Kunst

24. Juli 2012

Street Art Berlin: Mit Street Art gegen die Monotonie

 Von Patrick Schirmer Sastre
Den Dingen ein Gesicht geben: Dieser Altglas-Container hat wohl schon ein paar Flaschen intus.  Foto: Mentalgassi

Telefonzellen werden zu Duschkabinen, ein Fotoautomat verwandelt sich in eine Toilette und Kaugummi bekommen ein zweites Leben als kleines Kunstwerk: Jenseits von Graffiti erobern Street-Art-Künstler in Berlin den öffentlichen Raum zurück.

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Eines der weniger bekannten Projekte des Berliner Straßenkünstlerkollektivs Mentalgassi nennt sich „Public Intimacy“ – öffentliche Intimität. „Uns war aufgefallen, dass man in einer Stadt wie Berlin wahnsinnig viel Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln verbringt“, erklärt G, eines der Mitglieder von Mentalgassi, der seinen richtigen Namen lieber für sich behält. „Da ist es kein Wunder, dass einige sich dort so benehmen, als wäre es ihr Wohnzimmer.“

Diesen Umstand wollten die drei Künstler, die sich einst in der Graffitiszene kennengelernt hatten, vorführen. In einem U-Bahn-Waggon verwandelten sie eine Sitzbank in ein kleines Sofa. Sie legten Kissen hin, hängten Gardinen an die Fester und veredelten die Sitzgruppe mit einem kleinen Teppich.

Ein Moment der Freude

Es blieb nicht bei dieser Aktion. Eine Telefonzelle verwandelten sie in eine Duschkabine, einen Fotoautomat in eine Toilette. Und aus einem Kontrollspiegel, den es am vorderen Ende einer jeden U-Bahn-Station gibt, machten sie einen Badezimmerspiegel.

„Urbanes Entertainment“ nennen Mentalgassi ihre Aktionen. „Es gibt viele Orte in der Stadt, die rein funktionell sind und von den Menschen auch so behandelt werden. Wie die meisten anderen Straßenkünstler stellen wir die Frage, ob das denn so sein muss. Wir möchten einen kleinen Moment der Freude reinbringen, ein Augenzwinkern.“

Bilder von Gefangenen

Bekanntgeworden ist das Berliner Künstlerkollektiv durch seinen Einsatz von Porträtfotografie. So bekleben sie Glascontainer mit großformatigen Bildern von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern. Fotografie, sagen sie, sei eine ehrliche Ausdrucksform und erlaube es, subtil Botschaften zu vermitteln. „Ein Gesichtsausdruck an der richtigen Stelle bewirkt oft viel mehr, als wenn man versuchen würde, alles grafisch darzustellen oder mit einer Message aufzuladen.“

Mittlerweile sind die Werke von Mentalgassi in Ausstellungen zu sehen. Auch Auftragsarbeiten nehmen sie an. Für Amnesty International beklebten sie 2010 Zäune mit Bildern von Gefangenen. Die Gitter des Zauns erinnern an Gitterstäbe, gleichzeitig sind die Bilder nur aus einer bestimmten Perspektive zu sehen. Wer direkt davor steht, sieht nur den Zaun. „Making the invisible visible“, hieß das Projekt.

Segen und Fluch

Das Unsichtbare sichtbar machen, möchte auch der Moskauer Künstler P183. Das zeigen, was man mit den bloßen Augen nicht sehen kann, beantwortet er die Frage nach seiner Motivation. P183 heißt eigentlich Pawel und ist Ende zwanzig. Vor ein paar Monaten wurde er gleichzeitig mit dem Segen und Fluch belegt, von der britischen Zeitung The Guardian als „russischer Banksy“ bezeichnet zu werden. Der Vergleich mit der anonymen Street-Art-Legende aus Bristol hat P183 zwar berühmt gemacht, wirklich hilfreich für eine angemessene Erwartungshaltung seinem Werk gegenüber war es aber nicht.

P183 lässt sich nicht auf einen Stil festschreiben. So schafft er Werke, die sich durchaus als gesellschaftskritischer Kommentar interpretieren lassen. Unter eine Brücke malt er einen vermummten Mann, der eine Fackel trägt. Er sieht aus wie ein Freiheitskämpfer. Gleichzeitig spielt P183 immer wieder mit den Möglichkeiten des urbanen Raums.

Vermummter mit Fackel

        

Frage der Perspektive: P183 macht einen Laternenpfahl zum Brillenbügel.
Frage der Perspektive: P183 macht einen Laternenpfahl zum Brillenbügel.
Foto: p183

Als es auf einem kleinen Platz in Moskau schneit, malt er unter einen Laternenpfahl die Umrisse einer Brille in den Schnee. Der Laternenpfahl verwandelt sich in den aufgeklappten Bügel der Brille. Eine spontane Idee, die er sofort verwirklicht hat, erzählt er später der Zeitung The Telegraph.

Wie viele Künstler in autoritären Staaten spielt P183 den gesellschaftskritischen Aspekt seiner Arbeit runter. „Ich sehe mich nicht als politischer Künstler“, sagt er. „Ich zeige nur das, was ich sehe. Wäre ich in einem tibetischen Kloster aufgewachsen, würde ich wohl die dortige Natur malen. Aber ich bin in Russland aufgewachsen, einem Land, das nicht gerade in bester Verfassung ist.“

Dreck wird zu Kunstwerken

Weitgehend unbeschwert kann hingegen der Londoner Künstler Ben Wilson arbeiten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Straßenkünstlern kann er es sich leisten, seinen Namen zu nennen. Seit Jahren schon bemalt er im Stadtteil Muswell Hill Kaugummis, die auf der Straße festgeklebt sind. „Ich kann nicht gegen Gesetze verstoßen, weil das Vergehen ja schon begangen wurde, als der Kaugummi weggeworfen wurde“, erklärt er in einem Interview mit der BBC.

Stundenlang liegt er auf dem Boden und verziert das, was eben noch Dreck war, zu kleinen Kunstwerken. Er malt Landschaften, Straßenszenen, Ornamente. Über 10 000 Kaugummis soll er bereits in ganz Europa verziert haben, die meisten davon in London. Verhaftet wurde er auch schon, die Anzeige aber wieder fallengelassen. Jetzt kommen Menschen vorbei und gratulieren ihm zu seiner Arbeit. Häufig bekommt er Anfragen von Menschen in seinem Viertel, ob er ihnen nicht eines seiner Kleinkunstwerke widmen könne. Manchmal geben sie ihm sogar Geld dafür.

Kommunikation mit Macken und Dellen

Für Wilson geht es darum, die Menschen auf ihre Umgebung aufmerksam zu machen, und aus etwas Hässlichem etwas Schönes zu machen. Eine Einstellung, die er auch mit den Berlinern Mentalgassi teilt. „Wichtig ist, dass man schaut, dass der öffentliche Raum etwas Kostbares bleibt. Es geht darum, eine Kommunikationsfläche zu erhalten, mit Macken und Dellen, wo nicht nur Werbung und leere Fassaden herrschen“, sagt G. Für P183 geht das Ziel seiner Arbeit tiefer. „Ich möchte die Kultur meines Landes wahren. Diese ergibt sich aus der jüngeren Geschichte, aber auch aus althergebrachten Traditionen.“

Die Möglichkeiten der Straßenkunst scheinen unbegrenzt. Mentalgassi warnen aber davor, die Bedeutung von Street Art überzubewerten. Es werde der Straßenkunst viel angedichtet, was in dieser noch jungen Bewegung noch nicht vorhanden sei. „Street Art ist die Aufgabe von vielen einzelnen kleinen Zellen, die versuchen, das Gesicht des öffentlichen Raumes menschlich zu halten.“ Immerhin.

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