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Werkschau Claus Burys: Spannungsbögen schlagen

"Maßstabssprünge" heißt die Ausstellung mit Claus Burys Werken in Nürnbergs Neuem Museum. Dort ist zu sehen, wie sich der Künstler vom Schmuck zur Skulptur vorarbeitete. Von Christian Thomas

Kein Standpunkt ohne Bewegung, Schritt für Schritt. Sich rühren, sich verändern. Sich zum Bleiben anhalten, verharren. Claus Burys Skulpturen, die tief in sich ruhen, fordern zu Gedankenschritten auf. Innehalten, mit dem nächsten Schritt fortfahren. Auch in Nürnbergs Neuem Museum bilden Burys Arbeiten eine feste Bleibe der Einkehr. Doch dabei bleibt es nicht, deshalb gilt: Sich erneut regen.

Das beginnt praktisch schon vor dem Haus, auf dem Klarissenplatz, den, angefangen von einer mächtigen Stadtmauer, Altnürnberg säumt. In diesem Wirkungskreis hat Bury eine Skulptur errichtet, "Raststätte Nürnberg" nennt er die monumentale Plastik aus grobem Holz. Wie viele kapitale Werke Burys ist sie begehbar, und wer sie betritt, tut dies auf eigene Gefahr, und sei es allein wegen eines Splitters, ob man ihn sich nun in die Hand oder die Hose zieht. Dabei ist es nicht allein das buchstäblich Haptische, was diese Skulptur Burys, bei aller Massivität, zu einer heiklen Unterkunft macht.

Was machtvoll aufragt, zinnenbekrönt (ohne dass die Nürnberger Stadtmauer Zinnen hätte), besteht aus einem schrägen Stützenwald. Bei aller Bodenständigkeit der Skulptur, und das Gebilde folgt mit Sockel, Stütze und Gebälk einem uralten tektonischen Gesetz, fordert auf zur Mobilität. Verharren, sich verändern, fortbewegen.

Darüber gerät der schräg errichtete Stützenwald in Bewegung, nicht direkt (wie der Wald bei Shakespeare in seiner ganzen Bedrohung, denn der Wald wandert nicht). Und doch regt sich das, was im Sockel fest verankert ist, sobald der Beobachter um ihn herumwandert. Das Gehölz lichtet sich, es tritt kompakt zusammen, es erscheint undurchdringlich, es lichtet sich wieder. Und in der gläsernen Schaufront des Neuen Museums spiegelt sich Burys Hofhaus, prekär wie es ist, bei aller Stämmigkeit. In der Raumkurve eines Teils der 100 Meter lang gestreckten Glasfassade bildet sich, da es sich um eine doppelschichtige Membran handelt, ein monumentales Mobile ab. Es hängt am seidenen Faden der Perspektivverschiebung

"Maßstabssprünge" heißt Burys Ausstellung in Nürnbergs Neuem Museum, das von Volker Staab stammt und jetzt gut zehn Jahre alt ist. Seit 1979 entwirft und baut der 1946 geborene Bury architektonische Großplastiken, nun, seit über dreißig Jahren, kommt er in einer Ausstellung erstmals auch auf seine Anfänge zurück als gelernter Goldschmidt.

Über einen langen, schmalen Schaukasten beugt sich der Besucher über Burys Schmuckvergangenheit, die Preziosen erinnern nachhaltig an die Daseinsfreude des British Pop; was aus Metall und Glas in den 60er Jahren entstand, orientiert an den Arbeiten Edoardo Paolozzis, konzentriert auf kleinstem Raum einen Bewegungsdrang. Fortschrittsoptimismus, fixiert auf Gold oder Acrylglas. Der Besucher erinnert sich, Röhren und hydraulische Elemente ausmachend, an Armaturen oder Schalttafeln, "Yellow Submarine" oder die Maschinenmetaphern von Archigram.

Erst recht in der Gegenüberstellung mit den Entwurfszeichnungen an der Wand lässt sich erkennen, wie bereits in diesen Miniaturen Grenzen ausgeweitet werden, verschmelzen doch räumliche und plastische Ausprägungen. Am Ende sieht der Besucher auf Kleinstplastiken, ob Brosche, Ring, Anhänger, es sind tragbare Skulpturen.

An einem zweiten Tisch, Werkbank oder Tapeziertisch gleich, hat Bury verschiedene Holzminiaturen aufgebaut. Mit ihnen hat er so etwas wie einen Spannungsbogen durch sein Werk geschlagen, von A nach B. A zeigt eine Sockellandschaft, B eine Miniaturhochhauscity. Einmal mehr hält die Ausstellung Unausgeführtes fest, darunter Burys Vorschlag für das Denkmal der ermordeten Juden Europas in Berlin, dessen Geometrie er 1994 aus dem Ineinander und der Überlagerung von Davidstern, Hexagon und Raute entwickelte.

Die Modelle verweisen auf Gebautes aus Holz und Corten-Stahl, sie geben eine Vorstellung davon, dass Burys Skulpturen, bei aller Kontemplation, zu der sie nachdrücklich einladen, transitorische Räume sind, mancher darunter, der ein Schwebebalken für die Sinne ist.

Verweilräume werden zu Wanderwegen der Wahrnehmung. Ein solcher wäre wohl auch "Centerpark" geworden, gedacht für den Centralpark in New York, eine Freilichtarena, steil aufragend, einen Baum einhegend, ein Schutzraum unter freiem Himmel bildend, an das legendäre Londoner Globe erinnernd.

Beherrscht wird der Nürnberger Ausstellungsraum vom "Gewächshaus für Gedanken". Die eingestellte Skulptur, breit und schwer wie sie lagert, lässt den Betrachter unter der Betonkassettendecke, mit der Volker Staab den Ausstellungsraum überspannte, wie vor ein Stillleben treten. Wie so manche Skulptur Burys kann auch diese kräftig genutzt - beklettert und beschritten, besetzt und erkundet werden. Anders als in Burys Brücken und Bögen kann hier nicht eine heikel austarierte Balance erfahren werden, wohl aber die Allgegenwart ausgeklügelter Proportionsverhältnisse.

Die Burykunst beruft sich seit Jahrzehnten auf die Zahlensysteme eines Leonardo Fibonacci, die auf den Harmonievorstellungen des Mathematikers (~1180 - 1250) beruhen, der ein jedes Detail am Hofe Friedrichs II. in ein strenges Verhältnis (1 + 1 = 2; 2 + 1 = 3; 3 + 2 = 5; 5 + 3 = 8 ...) zum großen Ganzen unter der Sonne setzte. Burys Baupläne kommen von weit her, seine architektonischen Skulpturen basieren auf dem "Goldenen Schnitt", gleichzeitig, damit bekennt er sich zur Moderne, auf dem "Modulor" Le Corbusiers.

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Autor:  Von Christian Thomas
Datum:  20 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
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