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Kunst

07. Januar 2013

Surrealismus-Ausstellung Aschaffenburg: Traumlogik in Farbe

 Von Judith von Sternburg
Böse Geschichte, aber auch lustig: Frank Jakob Essers „Die Jagd auf Fische“, 2007. Foto: Heidelbach

Die Surrealismus-Ausstellung „Phantastische Welten“ in der Jesuitenkirche Aschaffenburg zeigt gegenständliche Malerei, die jede Bodenhaftung ablehnt, sich aber dabei penibel naturalistisch gibt.

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Die Surrealismus-Ausstellung „Phantastische Welten“ in der Jesuitenkirche Aschaffenburg zeigt gegenständliche Malerei, die jede Bodenhaftung ablehnt, sich aber dabei penibel naturalistisch gibt.

Alles passt in diesen Tagen wie von ungefähr zur „Schwarzen Romantik“ (noch bis 20. Januar im Frankfurter Städel), auch ihre knallbunte Seite. Unter dem Titel „Phantastische Welten. Vom Surrealismus zum Neosymbolismus“ zeigt sie sich jetzt in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg. Es herrscht unaufgeregte Traumlogik, die ihrer Farbigkeit zum Trotz von Albtraumlogik kaum zu trennen ist. Folgerichtig geht auch Axel Hinrich Murken, Herausgeber und Hauptautor des als Begleitbuch funktionierenden Katalogs, auf die – allerdings keineswegs alleine der Fantasie entsprungenen – Angstvisionen des Francisco de Goya ein (was wiederum zu „Goyas Erben“ passt, noch bis 27. Januar in den Opelvillen Rüsselsheim).

„Phantastische Welten“ ist eine Wanderausstellung, die jetzt in zweiter Auflage durch das Land zieht. Nach Aschaffenburg geht sie noch nach Leverkusen und Bremen. Ihr Erfolg ist auch der Erfolg einer gegenständlichen Malerei, die jede Bodenhaftung ablehnt, sich aber dabei penibel naturalistisch gibt. Mit großer Sorgfalt malt der Brüsseler Roland Delcol Personal von Rembrandt oder Manet nach, um ganz unwahrscheinlich Nackte, aber auch Trickfilmjuxfiguren unter und neben sie zu mischen. Karl Heidelbachs Faltenmeer, in dem offenbar der Teil eines gefesselten „Aktes“ (1968) liegt, ist altmeisterlich gekonnt. Und der leichte Einschnitt, den eine Nylonstrumpfhose in der Taille einer noch so schlanken und durchgeschnittenen Frau hinterlässt, überzeugt auf seiner „Mademoiselle Rivière“ (1968/69) allemal.

        

Karl Heidelbachs „Mademoiselle Rivière“, 1968/69.
Karl Heidelbachs „Mademoiselle Rivière“, 1968/69.

Ein Ende ist nicht absehbar

Die irgendwo doch verdächtige Manie, nackte Frauen zu fragmentieren (Hintern und Busen werden dann bei Heidelbach zu den „Waffen der Frau“, auch dies im Jahre 1968), hat im Surrealismus die Jahrzehnte offenbar unbeschadet überdauert. Und während man noch überlegt, was eigentlich unzeitgemäßer ist – der Verdacht oder die Manie –, wird man sich von der Ungebrochenheit der surrealistischen Tradition doch beeindrucken lassen. Arbeiten von acht Künstlern und einer Künstlerin aus Deutschland, Belgien, Polen und Italien sind zu sehen, die Jahrgänge reichen von 1901 – Edgar Ende, der Vater des Schriftstellers Michael – bis 1970 – der Krefelder Frank Jakob Esser – und demonstrieren, dass ein Ende nicht absehbar ist.

Auch den Werken selbst ist ihr Alter nicht unbedingt anzusehen. Edi Brancolini, 1946 geboren, malt bis heute symbolistisch aufgeladene Geschlechterkonfrontationen, die so problematisch und dabei so vage sind, dass der Betrachter am Ende doch vor allem auf die gepflegten, wenngleich zagenden Leiber starren wird. Die Berlinerin Christine Weber dagegen, Jahrgang 1963, bricht zu ganz anderen Ufern auf. Das Mädchen im adretten Schottenminirock und weißen Kniestrümpfen scheint eine extrem gewalttätige Mitschülerin zu sein („KB Morgenstern 2“, 2005). Kopflos ist sie nicht, weil die Malerfantasie es will, sondern weil das Bild, das an einen Filmstill erinnert, vorher endet. Das Albtraumhafte ist hier in einer zumindest möglichen Gegenwart angekommen. Surreal wirkt es nur, weil dem Betrachter ein Vorher und Nachher fehlt, an das er auf Christine Webers Arbeiten aber glauben wird.

Webers Bilder gehören nicht zwingend in diesen Zusammenhang, so wenig wie die brachialen Arbeiten Uwe Lausens, der just zwischen den beiden Ausstellungsrunden der „Phantastischen Welten“ in einer großen Schirn-Ausstellung zum 40. Todestag wiederentdeckt wurde. Wie es sich für das Surreale aber einst gehörte, macht das Unorthodoxe der Zusammenstellung den reizvollsten Teil der Schau aus.

Eine klassische, aber doch eigenwillige Fortführung ergibt sich schließlich durch den jüngsten ausgestellten Künstler, Frank Jakob Esser. Gerne lässt er Tiere fliegen, wie in einem ziemlich lustigen Comic für Erwachsene – oder einem sehr unheimlichen Kinderbuch.

Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg: bis 3. März. Katalog 16,80 Euro.

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