Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kunst

01. März 2016

Städel: Der Fakir mit dem Joint

 Von Sandra Danicke
Das Blatt „Wochenendhaus“, aus der Mappe „Grafik des Kapitalistischen Realismus“, 1967.  Foto: The Estate of Sigmar POlke, / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Das Frankfurter Städel zeigt frühe Druckgrafiken des Künstlers Sigmar Polke, einem der wichtigsten, aber auch rätselhaftesten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts.

Drucken per Mail

Ein Mann hat sich als Palme verkleidet: In Unterhosen steht er da, einen Kranz weißer Blätter um den Hals gebunden. Das Bild „Menschenpalme“ entstand 1966 nach einem Foto von Sigmar Polke. Zur gleichen Zeit entstanden „Zollstockpalme“, „Wattepalme“, „Handschuhpalme“ und „Brotpalme“ – Offsetdrucke nach Schwarzweiß-Fotografien, die der Künstler zwei Jahre später mit weiteren Werken in einer Mappe zusammenfasste. Titel: „... Höhere Wesen befehlen“.

Merkwürdige Abbildungen befinden sich darin, etwa der „Baum, der meinetwegen hohl gewachsen ist“. Wie zum Beweis hat der Künstler sich in den konkaven Stamm gedrückt. Oder die „Decke, in die sich immer wieder die Konturen einer weiblichen Figur falten“, von Polke als „Psychoplastik aufgrund früherer Erlebnisse“ bezeichnet. Zu sehen sind diese Arbeiten jetzt im Frankfurter Städel Museum in der Ausstellung „Sigmar Polke. Frühe Druckgrafik“, eine kleine aber sehr lohnende Ausstellung der Graphischen Sammlung.

Sigmar Polke (1941-2010) gehört zu den wichtigsten, aber auch rätselhaftesten deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Das liegt vor allem daran, dass man nie genau weiß, wie man ihn einordnen soll. Viele seiner Werke wirken verspielt, albern sogar, und doch sind sie nicht zum Spaß entstanden. Jedenfalls nicht nur. Mag sein, dass Polke den Betrachter unterhalten wollte, zugleich schwingt in diesen Bilder stets auch etwas anderes, Grundsätzlicheres mit. Nicht nur die schlichte Tatsache, dass der Versuch, Kunst in all ihren Auswirkungen vollständig zu erklären, immer zum Scheitern verurteilt ist, spielt hier eine Rolle. Die Werke der Mappe enthalten auch Verweise auf die damals populären Kunstrichtungen Land art, Body art oder Concept art.

Gemeinsam mit Gerhard Richter, seinem Kommilitonen an der Kunstakademie Düsseldorf, erfand Polke 1963 den „Kapitalistischen Realismus“ als deutsche Variante der amerikanischen Pop Art, mit der sie die kleinbürgerliche Idylle der Nachkriegszeit aufs Korn nahmen. Beide Künstler verwendeten hierfür Materialien aus der Werbung. Bei Richter war es ein faltbarer Wäscheständer, bei Polke war es zum Beispiel das „Wochenendhaus“ – ein Siebdruck, der den Blick auf einen modernen Bungalow mit einem kitschigen Blütenzweig verstellt.

Viele von Polkes Arbeiten sind im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig. Oft kombinierte der Künstler, der im schlesischen Oels geboren wurde, Versatzstücke aus Alltag, Politik und Geschichte zu merkwürdigen Motivcollagen, die sich mit deutscher Befindlichkeit auseinandersetzen. Für „Großer Kopf“ von 1979 verknüpfte Polke unterschiedliche Motive und bildnerische Techniken wie Zeichnung, Schablonendruck und Scherenschnitt zu einem enigmatisch flirrenden Bild, in dem sich eine Fünfziger-Jahre-Tischszene und ein rauchender Kopftuchträger mit malerischen Techniken wie Dripping, Abstrakter Expressionismus oder Hard-Edge auf irritierende Weise überblenden und ergänzen. Selbst ein scheinbar banales, unscharfes Foto wie „Fernsehbild (Kicker)“ (1971) entpuppt sich bei Polke als komplexes Konstrukt. Mithilfe des Titels lässt sich Folgendes entschlüsseln: Wir sehen die Ausschnittsvergrößerung eines Fernsehbildes, das einen Tischkicker zeigt, mit Knicken malträtiert, anschließend noch einmal abfotografiert und dann auf farbigem Büttenpapier gedruckt wurde.

Eine Konstante in Polkes Oeuvre sind die Rasterpunkte des Offsetdrucks. Für seine erste Druckgrafik „Freundinnen I“ (1967) vergrößerte er ein Foto aus einer Anzeige – es zeigt zwei Damen in gepunkteten (!) Bikinis – so stark, dass die Rasterpunkte das Bild in einem seltsamen Schwebezustand zwischen permanenter Entstehung und Auflösung halten.

Man darf nicht vergessen, dass die Verwendung des Offsetdruckes, eines technischen, auf Massenverbreitung angelegten Verfahrens in den sechziger Jahren kein geringer Affront war. „Der Offsetdruck“, so Jutta Schütt, Kuratorin der Ausstellung, war damals einer grafischen Sammlung unwürdig.“ Im Städel hat man daher erst spät begonnen, einzelne Blätter zu erwerben. Dass man heute die Schau mit Werken der eigenen Sammlung bestücken kann, verdankt das Städel einer Schenkung der Deutschen Bank.

Immer wieder hat Polke die Möglichkeit der Vervielfältigung ironisiert, indem er absurde Auflagenhöhen („141 Exemplare“) bestimmte. Ausgerechnet in „Schuldruck“, den Polke 1972 als Auftragsarbeit für Unterrichtszwecke anfertigte, konterkarierte der Künstler die Möglichkeiten des Mediums auf geradezu grotesk arbeitsintensive Weise. Es handelt sich um einen Siebdruck mit einer Blindprägung, die einen Joint rauchenden Fakir zeigt. Daneben wurde ein Kreis ausgestanzt und mit Transparentpapier hinterklebt. Es zeigt einen Pinguin, um den herum eine Vielzahl mehrfarbiger Glitzerpunkte und Streifen flimmert. Letzteres hat der Künstler mit der Hand gemalt. Auf jedem der 250 Exemplare.

Städel Museum , Frankfurt: bis 22. Mai. www.staedelmuseum.de

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ hat sich die FR-Redaktion ihre Krimis selbst geschrieben. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern waren aber rein zufällig.

Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige