alt auf dem Arm seiner Mutter sitzt und in einem Buch liest. Nein, er liest nicht. Er doziert. Das Buch hält er nicht einfach in Händen, sondern seine Finger liegen zwischen verschiedenen Seiten des Buches. Er wird sie demnächst heranziehen für seinen Vortrag. Ein gelehrter Exeget der Schrift, deren Verkörperung er ist.

Eine Heilige Barbara aus Ton praktiziert jene Koketterie, die unsere Pfarrer den Mädchen auszutreiben versuchten: Die Schöne streckt dem frommen Betrachter den Unterleib entgegen, während ihr zur Seite geneigter Kopf nach unten blickt. Züchtig könnte man sagen, wenn man nicht davon ausgehen müsste, dass diese Dame in der Bingener Pfarrkirche erhöht stand, so dass sie dem zu ihr aufsehenden Frommen über ihren elegant-aufreizend geschwungenen Unterleib hinweg direkt in die Augen sah. Dass sie dabei mit der rechten Hand eine Kirchturmspitze streichelt - ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer vor der Koblenzer Pietà - entstanden um 1370/1380 - steht, der wird entsetzt auf den Leichnam Christi schauen. So tot sah noch kein Arm aus. Aber natürlich ist er tot. Es ist ja gut ausgetrocknetes Nussholz. Das ist ein gewaltiges Kunststück: Holz so lebendig werden zu lassen, dass es sterben kann. Zu diesem Eindruck trägt der Verfall, trägt die Geschichte des Werkes nicht wenig bei. Die plastischen Bluttrauben an den Wundstellen Christi sind verschwunden. Die Figur wurde mehrfach restauriert. Der Leib wirkt so, als wäre er in seine Bestandteile verfallen. Das sie zusammenschließende Leben ist definitiv aus ihm gewichen. Aber immer noch ist klar, dass es einmal da war. Das ist das Wunder.

Landesmuseum Bonn: bis 25. April. Der Katalog kostet an der Museumskasse 19,90 Euro. www.landesmuseum-bonn.lvr.de

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