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Else Lasker-Schülers Kunst: Schüchterner Edelhirsch

Das Jüdische Museum in Frankfurt zeigt das erstaunliche bildkünstlerische Werk von Else Lasker-Schüler. Sie entführt uns in das Land, wo die Buchstaben blühen.

        

Bildsprache aus dem Schreiben: Else Lasker-Schüler.
Bildsprache aus dem Schreiben: Else Lasker-Schüler.
Foto: Jüdisches Museum

Else Lasker-Schüler kannte das Land, wo die Buchstaben blühen. Nach dem alten Ägypten, wo Bild und Schrift noch vereint waren, zog es sie hin. Und in den Orient, phantastische Wahlheimat ihres literarischen Alter Ego, von Ausruf Prinz von Theben, sollte auch ihre letzte Lebensreise führen. Erzwungenermaßen: Nachdem die jüdische Schriftstellerin 1933 aus Berlin fliehen musste, verweigerte die Schweiz, ihr erstes, wenig gastfreundliches Exilland, sechs Jahre später die Wiedereinreise nach einem Palästina-Aufenthalt. Sie blieb in Jerusalem, wo sie 1945 starb.

Bekannt ist vor allem die expressionistische Dichterin. Um die Jahrhundertwende veröffentlichte sie ihre ersten Lyrikbände; mit Herbart Halden, Herausgeber der Zeitschrift „Sturm“, war sie verheiratet, gehörte zur Kulturszene Berlins, zur Bohème, wie das in einem Kaffeehaus aufgenommene Foto einer Zeitung belegt. Der als Wandtapete groß aufgezogene Artikel aus der Rubrik „Von Berliner Stammtischen“ bildet als kleine Installation den Schluss einer beeindruckenden Ausstellung im Frankfurter Jüdischen Museum, die das bildkünstlerische Werk dieser Vielbegabten in den Mittelpunkt stellt.

Voraussetzung für das Zustandekommen der Ausstellung war, dass diese Arbeiten, durch die Lebensumstände der Künstlerin weit verstreut, nun erst systematisch und weitgehend vollständig in einem Werkverzeichnis erfasst und wissenschaftlich aufbereitet werden konnten. Der von Ricarda Dick erstellte Band, erschienen im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp, dient zugleich als Katalog der von Dick auch kuratierten Ausstellung, die zum Programm der vom Kulturfonds frankfurtrheinmain initiierten und wesentlich geförderten Veranstaltungsreihe „Phänomen Expressionismus“ gehört.

Vielseitigkeit und Grenzüberschreitung kennzeichnen Leben und Werk Else Lasker-Schülers. Als Autorin war sie Performance-Artistin im eigentlichen Sinn, weil sie sich, als „Tino von Bagdad“, thebanischer Prinz oder blauer Jaguar, im Schreiben selbst inszenierte – nicht nur im Schreiben.

Flöte spielende Ägypterin

Dokumentiert ist der Plan zu einer Varieténummer, bei der sie als „Fakir von Theben“ einen eigenen, ins Arabische übersetzten Text vortragen wollte. Ein Szenenfoto von der nicht realisierten Aufführung zeigt sie als flötespielenden Ägypter in Pluderhosen und typischer Haartracht, nach dem Vorbild von Darstellungen auf alten ägyptischen Grabreliefs. Beispiele der archaischen Kunst wurden damals, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in Berliner Museen als Ausgrabungsfunde präsentiert. Sie prägten ihre Bildphantasien und beeinflussten die streng zweidimensionale Gestaltung der meist kleinformatigen Zeichnungen, Aquarelle und Collagen, von denen jetzt rund 150 in der Ausstellung zu sehen sind.

Else Lasker-Schüler hatte zwar regulären akademischen Zeichenunterricht durch einen Schüler Liebermanns erhalten, ihre Bildsprache entwickelte sie aber erst Jahre später und ganz aus dem Schreiben. In Briefen mutierten Buchstaben und Wörter zu Piktogrammen; Monde, Sterne, Kometen und andere Privat-Hieroglyphen bildeten allmählich ein Repertoire, das dann auch immer wieder in den eigenständigen Zeichnungen zu sehen ist. Franz Marc, mit dem in der von gegenseitiger Bewunderung getragenen Künstlerfreundschaft zahlreiche Bildpostkarten gewechselt wurden, integrierte sie in eigene Arbeiten. Umgekehrt baute Lasker-Schüler Marcs „Turm der blauen Pferde“ in der in ihren Zeichnungen häufig anzutreffenden vertikal übereinandergeschichteten Anordnung ihrer Köpfe und Figurenensembles nach.

Vielen Leihgaben, auch aus privatem Besitz ist der umfassende Einblick in das phantasiesprühende Werk zu verdanken. Nur so ließ sich etwa der Aufwand dokumentieren, den die Künstlerin bei einem 1923 veröffentlichten Werk mit Gedichten und Lithographien betrieb. Sechs der 50 handkolorierten Exemplare sind mit jeweils derselben aufgeschlagenen Seite ausgestellt, jedes ist durch den Wechsel der Farben ein Unikat.

Autobiographische Dimensionen, hervorgerufen durch das stete Spiel mit den Identitäten, bestimmen das Werk, immer aber auch Originalität und Witz. Ein „o. T.“ wäre für die Dichterin undenkbar. „Schüchterner Edelhirsch und Weißdorn im Urwalde“ heißt eine Bleistiftzeichnung von 1936. In der Tat, man sieht den Hirsch vor lauter Bäumen nicht. Dafür vieles, was von einer Dichterin kaum zu erwarten war.

Frankfurt, Jüdisches Museum, bis zum 9. Januar 2011. www.juedischesmuseum.de

Autor:  Michael Grus
Datum:  8 | 9 | 2010
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