Wer ihn kennenlernen durfte, musste ihn mögen. Der hochgewachsene, hagere Mann mit den markanten Gesichtszügen verfügte, gemeinsam mit seiner vor zwei Jahren verstorbenen Ehefrau Hildy, über eine der weltweit reichhaltigsten, schönsten, in der Qualität jedes einzelnen Bildwerks unübertroffenen Kunstsammlungen der klassischen Moderne. Das hätte ihn stolz machen können - Ernst Beyeler aber, dessen Tod am Donnerstag im Alter von 88 Jahren die Kunstwelt jetzt zu beklagen hat, machten seine Schätze eher demütig.
Noch als er 1997 anlässlich der Eröffnung von Renzo Pianos Neubau für seine Stiftung, die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, gerühmt wurde für seine Verdienste, lenkte er die Lobesworte um auf die Künstler der Sammlung: Alle Ehren gebührten doch einzig ihnen. Auf die Bilder müsse man sehen, sie in dem neuen Museum zu zeigen, und zwar möglichst vielen Menschen - das mache sein Glück aus. Von den Bildern Cézannes, Monets, Picassos, Rothkos und Max Ernsts wie von den Skulpturen und Zeichnungen Giacomettis konnte er dankbar schwärmen, viele Geschichten erzählen von jedem Werk. Man spürte den Kenner und zugleich den Liebhaber par excellence, der andere teilhaben ließ an seinen Amouren.
Wie manchen Musikern nachgesagt wird, sie hätten das absolute Gehör, so galt von Beyeler dass er den absoluten Blick hatte: Es gibt in seiner Sammlung kein Werk, das nicht höchsten Ansprüchen genügen würde. Zu bestaunen war das schon angesichts der Ausstellungen in der Galerie, die er über Jahrzehnte hin in der Bäumleingasse nahe des Basler Münsters betrieb. Kein Besuch in Basel seit den frühen Sechzigern, bei dem man nicht mit Gewinn dort vorbeigeschaut hätte. In den engen Räumen des alten Bürgerhauses haben wir viel von der Malerei erstmals sehen dürfen, die zum Inventar des zeitgenössischen Bewusstseins gehört.
Beyeler hatte die Galerie aus einem Antiquariat entwickelt, in dem er (nach Studien der Ökonomie und der Kunstgeschichte) gelernt und das er dann selbst übernommen hatte. Es soll der amerikanische Maler Marc Tobey, den es eine Zeit lang nach Basel verschlagen hatte, gewesen sein, dessen frühe, dichte, informelle Farbgeflechte Beyeler für die Kunst der Moderne derart begeisterten, dass er den Buchhandel aufgab und aus dem Antiquariat eine Kunstgalerie machte. Tobey wurde ihm ein Freund, wie er mit vielen Künstlern, die er auszustellen begann, engste Kontakte unterhielt. Das gilt für Picasso, der ihm in seinem Atelier die Wahl ließ, für Sam Francis, wie bis zu dessen frühem Tod für Mark Rothko, für Jasper Johns und Rauschenberg.
Immer ausgreifender hat Beyeler gesammelt. Schon in den sechziger Jahren gelang ihm mit der Erwerbung von mehr als 300 Werken der Sammlung Thompson in Pittsburgh ein Coup. Sie wurden zum Grundstock der Bestände, die ihn, auch durch die große Resonanz der Gastspiele seiner Sammlung im Ausland, schließlich dazu veranlassten, das Museum in Riehen zu gründen. Dort sind derzeit (FR v. 15.2.) vierzig Hauptwerke Henri Rousseaus zusammengeführt, des von vielen Avantgardisten der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewunderten Naiven der Moderne.
Im Vorwort des Katalogs rühmt Beyeler das Talent Rousseaus, "aus einer einmaligen Gestaltungskraft heraus eine neue Welt zu schöpfen." Gegen die Schrecken der Epoche hinzuführen in eine neue, jedenfalls andere Welt - man hat darin Vorsatz und Antrieb des Lebenswerks von Ernst Beyeler. Die wir partizipieren dürfen daran, bleiben ihm auf immer verpflichtet.