Man sitzt im Wohnzimmer auf dem Flokati, und aus den Kopfhörern tönt Gejaule, rhythmisch untermalt. Gemeinsam mit Hans Poppel traf sich Uwe Lausen zu Trommel-Improvisationen; man verwendete billige Instrumente oder Pappröhren, musizierte mit Löffeln, Gabeln, Schlüsseln und ließ raus, was im Inneren schlummerte. Die "Primitivität" habe beide in Bann geschlagen, heißt es im Begleittext der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, in der das inszenierte Wohnzimmer jetzt einen düster gehaltenen Rückzugsort im Stil der sechziger Jahre bildet.
Uwe Lausen, dem die Ausstellung mit dem Titel "Ende schön, alles schön" gewidmet ist, hatte viele Begabungen, singen gehörte nicht dazu. Als Maler allerdings war Lausen ein Talent, das zu den größten Hoffnungen Anlass gab. Im Jahr 1970 jedoch, mit nur 29 Jahren, beendete der Künstler sein Leben. Uwe Lausen schnitt sich im Haus seiner Eltern die Pulsadern auf - und geriet im Laufe der Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit.
Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 13. Juni. www.schirn.de
Zu Unrecht, wie die Schau, die die Frankfurter Schirn nun zu Lausens vierzigstem Todestag ausrichtet, beweist: In weniger als zehn Jahren entwickelte der gebürtige Stuttgarter eine Bildsprache, die so wuchtig wie fantasievoll ist, mit Inhalten, deren Brutalität und Zynismus sich aus Zorn, Verzweiflung und einer labilen Psyche speisten.
Dabei wollte Uwe Lausen, der ein Philosophie- und ein Jurastudium abgebrochen hatte, zunächst Schriftsteller werden und war Mitherausgeber einer Literaturzeitschrift. Anfang der sechziger Jahre kam er dann über die Münchner Künstlergruppe "Spur" als Autodidakt zur Malerei.
Zunächst deutlich inspiriert von der gestischen Impulsivität des Abstrakten Expressionismus und Cobra-Künstlern wie Asger Jorn, entwickelte Lausen in kürzester Zeit einen eigenwilligen Stil, der die Darstellung absurder Szenarien, in denen es häufig um Waffen, Tod oder Pornografie geht, mit einer plakativen Farbigkeit kombinierte.
Vorbehaltlos spielte Lausen verschiedene Stile durch, vermischte die Formensprache von Surrealismus, Op-Art und Farbfeldmalerei mit Elementen der amerikanischen Pop Art, kopierte die deformierten Porträts Francis Bacons und ließ sich von Friedensreich Hundertwassers ornamentalen Kompositionen inspirieren, bevor er ab 1966 seinen Bildern einen zunehmend politisch-radikalen Anstrich gab mit Titeln wie "Der deutsche Killer" oder "Töte".
Zu Fleischklumpen mutierte Körperfragmente ballen sich in zahlreichen Leinwänden vor flächigen Bildhintergründen, die häufig aus Streifen- oder Karomustern bestehen, Gewehre und Raketen werden abgefeuert, Blut tropft aus einem Handgelenk, und kopflose Frauenkörper spreizen obszön die Beine. Häufig kontrastieren große einfarbige Flächen mit kleinteiligen Erzählungen am Rande. Dann wieder verweisen spießige Interieurs mit Sofas, Blümchentapeten und Orientteppichen auf das Grauen im Wohnzimmer.
Leere Stühle, deren Beine zuweilen grotesk verlängert sind, tropfende Wasserhähne, Labyrinthe und schlauchartige Gebilde, die wahlweise als Abflussrohre, Nabelschnüre, Gedärm erscheinen, bilden das metaphorisch aufgeladene, künstlerische Formenrepertoire des Nachkriegsgeborenen. Uwe Lausen berauschte sich mit Drogen wie LSD oder Meskalin und litt an Depressionen ebenso wie an einer generationsspezifischen Wut auf die selbstgefällige Bürgerlichkeit der Elterngeneration.
Als Lausen 1969 das Malen aufgab, litt der zweifache Familienvater bereits unter Verfolgungswahn und vagabundierte ruhelos zwischen verschiedenen Wohnorten. Eines seiner letzten Bilder zeigt einen Mann im Swimming Pool. Das Wasser reicht ihm bis zur Oberlippe. Der bunte Ball am Rand des Beckens scheint unerreichbar.