Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kunst

07. März 2016

Weltkulturen: „Die Kunst erfindet sich neu“

 Von 
„Uganda hat keine lange Maskentradition“: George Kyeyune vor einem Werk von Francis Nnaggenda, der Bezüge zum westafrikanischen Erbe herstellt.  Foto: Andreas Arnold

Der ugandische Künstler George Kyeyune spricht im Interview der FR über die Ästhetik der afrikanischen Moderne und den Druck, sich westlichen Erwartungen zu unterwerfen.

Drucken per Mail

Herr Kyeyune, Sie haben gerade vier Wochen am Frankfurter Museum Weltkulturen geforscht. Laut Projekttitel geht es um „Afrikanische Kunstgeschichte und die Formierung einer modernen Ästhetik“. Würden Sie denn überhaupt bejahen, dass es eine übergreifende afrikanische Ästhetik gibt?
Nein, das ist eher als Oberbegriff zu verstehen. Afrika kann nicht auf eine einfache Aussage reduziert werden. Natürlich gibt es viel Verbindendes, etwa die gemeinsame Geschichte des Kolonialismus oder der Evangelisierung. Aber auf einem riesigen Kontinent mit unterschiedlichen Kulturen gibt es natürlich viele lokale Geschichten. Die Umgebung prägt das, was Künstler ausdrücken möchten, ihre Ideen, die sich in der Kunst manifestieren. Entsprechend ist die ugandische Ästhetik eine andere als die südafrikanische oder jene im Senegal. Aber am Ende geht es dennoch um afrikanische Kunstgeschichte in ihren Variationen.

Gibt es dennoch einzelne ästhetische Charakteristika, die sich länderübergreifend zeigen?
Die Kultur Ugandas wurzelt in einer Geschichte alter Königreiche, das spiegelt sich auch teilweise in der Kunst. Andere Länder haben dieses Erbe nicht als Referenz. Ostafrika hat im Gegensatz zu Westafrika kein reiches Erbe skulpturaler Kunst, nicht diese lange Tradition der Masken. In dieser Hinsicht können Uganda, auch Kenia und Tansania ihre eigene moderne afrikanische Ästhetik ausbilden, ohne das Gewicht einer lange etablierten Skulpturentradition. Das unterscheidet unsere Kunst stark von jener in Ländern wie Ghana, Nigeria oder Senegal. Auch wenn manche ugandischen Künstler durchaus Bezüge herstellen. Francis Nnaggendas Werke etwa weisen eine starke Affinität zu westafrikanischen Maskenformen auf. Und sein Argument ist, dass er ein Afrikaner in Uganda sei und sich als solcher ebenfalls von den Masken angesprochen fühle. Dennoch konnte ich bei den Werken in der Sammlung des Weltkulturen Museums meistens direkt sagen, ob sie etwa aus Uganda oder Kenia stammen.

Woran haben Sie das erkannt?
Vereinfacht gesagt, weist die ugandische Kunst oft Charakteristika auf, die zeigen, dass viele Künstler durch die gleiche Schule gegangen sind, die Makerere Art School in Kampala. Kenia hingegen hat lange keine Kunsthochschule gehabt. Und obwohl viele Künstler sich in Uganda haben ausbilden lassen, gibt es sehr viele informell gebildete Künstler, denen es teilweise an Wissen über Anatomie und Perspektive fehlt. Es zeigen sich also Unterschiede in der Ästhetik, je nachdem, wer einen Künstler fördert, welche Galerien seine Kunst zeigen, welche Schule ihn ausgebildet hat – aber auch je nach den politischen Umständen der jeweiligen Zeit.

Was für Werke haben Sie in Frankfurt vorgefunden?
Sie stammen überwiegend aus der Makerere Art School. Der deutsche Sammler Jochen Schneider hat über Jahre hinweg Werke aus der universitätseigenen Galerie erworben, aber auch die Ausstellungen von Absolventen zum Erwerb von Grafiken, Gemälden, Keramiken und Skulpturen genutzt oder direkt von einzelnen Künstlern gekauft. Wir haben es also mit einer großen Sammlung von Künstlern aus Uganda zu tun, die ihre Werke in den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern schufen. Manche auch schon in den Fünfzigern und Sechzigern.

Zur Person

George Kyeyune ist Künstler und Kunsthistoriker. Er arbeitet als Dozent und Dekan am Margaret Trowell Institut für Industriedesign und Fine Art und ist Direktor des Instituts für Denkmalpflege und Restauration der Makarere Universität in Kampala. 2003 promovierte er in London an der School of Oriental and African Studies zu Entwicklungen in der Gegenwartskunst Ugandas.

In Frankfurt war Kyeyune zu Gast am Weltkulturen Museum als Mitglied des Forschungsprojekts „African Art History and the Formation of a Modern Aesthetic.“ Das Projekt des Weltkulturen Museums und der Universität Bayreuth (Iwalewahaus) wird im Rahmen der Initiative „Forschung in Museen“ von der Volkswagen-Stiftung unterstützt. Mit Siegrun Salmanian vom Iwalewahaus hat Kyeyune sich den verschiedenen Narrationen afrikanischer Kunst-geschichte in der Sammlung des Weltkulturen Museums Frankfurt gewidmet.

