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Kunst

30. Oktober 2012

Sixtinische Kapelle Michelangelo: 500 Jahre Überwältigung

 Von Nikolaus Bernau
500 Jahre alt und ungebrochen frisch: Die Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan, am 1. November 1512 eingeweiht. Foto: IMAGO

1512 wurde die Sixtinische Kapelle in Rom eingeweiht - und begeistert auch noch nach einem halben Jahrtausend Besucher aus aller Welt. Grund sind vor allem die ikonischen Gemälde Michelangelos, wie der Fingerzeig Gottes auf Adam.

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1512 wurde die Sixtinische Kapelle in Rom eingeweiht - und begeistert auch noch nach einem halben Jahrtausend Besucher aus aller Welt. Grund sind vor allem die ikonischen Gemälde Michelangelos, wie der Fingerzeig Gottes auf Adam.

Die Sixtinische Kapelle im Vatikan ist sicher die berühmteste Palastkapelle der Welt. Wer kennt nicht den zur Ikone gewordenen Fingerzeig Gottes auf den erwachten Adam aus den Deckenfresken Michelangelos? Ihre Einweihung am Allerheiligentag 1512 wird am Donnerstag gefeiert werden. Dann haben die Besucher wohl auch Zeit – sonst werden sie von Touristen oft sehr bedrängt – die Wandgemälde Botticellis, Peruginos, Ghirlandaios oder Signorellis angemessen zu genießen, die zum Besten der europäischen Kunstgeschichte gehören. Oder das gewaltige Jüngste Gericht an der Altarwand, von Michelangelo ab 1532 gemalt, das einst wegen des völlig nackten Jesus zum Skandal wurde.

In alle Welt verstreut sind von der Ausstattung der Renaissance-Zeit transportablen Wandteppiche Raffaels. Die wollte jeder europäische Herrscher haben, weil dieser Raum seit seiner Erschaffung zur Legende geworden war, der Kunst, aber auch der Geschichte wegen. Hier wird der neue Papst von den Kardinälen gewählt, in einer der wenigen fast demokratischen Verfahren der Katholischen Kirche – Wähler und alle Wählbaren sind ausschließlich Männer.

Erstmals geweiht wurde die Kapelle 1483 von Papst Sixtus IV. der Heiligen Jungfrau Maria. Sie entstand anstelle der alten Capella Magna, der Großen Kapelle. Ein schlichter Saal eigentlich nur, aus Ziegeln gemauert. Mit seinen etwa 40 Metern Länge, 13,4 Metern Breite und fast 21 Metern Höhe nimmt er aber genau die Proportion 1:3:2 des in der Bibel beschriebenen, von König Salomo errichteten Jerusalemer Tempels auf.

Der rechtmäßige Erbe

Auch sonst ist das Programm dieser Kapelle sehr herrscherlich: Nicht die Lebensgeschichte Marias wird an den Wänden dargestellt, sondern diejenige von Moses, dem Gründervater des Judentums, und von Jesus, dem Gründer des Christentums. Die darüber angebrachten Papstporträts inszenieren diese als Erbverwalter von Moses und Jesus. Das in nur vier Jahren zwischen 1508 und 1512 geschaffene Deckengemälde Michelangelos feiert die Schaffung der Welt durch Gott, seine Beziehung zum Menschen und dessen anmaßenden Sündenfall – kaum jemals in der Kunstgeschichte wurde er so verlockend dargestellt. Dessen Folgen werden dereinst einmal nach christlicher Auffassung aufgehoben im Jüngsten Gericht, dessen monumentale Darstellung man hier aber nur über dem Altar, über den das Abendmahl zelebrierenden Priester oder Papst hinweg sehen kann.

Mehr als der Fingerzeig Gottes

Die Sixtinische Kapelle ist die wichtigste Privatkapelle des Vatikanischen Palastes in Rom. Geweiht wurde sie der Jungfrau Maria 1483 von Papst Sixtus IV.

Michelangelo Buonarroti (1475-1564) gilt neben Leonardo da Vinci und Raffael Sanzio als der bedeutendste Universalkünstler der Renaissance. Zwischen 1508 und 1512 schuf er die Decke der Sixtinischen Kapelle.

Ein kirchlicher Machtanspruch wird so demonstriert, der schon zu Zeiten von Michelangelos Auftraggeber, dem so militanten wie prachtliebenden Papst Julius II. auf Kritik stieß: 1511, als die Deckenfresken der Sixtina ihrer Vollendung entgegen gingen, weilte Martin Luther in Rom. Sechs Jahre später nagelte er seine Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg: Die Reformation begann.

Es sind Gemälde, die bis heute überwältigen. Nicht zuletzt durch ihre atemberaubende Körperlichkeit. In jenen Jahren wurden römische Antikenstatuen reihenweise ausgegraben. Künstler zeichneten sie begeistert, studierten Muskeln und Sehnen, Knochen und Haut. Dass Michelangelo aber auch Frauen wie die Sibylle von Cumae wie einen Kerl mit gewaltigen Muskelpaketen malte, ist sehr ungewöhnlich. Alle Versuche vieler Historikergenerationen, den großen Michelangelo nachträglich zu heterosexualisieren und mit unglücklichen Frauengeschichten auszustatten, scheitern an solchen Bildern genau so wie an seinen wunderbaren, nur an Männer gerichteten Sonetten.

Der Renaissance war die Frage, wen Michelangelo intim liebte, übrigens ziemlich egal. Seine Malerei erregte die Kunst hingegen aufs höchste. Vor allem die dramatischen Kompositionen: Warum dreht sich die Sibylle so pathetisch, stellt sie ihr kraftvolles Bein unter dem hautengen Tuch so hüftschmerzerregend schräg in den Luftraum ? Ob man den auf ästhetische Harmonie geradezu versessenen Raffael oder den dramatischen, pathetischen Michelangelo für den Größten hielt, daran schieden sich ganze Kunstepochen und -schulen.

Jahrhundertelang wurde in der Sixtinischen Kapelle Gottesdienst gefeiert, brannten Kerzen und Weihrauch. Die Wandgemälde verschmutzen und wurden dunkler, Erdbeben hinterließen Schäden. Immer wieder wurden Fehlstellen übermalt. Doch eine grundlegende Restaurierung erschien angesichts der Kosten unmöglich.

Es brauchte einen neuen, frischen Papst, Johannes Paul II., und das Angebot der Nippon Television, die Kosten zu übernehmen gegen die Bildrechte. Am 1. November 1984 begann endlich die Arbeit. Als zehn Jahre später die letzten Gerüste fielen, dachte mancher Betrachter: Die Restauratoren haben Michelangelos Meisterwerk zugunsten eines modisch-bunten Renaissance-Bildes zerstört. Die Mehrheit der Betrachter aber dachte: Wir haben Michelangelo zurück gewonnen.

Die Restauratoren entschlossen sich nämlich, den Dreck von Jahrhunderten fein herunterzurubbeln, bis nur noch die „al buon fresco“, also auf den frischen Putz aufgetragene Malschicht zu sehen war. Leuchtende Farben traten zutage, rosa, gelb, blau. Die Formen, bisher weich gezeichnet, wurden kraftvoll, die Haut fleischig. So manche Figur bekam Sex-Appeal.

Der magisch-dunkle Michelangelo

Regelrecht unverständlich sind jedem, der diese Bilder heute sieht, die vielen Texte über den magisch-dunklen Michelangelo. Mit dem Schmutz fegten die Restauratoren eine vielhundertjährige Rezeptionsgeschichte beiseite. Wichtiger war ihnen ein Michelangelo-Bild, das seine ununterbrochene Aktualität zu belegen scheint. Die Kritiker sagten dagegen, Michelangelo habe seine kraftvollen Farben genau deswegen gewählt, weil er mit der kommenden Verschmutzung rechnete. Die Restauratoren indessen verwiesen auf gerade frisch restaurierte Gemälde wie den Tondo Doni, der einen ganz ähnlichen Farbton zeigte, ohne jemals von Kerzenqualm bedroht zu sein.

Und sie können für sich verbuchen: Seit der radikalen Freilegungen der Sixtina wird wieder frisch über die Kunst Michelangelos und damit über unser Bild der ersten Phase der Moderne debattiert. Als dann Johannes Paul II. 1996 erstmals auch gesetzlich festlegte, dass die Wahl des Papstes immer in der Sixtinischen Kapelle stattfinden muss, wurde die Bedeutung Roms als Zentrum der katholischen Welt nochmals abgesichert. Ein Ziel, dem ja auch schon die Ausstattung der Kapelle unter Michelangelo gedient hatte.

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