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Storm-King-Skulpturenpark: Himmel, Hügel, Stahl

Der Storm-King-Skulpturenpark nahe New York wird 50 Jahre alt. Kein Werk steht zufällig irgendwo, jeder Ausblick, den der Besucher beim Wandern durch den Park hat, ist kalkuliert. Von Sebstian Moll

Eckiges in Rundem: Mark di Suveros Pyramidian von  1987/1998.
Eckiges in Rundem: Mark di Suveros "Pyramidian" von 1987/1998.
Foto: Thompson/Storm King Art Center

Natürlich weiß der Intellekt, dass tonnenschwere rostige Stahlplatten im grünen Fußhang eines dicht bewaldeten Berges ein Fremdkörper sind, ein gewalttätiger Eingriff sogar; natürlich weiß man auch, dass eine ländliche Befestigungsmauer sich gewöhnlich nicht um Bäume windet; und selbstverständlich ist klar, dass ein Feld niemals Wellen schlägt wie eine Seeoberfläche im Sturm.

Hier im Tal zwischen dem Storm-King- und dem Shunnemunk-Mountain, keine 80 Kilometer nördlich von Manhattan, wird der Intellekt jedoch außer Kraft gesetzt. Die Stahlplatten, die Richard Serra Mitte der 90er Jahre in den Hang versenkt hat, die Mauer von Andy Goldsworthy, die sich durch den Wald schlängelt und das Wellenfeld von Maya Lin - sie wirken, als seien sie schon ebenso lange hier, wie der benachbarte Hudson River in Richtung Atlantik rollt und die Gewitterwolken sich im Hochsommer um den Gipfel des Storm King sammeln. Ohne diese Werke würde der Landschaft etwas fehlen, durch sie wird sie vollständig.

Dabei gab es die Kunst, die heute den Skulpturenpark ausmacht, noch nicht, als die Industriellen Ralph Ogden und Ted Stern 1960 das 200 Hektar große Gehöft hier oben in den Hudson Highlands erwarben und das Storm King Art Center eröffneten. In New York fingen Bildhauer gerade erst an, über monumentale abstrakte Werke nachzudenken. Künstler wie Walter de Maria, Richard Serra und Sol LeWitt waren eben erst in die Stadt gezogen, Dan Flavin eröffnete seine erste Ausstellung mit bunten Neonröhren erst ein Jahr später. Der Minimalismus war noch nicht voll artikuliert.

Die New Yorker Avantgarde interessiert Ogden und Stern damals wenig. Sie hatten in dem Herrenhaus inmitten des weitläufigen Geländes im Hudson-Tal, wie sie fanden, einen perfekten Ort gefunden, um ihre Sammlung der Malerei der Hudson River School auszustellen - jener romantischen, etwas kitschigen Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, die diese Landschaft zelebrierten.

Ihre ersten Skulpturen erwarben Ogden und Stern kurz danach als reine Ornamente, Sammlerstücke, die sie um das Haus herum gruppierten. Doch als Ogden 1967 den abstrakten Expressionisten David Smith in seinem Atelier im Adirondack-Gebirge besuchte und dessen geometrische Stahlgebilde auf einem Feld verstreut sah, fiel ihm wie Schuppen von den Augen, was aus Storm King werden könnte. Mit dem weiten Gelände aus Hügeln und Wäldchen, Feldern, Teichen und Bächen hatte er die Umgebung, die solche Werke brauchten, um zu wirken. Diese Kunst und diese Natur konnten etwas Neu- und Einzigartiges ergeben, ein harmonisches Gesamtwerk. Ogden kaufte 13 Stücke von Smith und begann, sie mit dem Landschaftsarchitekten William Rutherford auf seinem Gelände zu installieren. Dabei entwickelten die beiden Sensibilität dafür, wie Formen und Landschaften interagieren. Es war der Anfang eines Experiments, das bis heute dauert und für das es keine Parallele gibt.

Das bedachte Platzieren der Werke in der Landschaft führte zum logisch nächsten Schritt. Wenn das Ziel die Fusion von Kunst und Natur ist, machte es viel mehr Sinn, die Künstler von Anfang an einzubeziehen. Isamu Noguchi wählte etwa für "Mamo Taro" (1978) nicht nur selbst die Stelle aus, an der er seine aus Japan importierten, massiven Felshälften haben wollte. Er ließ auch tonnenweise Erde aufschütten, um den Fels im Verhältnis zu Himmel und Bäumen an die richtige Stelle zu setzen. Richard Serra wanderte zwei Jahre durch den Park, bis er sich entschlossen hatte, wo er seine vier Stahlplatten in den Hang graben wollte. Dann bat er Ogden um die exklusive Nutzung einer zehn Hektar großen Wiese, deren Hänge er nach seiner Vorstellung aufhäufen ließ. Und Maya Lin trieb im vergangenen Jahr das Konzept auf die Spitze, als sie eine Kompanie von Baggern dirigierte, um ein Feld in eine Wellenlandschaft zu verwandeln.

Heute ist Storm King eine nahezu perfekte Komposition. Kein Werk steht zufällig irgendwo, jeder Ausblick, den der Besucher beim Wandern durch den Park hat, ist kalkuliert. Die Werke verdanken in der Mehrheit ihre Form der Wirkung, die sie an dieser Stelle und im Dialog mit den anderen Werken entfalten - sie definieren die Landschaft. Natur und Kunst kommen hier nicht ohne einander aus, jedes ist Teil des anderen - ob es nun die Werke von Serra, Noguchi und Lin sind oder die fragilen Aluminium-Würfel von David von Schlegell, die mysteriös und glitzernd über der Wiese zu schweben scheinen.

Das alles scheint Lichtjahre von der romantischen Landschaftsmalerei entfernt, die Ogden und Stern ursprünglich gesammelt hatten. Doch die abstrakte Landschaftskunst hat mit der Hudson River School vielleicht mehr zu tun, als man annehmen könnte. Für die frühen Hudson-River-Maler war die erste amerikanische Wildnis, die hinter New York anfing, ein utopisches Versprechen. Es war eine beseelte Natur, eine, die das Potenzial hat, den Menschen zu transformieren. Die Hudson-Landschaft war für die Maler der mögliche Quell eines Aufbruchs, der Beginn einer genuin amerikanischen Zivilisation. In Storm King scheint dieses Versprechen eingelöst. Es ist eine magische Vermählung von Menschheit und Natur, ein amerikanischer Garten Eden.

Autor:  Sebstian Moll
Datum:  14 | 5 | 2010
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