Das Weltkulturen Museum begann 1974, moderne Kunst aus Afrika zu sammeln. Heute umfasst die Gegenwartskunstsammlung rund 3000 Werke, schwerpunktmäßig aus Nigeria, Senegal, Südafrika und Uganda. Alleine die von Kyeyune analysierte Sammlung des deutschen Ingenieurs Jochen Schneider, der in den 60er bis 80er Jahren in Uganda lebte, enthält rund 1000 Werke, vor allem von Studenten der Makerere Art School. msa

Haben Sie sich allein auf diese eine Sammlung konzentriert?
Ich interessiere mich vor allem für Schneider, wegen seiner Fokussierung auf Makerere. In meiner Doktorarbeit habe ich bereits Bezüge zu einigen der Künstler hergestellt. Ich wünschte, ich hätte Schneiders Sammlung damals schon in Gänze gekannt. Diese Werke vertieft zu betrachten, verbessert mein Verständnis von zeitgenössischer ugandischer Kunst. Ich dokumentiere diese Arbeiten und ihren Kontext, schreibe ihre Geschichten auf und auch, was die Leidenschaft des Sammlers Schneider war.

Was analysieren Sie?
Ich betrachte die Sammlung als Ganzes, hinterfrage aber auch, warum manche Künstler mehr gesammelt wurden als andere. Hat das mit persönlicher Vorliebe zu tun? Oder handelt es sich bloß um jene Künstler, die damals am verfügbarsten waren? Außerdem interessiert mich die Tiefe, mit der manche Künstler ihre Zeit analysiert und durchdacht haben, erfinderisch und experimentierfreudig waren. Francis Nnaggenda ist ein gutes Beispiel, weil er mit ungewöhnlichen Materialien und in einer sehr schweren Zeit gearbeitet und trotzdem nicht die Kritik an den Regierenden gescheut hat. Interessant ist, dass Ugandas Kunstszene selbst zu Zeiten produktiv war, in denen es besonders schwierig war. Wer damals Kunst gemacht hat, hat an das geglaubt, was er geschaffen hat. Viele der Arbeiten verweisen auf eine innere Suche des Künstlers, eine Art kathartischen Effekt – Künstler nutzten ihre Arbeit als Form, sich und andere zu heilen.

Ist die Sammlung repräsentativ für Ugandas Kunstszene? Oder sagt sie mehr über den Sammler und seinen Blick auf Afrika aus?
Ich denke, es ist ein bisschen von beidem. Es ist ja nicht so, dass ein Museum Schneider damit beauftragt hätte, nach Afrika zu reisen und Werke zu erwerben, die Uganda repräsentieren. Er war ein Expatriierter mit persönlichem Interesse an ugandischer Kunst. Bei manchen Werken habe ich mich gefragt, warum er sie erworben hat. Aber es geht weniger um die ästhetischen Verdienste eines Kunstwerks, als darum, was es zu seiner Entstehungszeit repräsentiert. Ein Werk, das während der dunklen Zeit unter Idi Amin entstand, ist möglicherweise kein schönes Bild, es ist vielleicht sogar geradezu grauenhaft, aber fängt genau damit diese Zeit treffend ein. Die Sammlung zeigt zwar Schneiders Geschmack und Vorlieben, aber vermittelt auch eine Vorstellung moderner ugandischer Kunst. Sie ist gewissermaßen eine zweite Makerere Art Gallery in Deutschland. Als Ugander würde ich sagen, sie wird meinem Land durchaus gerecht.

Auch lange nach Ende des Kolonialismus existieren globale Ungleichheiten. Spüren afrikanische Künstler aus Abhängigkeit vom Kunstmarkt heraus den Druck, sich einer Art westlichem Geschmack zu unterwerfen?
Es hat einen gewissen Einfluss, das lässt sich nicht leugnen. Uganda hat wie gesagt nicht diese starke Maskentradition. Aber das kann auch ein Fallstrick sein auf dem europäischen Markt, wo noch immer oft die Annahme vorherrscht, wenn man keine Masken produziert, produziere man keine afrikanische Kunst. Afrikanische Kunst in diesem Verständnis muss bestimmte Bilder bedienen. Wir haben in Uganda eine reiche präkoloniale Kultur der Ornamente, Korbflechterei und Töpferei. Diese Kunstformen sind sehr afrikanisch – aber mit westlichem Blick betrachtet nicht afrikanisch genug. Und Künstler müssen sich auch teilweise dem beugen, was die Galerien verlangen, um es an die Expat-Community verkaufen zu können.

Wie sehr hat der westliche Blick die Ästhetik mit beeinflusst?
Der westliche Einfluss zeigt sich schon am Curriculum in den Kunsthochschulen. Wenn dort über Malerei gesprochen wird, werden Rembrandt oder Turner als Beispiele benannt. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat ein Umdenken eingesetzt, eine Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit. Uganda hat in Kunstbüchern lange gefehlt. Vielleicht wegen der Annahme, Kunst in Ostafrika werfe nicht die richtigen Fragen auf, sei nicht frisch und neu genug. Aber es gibt dieses Frische, Neue, das nicht nur Politik und Gesellschaft herausfordert, sondern Kunst als Sprache, als Objekt der Betrachtung. Die Kunst erfindet sich neu und teilweise zeigt sich das bereits in der Sammlung des Weltkulturen Museums. Die junge Künstler-Generation ist vielgereist. Sie weiß, was in der Welt passiert und welche Vorannahmen europäische Sammler über ihr Werk haben, dass manche afrikanische Kunst als eingefroren in der Vergangenheit imaginieren. Es gibt also den Druck, sich westlichen Erwartungen zu unterwerfen, aber auch Künstler, die ihre eigene Sprache finden, die in afrikanischen Traditionen wurzelt, sich aber aktueller Entwicklungen bewusst ist.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2016.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige