kalaydo.de Anzeigen

Seurat-Retrospektive in Frankfurt: Die ausgehöhlte Oberfläche

Unheimlich vertraut: Die Schirn Kunsthalle zeigt eine große Seurat-Retrospektive. Eine Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich. Sie versammelt etwa 50 meist kleinformatige Gemälde und Zeichnungen. Von J. v. Sternburg

Das Wort Verschleierung bringt es vielleicht auf den Punkt: Ein Abend am Kanal von Gravelines, 1890.
Das Wort Verschleierung bringt es vielleicht auf den Punkt: "Ein Abend am Kanal von Gravelines", 1890.
Foto: Moma, New York/Scala Florence

Die Bilder von Georges Seurat kamen seinen Zeitgenossen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zu Recht sensationell vor. Es waren Kunststücke aus der Zukunft. Darum staunen wir damals noch Künftigen auf den ersten Blick womöglich gar nicht mehr so sehr. Bildbearbeitungsprogramme haben das Auge an eine dreidimensionale Wirkung jenseits einer naturalistischen Malerei gewöhnt (Seurat sprach von der Kunst, "eine Oberfläche auszuhöhlen"), ebenso an Pixel- und Schleiereffekte oder künstlich intensivierte Farben.

Die unwirkliche Belebung von Seurats "Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte" erinnert heute an ein Arrangement computeranimierter Gestalten. Hier überlappt keiner zufällig den anderen, hier dreht sich kein Kopf einfach so, und alle schweigen tief: Stellvertreter von Menschen bloß, die sich gleich ein wenig bewegen könnten, weil ein Startknopf gedrückt würde. Denn die Vertrautheit mit Seurats Hauptwerken täuscht nicht über ihre Unheimlichkeit hinweg.

Die Ausstellung

Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 9. Mai. Der Katalog (Hatje Cantz) kostet vor Ort 29,80 Euro. www.schirn.de

Das Staunen kehrt zudem sofort zurück angesichts der Tatsache, dass Seurat (1859 bis 1891) sehr wenig Zeit und keine anderen Hilfsmittel hatte als sein Malzeug und die Wahrnehmungslehre des 19. Jahrhunderts. Diese und ihren Zusammenhang zu Seurats Technik, aus Punkten in Spektralfarben eine "optische Mischung" herzustellen, tippt ein Text im griffigen Katalog an. In der Ausstellung selbst, die von heute an in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen ist, wird das nicht weiter verfolgt.

"Georges Seurat - Figur im Raum" ist eine Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich, der ersten Station der Schau. Sie versammelt etwa 50 meist kleinformatige Gemälde und Zeichnungen Seurats. Das ist eine immense Auswahl angesichts seines schmalen Werks, auch wenn von den wichtigsten Großformaten nur "Der Zirkus" aus Paris anreisen durfte, der schon für sich genommen den Besuch wert wäre. Die anderen gelten als nicht reisefähig (bewiesen sei das freilich nicht, warf an dieser Stelle der Direktor des Kunsthauses Zürich, Christoph Becker, ein). Die "Grande Jatte" und der "Badeplatz bei Asnières" etwa sind aber durch vielsagende Studien vertreten. Sie dokumentieren nicht nur, wie der Pointillist Seurat auf die Schnelle "herkömmlich" impressionistisch malte, sondern auch, wie er komponierte und seine Figuren nach und nach zurechtrückte.

Georges Seurat - Figur im Raum

Bildergalerie ( 25 Bilder )

Auf tiefblauen Wänden großzügig gehängt tauchen die Bilder wie erleuchtete Fenster auf. Ausschließlich Kleinodien, die fabelhaften Zeichnungen gleichwertig neben den Ölbildern. Sie wirken malerisch, obwohl sie ausschließlich mit schwarzem Kreidestift hergestellt sind; neben Studien häufig schleierhafte Szenarien düsterer Art. Seurats Wort, seine Arbeiten seien nicht poetisch, sondern folgten seiner Methode, steht in Frankfurt an der Wand, während darunter praktisch das Gegenteil bewiesen wird.

Trotz chronologischer Hängung, betont Schirn-Kuratorin Katharina Dohm, kann bei gut zehn Jahren Zeit zum Arbeiten nicht ernsthaft von einem Spätwerk gesprochen werden. Es ist aber zu sehen, dass sich zwischen dem "Kopf eines jungen Mädchens" (1877 bis 1879), würdig eines Schülers eines Schülers von Ingres, und der "Grande Jatte" (1884 bis 1886) ein gewaltiger Sprung vollzogen hat. Letzteres machte seinen Maler (der von Haus aus nie auf den Verkauf seiner Bilder angewiesen war) auf einen Schlag berühmt. Ihm aber blieben nur noch fünf Jahre, bevor er mit 31 an Diphtherie starb. Unter den "späten" Gemälden stechen die Seebilder hervor, von atemberaubender Menschenleere und brüskierender Schlichtheit, ruhende Punkte zu matt schillernden Flächen vereint. Im Katalog kann sich Wilhelm Genazino in einem trefflichen Aufsatz vorstellen, wie Seurat sich von seinen Punkten auch hätte wieder wegbewegen können. Aber wohin?

Das erste Bild der Schau ist der "Eiffelturm" aus dem Januar 1889. Der Turm, als temporäre Einrichtung für die Weltausstellung geplant, ist noch im Bau und endet dato, wo die Leinwand aufhört. Dass Seurat sich ein umstrittenes Bauwerk der Zukunft vornimmt - wobei noch nicht abzusehen war, wie viel Zukunft es haben würde! -, passt perfekt zu diesem weit nach vorne gerichteten Maler. Was heute geläufig bis zur Betulichkeit ist, war seinerzeit reinster Futurismus. Bei Seurat verbindet sich das Durchbrochene der Konstruktion nach oben mit dem Himmel. Von der Stahlkonstruktion ist nichts zu ahnen. Sorglos zieht er das ausgetüftelte Bauwerk zu sich herüber in die Sphäre der Malerei. Auch macht er es winzig klein, und genau genommen nimmt er es sogar gleich wieder auseinander.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  3 | 2 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!