Das 9/11-Museum am Ground Zero in New York ist nicht gerade das Lieblingsprojekt von Julia Chiang. „Das zieht sich wie Gummi“, beklagt sich die New Yorker Designerin, die für die Firma „Thinc“ an den Ausstellungsräumen arbeitet. „Alles ist politisch, bei der kleinsten Entscheidung wollen Dutzende von Leuten mitreden.“ Nicht ein einziger Entwurf, nicht eine Idee werde umgesetzt, ohne dass wieder und wieder Revisionswünsche berücksichtigt werden müssen. Seit 2006 ist Thinc schon an der Planung des Museums, die Fertigstellung ist für 2012 vorgesehen. „Ich arbeite sonst höchstens zwei Jahre an einem Museum“, so Chiang.
Um das 9/11-Museum wird beinahe ebenso heftig gezankt, wie um das geplante islamische Kulturzentrum ein paar Straßen weiter. Hier wie dort kann man sich nicht darüber einig werden, wie der 11. September zu interpretieren ist und wie man angemessen gedenkt. Neun Jahre waren offenbar nicht genug, um über diese Fragen Konsens zu erzielen.
Befürworter des islamischen Zentrums halten den Bau für ein vorzügliches Symbol für diesen Ort, ein Zeichen der Versöhnung und der Verständigung, einen Weg, Einigkeit der Weltkulturen gegen den Terrorismus zu demonstrieren. Die Gegner hingegen halten die Idee für eine Verhöhnung der Opfer. Bei der Museumsgestaltung verlaufen die Diskussionslinien ähnlich. Die eine Seite möchte am Ground Zero einen Diskurs über die historische Bedeutung des Ereignisses und mögliche Lehren und Konsequenzen führen. Die andere Fraktion beruft sich auf Pietät und will alles, was über eine reine Trauergeste hinausgeht, verhindern.
Der erste Entwurf für ein Museum am Ground Zero wurde nur Monate nach den Attentaten vorgelegt. Der Unternehmer Tom Bernstein, ein Bush-Freund, hatte die Idee eines „Freedom Center“ – eines Ortes, wo sowohl der Toten gedacht, als auch der Freiheit gehuldigt wird. Der Impuls war ein verbindender, die Einrichtung sollte auch dem Feindbild Amerika in der Welt entgegenwirken.
Erstaunlicherweise erfuhr der Plan massiven Widerstand durch die Angehörigen der Opfer. Oder besser gesagt, einer Gruppe von 30 Angehörigen, die sich zu Sprechern aller etwa 12000 Angehörigen ernannt hatten. Sie fanden, dass es bei einem Ground-Zero- Museum ausschließlich um die Würdigung der Toten gehen sollte und befürchteten, dass das Museum die damals schon geplante Gedenkstätte überschatten würde. In ihrem Widerstand schlugen sie einen seltsamen Ton an. Eine der Angehörigen schrieb einen Kommentar im Wall Street Journal, der das Freedom Center als anti-amerikanisch darstellte. Es gebe Amerika eine Mitschuld am 11. September, wenn es den Anschlag in einen Kontext stelle. Der Vorschlag Bernsteins wurde ironischerweise zum Produkt einer linken Verschwörung erklärt.
Die Familien schafften es schließlich, das Freedom Center zu verhindern. Das Museum wurde in die Gedenkstätte integriert und die Angehörigen überwachten jeden Schritt. Sie beklagten sich, dass der Architekt Michael Arad an der Gedenkwand die Namen der Toten aus künstlerischen Gründen nicht alphabetisch aufführte, sie beklagten sich, dass der Grundriss der Türme, der die Gedenkstätte umgrenzt, von den Planern aus technischen Gründen von der Originalstelle einige Meter verschoben wurde. Das New York Magazine nannte die Familien „einen Haufen egozentrischer Obstrukteure“.
Nicht zuletzt aus Furcht vor ihrer Macht beschränkt sich das Museum nun weitestgehend darauf, die Ereignisse des 11. September zu rekonstruieren. Dazu werden mit einer Vielzahl von Medien die Einzelschicksale des Tages erzählt und durch persönliche Gegenstände der Opfer fassbar gemacht. Doch die Familien sind nicht zufrieden. So nehmen sie etwa Anstoß daran, dass in der Dokumentation die Terroristen namentlich genannt werden, während man die beinahe 3000 Opfer erst in einer Datenbank suchen muss. Im Grunde, so Julia Chiang, möchten sie, dass Attentäter und Hintergründe nicht vorkommen. Sie wollen nur eine Art monumentaler Grabstätte.
Ein Minimum an Reflexion und Kontext hätten die Ausstellungsmacher dennoch gern, so geht bei den monatlichen Präsentationen der Entwürfe das Tauziehen mit dem Vorstand der Ground-Zero-Stiftung weiter, in dem die Familien vertreten sind. Und vor dem geplanten islamischen Kulturzentrum werden die Proteste täglich lauter. In beiden Fällen wird mit dem Respekt vor den Toten argumentiert. Und in beiden Fällen wird verhindert, dass Orte entstehen, an denen ein Dialog über die Bedeutung des 11. September entstehen kann.